Stil + Stilmittel
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Geschwindigkeit regulieren

Damit, lockerflockig zu schreiben – so, wie man spricht – tun sich viele schwer. Erst recht, wenn die Konzentration darauf liegt, sich gleichzeitig die Inhalte auszudenken. Ein weiterer Grund übrigens, warum ich darauf poche, dass meine Kunden vor dem Formulieren die Substanz zusammenzutragen.

Heute richte ich das Rampenlicht mal darauf, wie du mit Formulierungen die Dynamik eines Textes beeinflussen kannst.

Vorab:

Um welche Emotion gehts?

Eine Textstelle zu verlangsamen oder zu beschleunigen, verfolgt immer ein bestimmtes Ziel:

  • Ich will die Stimmung einer Situation einfangen.
  • Ich will erlebbar machen, wie ich – oder eine andere Person – sich fühlt.
  • Oder es wird ganz meta: Ich bin Schreibcoach und will zeigen, wie unterschiedlich sich Texte „anhören“ [+ wirken], je nachdem, wie man sie formuliert.

Damit steigt nicht nur die Lebendigkeit eines Textes, sondern:

  • du ziehst deine LeserInnen mehr rein.
  • die Identifikation gelingt besser, weil du deine Leser emotional berührst.
  • du wirkst glaubwürdiger, weil alltagsnäher.

Und: Der Lesespaß steigt! Denn mit so eingestreuten Stilmitteln bringst du Pep rein, was besonders wichtig ist, wenn du sonst eher neutral-sachlich schreibst oder das Gefühl hast, dass deine Texte eher langweilig sind.

Das Gute: Du brauchst nicht virtuos wortzukünsteln, sondern es reicht völlig, wenn du dir überlegst, wie sich das, was du ausdrücken willst, gesprochen anhört.

Hier ein paar Varianten zu deiner Inspiration.

Beschleunigen

„Schneller reden“ geht beim Schreiben buchstäblich ohne Punkt und Komma. Doch Vorsicht: Bei längeren Sätzen leidet die Lesbarkeit. Darum ist oft die bessere Wahl, nur auf die Punkte zu verzichten.

Nehmen wir an, ein Karrierecoach schreibt über Jobwechsel:

Gerade bei großen Entscheidungen springen die Gedanken oft wild im Kopf umher. Das macht die Angelegenheit noch viel komplexer. Außerdem findet man keinen Anfang.

Dann könnte so klingen:

Steht eine große Entscheidung an, wird der Kopf mitunter zum Flipperautomaten: Das ist die große Chance, die kommt nie mehr, was soll ich nur machen, wenn ich x denke kann ich y vergessen, und was soll ich nur machen, wenn das mein Chef herausfindet?

Ein einzelner Satz (oder Gedanke) lässt sich wunderbar komplett zusammenhängen:

Vorgestern schlendere ich so durch die Stadt, da begegnet mir mein Ex mit seiner neuen Freundin. Es entwickelt sich ein surrealer Smalltalk, der kein Ende nehmen will. WiekommichbloßausderNummerwiederraus?

… oder du verkürzt deine Aussagen + erhöhst die Dichte: Also mehr Infos auf einmal reindrücken.

Sagen wir, jemand schreibt einen Text über Stress und möchte den Leser richtig atemlos machen. Dann ist ein stakkatoartiges Bombardement das Mittel der Wahl.

statt:

Kennen Sie das: Sie überhören den Wecker und sind spät dran. Dann startet der Tag schon mit Hektik.

Hört sich das plötzlich so an:

Oh nein! Wecker nicht gehört! Schnell aus dem Bett springen. Wo sind die blöden Klamotten? Mist, unterschiedliche Socken. Egal. Stiefel angezogen. Mantel übergeworfen. Zur Haltestelle hasten. Bus kommt nicht! …

Verlangsamen

Auch beim Langsamerwerden ist wichtig zu schauen, was genau man ausdrücken will. Soll rüberkommen, dass sich eine Situation zieht wie Kaugummi? Oder dass sich jemand verhält wie eine Schlaftablette? Geht es darum, ein Zögern zu illustrieren? Oder dass einem die Worte fehlen?

Je nachdem, welche Stimmung/Emotion das Verlangsamen vermitteln soll, geht das mit

  • lang gezogenen Vokalen
  • umständlichem Satzbau, Details und/oder Übertreibungen
  • Hindernissen (= Satzzeichen) im Weg

Beispiele:

lang gezogene Vokale

Wenns eins gibt, was ich nicht abkann, ist das Waaaaaaaaaaaaaaaaaaarten.

umständlicher Satzbau, Details und/oder Übertreibungen

Nehmen wir den Text einer Produktivitätstrainerin:

Kurz vor Ende der Deadline hauen manche die Prokrastinationsbremse rein. Da wird fleißig die Wäsche gewaschen. Das Katzenstreu gewechselt. Der Keller endlich mal wieder ausgeräumt, und und und

Das wirkt so gleich ganz anders:

Kurz vor Ende der Deadline hauen manche die Prokrastinationsbreme rein. Da wird erst einmal bedächtig die Wäsche sortiert, gewaschen und gebügelt. Das Katzenstreu gewechselt – ach, in der Tüte rasseln ja nur noch ein paar Hundert Körnchen, schnell noch kurz zum Drogeriemarkt und dann in den Keller bringen. – Hier sieht es aber aus! Gleich mal die Ärmel hochkrempeln und …

Wichtig: Solche Aufzählungen nie zu sehr auswalzen. Du siehst im unteren Beispiel, dass durch die weiteren Details der Text natürlich länger wird. Aber nicht wesentlich! Ich habe die ursprünglichen Aufzählungspunkte nur ausgeschmückt und mit den drei Punkten gezeigt, dass das so immer weiter geht.

Hindernisse (= Satzzeichen) in den Weg gelegt

Diese Variante ist speziell und tut manchen von euch weh, weil es natürlich so überhaupt nicht korrekt ist. Doch trau dich ruhig an sowas ran, denn es ist ein Stilmittel, das eine bestimmte Wirkung erzeugen soll.

Das. Hab. Ich. Schon. Hundert. Mal. Gesagt.

 

Hast du gemerkt, dass ich bei einigen Beispielen in die Gegenwart gewechselt bin? Auch das ist ein Stilmittel, das die Leser viel mehr in den Moment mitnimmt.

Bitte dosiert einsetzen!

Bei solchen Stilmitteln macht die Dosis das Gift. Nutzt du eins zu oft hintereinander, stört es eher. Wie, wenn ein Gesprächspartner eine Sprechmacke hat – etwa an jeden Satz ein „Nicht wahr?“ hängt.

Genauso ungut ist es, zu viele davon gleichzeitig zu verwenden.

Hab einfach im Kopf, dass du mit Formulierungen spielen kannst. Immer, wenn du eine Emotion ausdrücken willst oder eine Anekdote schildern, denk an die Geschwindigkeit von Formulierungen. Manchmal reicht schon ein kleiner Akzent, damit eine Passage lebendiger wird.

Die schöne Nebenwirkung ist, dass solche lockerflockigen Passagen das Schreiben lockerer machen – selbst, wenn sie noch so kurz sind. Wundere dich also nicht, wenn du auch drumherum plötzlich etwas mehr bei deinem Plauderton landest!

 

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