Stil + Stilmittel
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Emotional packen

Ich bin eine Heulsuse. In der Bahn oder in Cafés breche ich gern mal in Tränen aus, wenn ich was Ergreifendes lese. Ich spreche nicht mal von Romanen. Einmal habe ich losgeheult, weil in einer Meldung über einen Banküberfall ein einziger Satz stand, der mich mit der ganzen Verzweiflung des Räubers überschwemmt hat.

Texte, die uns emotional packen, fesseln uns nicht nur beim Lesen, sie bleiben außerdem deutlich besser hängen.

Doch wie können wir dafür sorgen, dass wir Lesern nicht nur Inhalte vermitteln, sondern sie emotional berühren?

Es geht um Gefühle

… klingt logisch, gell? Und doch ist genau das der Knackpunkt. Denn dieses Lebendige, Berührende wird gerne missverstanden.

  • Die einen denken, es ist mit dem Aussprechen von Gefühlen getan. Das ist wie, wenn jemand einen Witz erzählt und dabei ständig betont „Das war aber lustig!“
  • Die anderen meinen, es geht um übertriebene, aufgebauschte Beschreibungen.
  • Und wieder andere glauben, dass Gefühle per se in ihren Texten nichts zu tun haben, dass sie damit unseriöser werden. Darüber hab ich schon mal geschrieben: Sei unterhaltsam!

Fürs berührendere Schreiben gelten übrigens dieselben Domino-Effekte:

Domino-Effekte, wenn du unterhaltsamer schreibst

Am allerbesten ist es, wenn du beim Lesen richtige Emotionen herbeiführst. Wenn deine Leser auflachen oder zumindest schmunzeln. Wenn sie empört die Augenbrauen zusammenziehen. Oder eben weinen. Nicht umsonst heißen Schmachtfetzen im Englischen „Tearjerker“: Da wird ganz gezielt das Heulen provoziert.

Lesen macht am meisten Spaß, wenn die Emotionen gekitzelt werden. Darum greifen Leute zum Liebesroman und bangen mit, ob sich die beiden bekommen, oder sie lesen einen Krimi mit zum Zerreißen gespannten Nerven. Wenn das aber nicht eintritt, wenn einem die Protagonisten gleichgültig sind oder die Sache vorhersehbar vor sich hin plätschert, hat man schnell keine Lust mehr. Das gilt genauso für andere Texte! Vergleich mal die Newsletter, die du so abonniert hast, oder die Blogs, die du besonders gerne liest, mit denen, die dich kalt lassen oder bei denen du dich eher durch die Texte quälst, selbst wenn sie inhaltlich interessant für dich sind.

Pack deine Leser bei ihren Bedürfnissen

Bedürfnisse sind keine abstrakten Konzepte. Darum ist es ein Jammer, dass so oft inflationär mit Begriffen wie „erfolgreich“ hantiert wird [Buzzwords aufsprengen]. Als LeserIn will ich keine „erfolgreiche Beziehung“, ich will mehr Liebe, mehr Vertrautheit, mehr Innigkeit, eine Schulter zum Anlehnen, ein starkes WIR-Gefühl. Wenn ich in Sport gehe, will ich nicht nur fit sein: ich will mich stark fühlen, schlanker sein, mehr Durchhaltevermögen erreichen, entdecken, was so in mir steckt …

Je näher du an diese Bedürfnisse kommst, je konkreter du sie benennst, desto mehr tut sich bei deinen Lesern. Sie fühlen sich viel mehr verstanden und sind sofort motivierter, weiterzulesen, weil da etwas angesprochen wird, das sie wirklich wollen.

Eigene Statements trumpfen!

Keine Sorge: Du musst nicht immer weltbewegende Neuigkeiten aus dem Hut zaubern. Die Entscheidung darüber, was „besonders“ ist, fällt immer noch der Leser.

  • Manchmal ist es besonders neu,
  • manchmal besonders außergewöhnlich
  • und manchmal ist es einfach gerade besonders relevant.

Das kann sogar ein Beispiel sein oder etwas, das du von dir preisgibst.

Je näher am Menschen, desto besser. Nehmen wir das gern genommene: „Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass Menschen mit zunehmendem Alter mehr wiegen.“

Gähn.

Erstens sind solche Studien meist alte Hüte, zweitens oft falsch zitiert – aber das eigentlich Schlimme: sie sind schwammig und distanziert. Es ist doch viel relevanter, wenn ich schreibe:

„Es heißt ja immer, dass Leute mit zunehmenden Alter an Gewicht zulegen. Zu meinem Entsetzen muss ich feststellen: Das stimmt! Und wenn ich mich im Bekanntenkreis so umsehe … uiuiui. Wie schaut es denn mit Ihren Gürteln aus? Auch schon mit dem Dosenöffner neue Löcher gebohrt?“

Hier steht mehr über die emotionale Qualität.

„Ich werde verstanden und ich fühle mit.“

Besonders wenn es um Ratgeber-Texte geht, ist es wichtig, dass die Zielgruppe sich verstanden fühlt. Wenn mich ein Text abholt, mir den Rücken stärkt, mir Mut zuspricht und mir nicht einfach Ratschläge vorgesetzt werden, kann ein Band entstehen. Je schwieriger und belastender die Situation ist, desto mehr können die Leser ausatmen und erleichtert sein: Ich werde nicht verurteilt. Ich bin nicht alleine. Es gibt eine Lösung.

