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“Schlecht schreiben” gibt es nicht

Bei einigen mag sich jetzt Widerstand regen, weil es vermeintlich objektive Kriterien für besseres oder schlechteres Schreiben gibt. Eventuell hebt der Deutschunterricht von früher den Kopf und bellt was von Grammatik und Rechtschreibung.

Mein ganz persönliches Universum sind EinzelunternehmerInnen, die für ihr Business schreiben. Viele meiner Kunden und Leser bloggen. Andere veröffentlichen immer mal Fachartikel oder schreiben ihre Selbstdarstellung.

In den bald zwanzig Jahren meiner Selbstständigkeit habe ich kaum jemanden getroffen, der wirklich schlecht geschrieben hat. Seltene Ausnahmen sind Leute, die beim Sprechen konsequent „wirr“ sind und nicht lang genug bei einem klaren Gedanken bleiben.

Klar haben Texte so ihre Probleme. Klar geht es immer noch anders. Und meistens sogar noch besser. Weil Schreiben, insbesondere im eigenen Stil, eine Entwicklung ist. Bei dir, bei mir. Wir alle haben bei jeder Fähigkeit immer Luft nach oben.

Mir gehts um die wenig hilfreiche Einteilung in “gut” oder “schlecht” und das Label, das man sich damit verpasst. Das nicht nur hemmt, sondern ganz schön verunsichern kann.

Ohne zu beschönigen:

Fast alle Texte, die ich im Laufe der letzten Jahrzehnte gesehen habe, sind schon okay. Und DAS ist das eigentliche Problem. Denn ein Okay-Text ist nicht pauschal schlecht, aber er

  • bleibt zu sehr an der Oberfläche (bringt keinen richtigen Mehrwert)
  • und ist meistens noch dazu recht neutral (könnte überall stehen).

Die meisten dieser Okay-Texte bieten durchaus Informationen oder Anregungen, bleiben allerdings sehr oft weit unter ihren Möglichkeiten.

Das ist schlecht fürs Business. Im Extremfall ist der Aufwand, der damit verbunden ist, unverhältnismäßig hoch – aber deshalb sind weder Text noch Schreibe “schlecht”.

Anstatt sich mit Schwarz-Weiß-Denke à la “schlecht schreiben” oder “kann das nicht” zu behindern, ist es viel hilfreicher, näher hinzusehen.

Meiner Erfahrung nach gibt es diese Schrauben-Kategorien, an denen du drehen kannst, um Okay-Texte zu vermeiden und mehr aus dir rauszuholen:

Unklar

Schraube: Der Text verfolgen keine klare Absicht

“Nicht klar genug” hat den Ursprung sehr häufig darin, dass der Mensch dahinter entweder keine Absicht für den Text hat oder, genauso schlimm, viel zu viel auf einmal will:

Bloß gut, dass diese Schraube total leicht erkennbar ist. In der Regel weiß mans eh, dass keine Absicht da war. Der größte Hinweis ist die Überschrift, mit der du startest. Je schwammiger, schlagwortartiger und neutraler, desto ungünstig.

War eine Absicht da oder sind es zu viele, merkst du es, sobald du danach Ausschau hältst. Sowas rutscht nur durch, wenn wir gar nicht darauf aufpassen.

Schraube: Inhalte + Ausführung sind zu sprunghaft

Etwas schwieriger für unsere Expertenköpfe ist es, zu erkennen, wenn ein Text – oder eine einzelne Passage – missverständlich ist. Das hängt zum einen damit zusammen, dass für uns selbst vieles selbstverständlich ist, unser Hirn darum Dinge als “eh klar” wertet oder sich Zusammenhänge und Erklärungen dazudenkt, die gar nicht dastehen.

Rein schreiberisch können sich natürlich eigene Herausforderungen auftun.

Unkonkret

Schraube: zu wenig Tiefe

Das ist der Klassiker – zu stark an der Oberfläche bleiben. Fast immer liegt das daran, dass das Thema zu groß oder/und zu schwammig gewählt wurde. In Workshops merke ich, dass die TeilnehmerInnen zwar mit dem Begriff “Plankton-Thema” vertraut sind, aber fast immer anfangs ignorieren, wie klein so ein Plankton wirklich ist. 🙂

Bist du neu hier? Dann lies am besten den eben erwähnten Artikel Schreib spontaner! Mit klaren Entscheidungen. Da steht in Kurzform alles Wesentliche drin, das dich in die Tiefe führt.

Es gibt aber noch eine weitere Gefahr: Das Abfrühstücken. Haben Autoren ihre Leser nur so grob als Zielgruppe im Kopf, versetzen sich aber nicht wirklich in sie rein, dann galoppieren sie mit Infos und Anregungen gerne zu flott durch – und der Leser steht ratlos davor.