Dazu gibts einen Dreiteiler: Was du für deine Leser noch tun kannst

Das Schöne ist, …

… dass du genau diese Dinge erreichst, wenn du tust, was ich immer wieder betone:

  • Sei „normal“.
  • Bleib bei dir.
  • Rede mit deine Lesern und nicht an deine Leser hin.

Wer das tut, ist automatisch echter – und wer lernt, seine eigenen Emotionen reinzubringen, der berührt seine Leser. Das Allerbeste daran ist aber, dass du damit Aha-Effekte verstärkt möglich machst.

Das kennst du auch: Du liegst Buch um Buch und eines Tages hast du einen Erleuchtungsmoment. Ein Spruch, ein Beispiel, ein Rat knallt voll rein, obwohl du ihn schon zigmal gelesen oder eigentlich weißt, dass das wichtig ist. Aber in diesem speziellen Text hat es Klick gemacht, weil dich ein Zusammenhang oder eine Formulierung berührt hat. Weil du dich verstanden fühlst oder jemand mutig genug war, etwas von sich preiszugeben und du dir dadurch eine unbequeme Wahrheit eingestehen konntest.

 

5 Kommentare

  1. Jutta Biehl-Herzfeld sagt

    Ja, stimme gerne und voll zu.
    Und es bleibt ein schmaler Grat. Gefühle in Texte reinbringen, weil es ja normal ist und wir alles, auch die scheinbar super sachlichen Dinge, immer mit emotionalen Anteilen erleben. Aber – und das ist die Schwierigkeit- nicht Emotionen auf die Schreibbühne zerren „um zu“, als Argumente-Ersatz. Dieser kleine aber feine Unterschied ist die Herausforderung, finde ich. Wie siehst Du das?

  2. Gitte Härter sagt

    Ja, Jutta. Alleine die Gefühlsebene bringt nichts.

    Erst wollte ich sagen: „einen schmalen Grat finde ich das nicht“, weil die Substanz/der Mehrwert ja immer in den Argumenten steckt – wie du schon sagst: das eine als Ersatz fürs andere kann nicht sein.

    Ich lese auch öfter mal Texte, wo jemand praktisch immer nur emotional um was herumkreist, anstatt irgendwas zu begründen. Das ist meiner Erfahrung nach der Fall, weil viele nicht gewohnt sind, richtig aufzudröseln, was sie sagen wollen – und was dafür spricht.

    Das Konkretwerden, von dem ich wieder und wieder und wieder spreche. 🙂

    Mit meinen Kunden mach ichs darum immer so, dass ich das Formulieren erstmal verbiete und immer, immer, immer dazu „zwinge“ erstmal die Kernbotschaften/die „nackten Fakten“ und Argumente festzulegen. Wir kümmern uns im Konzept eines Textes also durchaus um die emotionale Qualität, aber da wird nicht emotional rumformuliert, sondern man weiß zum Beispiel „XY bringt mich auf die Palme, weil“ und dann werden – wie ich das im Blog schon oft geschildert habe – alle Inhalte/Argumente festgelegt. Gehts dann ans Schreiben, kann man sich getrost auf das Formulieren (und damit das Emotionen reinbringen) konzentrieren – weil die Substanz auf jeden Fall enthalten ist.

    Viele Grüße
    Gitte

  3. Jutta Biehl-Herzfeld sagt

    Liebe Gitte, danke wieder einmal für Dein großzügiges Teilen Deiner Kompetenzen! Genau wie Du schreibst: Zuerst die Struktur/Konzept/Argumentation, dann imAusformulieren die Emotionalität! Da zeigt sich, ob ich als Schreiberin bereit bin, mich auf die reflektierte Schiene zu begeben -oder einfach drauf los in die Tasten haue. Kapiert!
    Vielen Dank!

  4. Liebe Gitte,

    du hast es perfekt geschrieben. Du hast mir so viel Inspiration gegeben für meine Beiträge. Besonders, weil du immer sagst das man natürlich bleiben soll und so schreiben soll, wie man gerne schreibt.

    Da kommen immer die besten Beiträge raus und das habe ich bei mir auch schon festgestellt.

    Ich nehme dein Zitat von „Pack deine Leser bei ihren Bedürfnissen“ gerne auf und werde es berücksichtigen, weil es manchmal schon schwierig ist, allen die Bedürfnisse zu geben die sie benötigen.

    Dankeschön

    Stephan

    • Gitte Härter sagt

      Huhu Stephan,

      wie schön! Das freut mich sehr, dass ich dich inspiriere und du immer noch mehr bei dir selbst bleibst + so schreibst, wie es dir gefällt.

      Das stimmt: Es ist sehr viel anspruchsvoller, zu versuchen, den ganz unterschiedlichen (und unbekannten) LeserInnen gerecht zu werden. Aber in diesem Fordernden liegt gleichzeitig was ganz Tolles: Man merkt selbst, wie schlau man ist. 🙂 Haha! Das stimmt echt, denn alleine die Herausforderung, anders auf alles draufzuschauen, was so im eigenen Kopf ist und es damit auch ein wenig universeller darzulegen, das bringt so viel mehr zutage. Vor allem verknüpfen wir die Dinge neu und ganz anders.

      Ich sag immer: In dem Moment, wo wir als AutorIn sagen „Oha! Wie mach ich das denn jetzt?“, wird der Text besser – das ist die Stelle, wo viele zurückrudern und die Latte dann tiefer legen wollen, weil sie denken, sie schaffen die höhere nicht. Dabei würden sie sie schon schaffen. Also nie zurückrudern. 😉

      Herzliche Grüße
      Gitte

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