Schraube: nicht genug Eigenes

Erstaunlich, aber wahr: Sind Texte zu neutral, werden sie ebenfalls unkonkret. “Eigenes” bedeutet nicht nur, dass ein Text von Wortwahl und Formulierungen nach uns klingt, sondern auch, dass er unsere Art, Erfahrungen und Herangehensweise demonstriert. Klartext reden, das geht allerdings nur, indem du einen klaren Standpunkt vertrittst. Wenn du dich traust, etwas von dir zu zeigen und schon mal aus dem Nähkästchen plauderst.

unlustig

Schraube: nicht inspiriert

Vor einiger Zeit habe ich schon mal über Kreativität geschrieben, und dass es dabei eher darum geht, uninspiriert zu sein. Das gilt beim Schreiben ganz generell, finde ich.

Immer mal wieder etwas anders auf Einzelthemen gucken: einen bestimmten Blickwinkel einnehmen; Lust haben, das Artikel-Format zu verändern; die eigenen Denk- und Schreib-Betten aufzuschütteln, so dass ich mich in mein eigenes Thema und meine Absicht reinsteigern kann.

Mitunter handelt sich um eine tatsächliche temporäre Unlust. Fast alle, die bloggen, ereilt phasenweise der Bloggerblues. In der Arbeit mit Kunden merke ich allerdings, dass viele schlichtweg gar nicht sehen, dass es ganz viele Themen innerhalb eines Themas gibt. Dass die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse jede Menge verändern – vor allem für einen selbst: Wenn du spürst, dass deine Texte die Augen öffnen und für deine Leser handfest was verändern können, dein Schreiben also unmittelbar etwas bewirkt.

Schraube: Autopilot

Schließlich gibts das routinierte Schreiben. Das hat viele guten Seiten, weil es schnell geht. Weil wir wissen,was wir tun. Weil wir einen Text einfach so runterspulen können. Genau das ist gleichzeitig der Nachteil.

Ob gerade so viel anderes zu tun ist … ob wir über ein Thema schreiben, das uns eigentlich langweilt … ob wir in eine Nebenbei-Schreibproduzier-Gewohnheit geraten sind, damit sich regelmäßig was im Blog tut … Auf Autopilot sind wir nicht wirklich engagiert, und das merkt man dem Text an.

Ich behaupte, dass jeder Mensch solche Autopilotphasen hat, die sich auf bestimmte Tätigkeiten beschränken können, oft jedoch Lebensphasen sind – die sich schon mal länger hinziehen können. In denen hat man dann eben einfach nicht so die Lust.

Der Autopilot ist nichts, das man absichtlich tut. Das ist das Vertrackte, denn wir kriegen nicht wirklich mit, was wir tun. Selbst, wenn uns das Ergebnis solide vorkommt, ist mangelndes Engagement spürbar. Schreiben wir für unser Business, ist jeder Text ein Stellvertreter – von uns und unserer Arbeit. Tja!

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Nicht bei jedem Thema oder fertigen Entwurf weiß man gleich, wie sich das reparieren lässt. Egal. Das Wichtigste ist, überhaupt zu merken, dass da was nicht passt. Zu erahnen, dass in der Idee mehr steckt, es noch nicht genug nach dir klingt oder du deine LeserInnen intensiver an der Hand nehmen könntest.

Dieses Merken muss differenziert sein. Ein “ist schlecht” oder “gefällt mir nicht, lass ich auf der Festplatte versauern” bringt weder den Text noch dich weiter.

Keine Lösung ist, einfach immer weiter Okay-Texte zu veröffentlichen:

Darum klopf die sechs Schrauben ab, die manchmal in Kombination auftreten:

  • unklar – keine Absicht, sprunghaft
  • unkonkret – zu wenig Tiefe, nichts Eigenes
  • unlustig – nicht inspiriert, Autopilot

Idealerweise nicht erst, wenn der Text dasteht. Das Konzipieren fängt das alles schon vor dem Schreiben des ersten Wortes ab. Das schult die Schreibfähigkeiten und mit der Zeit lösen sich diese Textprobleme dadurch sowieso weitgehend in Luft auf.

Wie gesagt: Schreiben ist eine Fähigkeit, die sich entwickeln muss. Das braucht Übung und Erfahrung. Wie jede andere Fähigkeit.

 

1 Kommentare

  1. Ich habe den Text (noch) nicht gelesen, werde es sicher tun.
    Ich wollte dir nur sagen, dass mir das Foto sehr gut gefällt.
    ciao!
    Maria

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