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Aus Macken was machen: Häufungen

Ihr wisst, ich bin eine Freundin des Quick-and-Dirty-Entwurfes. Den konzipierten Text frisch-fröhlich von der Leber weg runterzuschreiben. Je flüssiger das passiert, desto flüssiger und „normaler“ liest es sich. Wer schon beim Schreiben total rumformuliert, macht meistens alles neutraler und unabsichtlich gestelzter. Viel besser ist es, den dir eigenen Plauderton einzufangen.

Wer so schreibt, hat aber natürlich einen Entwurf, der wirklich „schmutzig“ ist: Da findet sich der eine oder andere langatmige Satz, doppelte oder nicht so kraftvolle Wörter, Grammatik- und Rechtschreibfehler. Das soll so sein! Dafür ist es ja ein Entwurf.

Hast du vorher alles systematisch durchdacht, ist die Feintuningphase nur noch ein Polieren.

Ganz vorne mit dabei sind die Häufungen:

  • Wörter, die du besonders gern verwendest. Das können Lieblingswörter sein; Fachbegriffe, die du oft brauchst; Wörter wie „auch“, „immer“, „viele“ oder häufig genutzte Standards, wie „machen“, „sagen“, …
  • Formulierungen, die sich ein- oder mehrmals wiederholen. Eine Redewendung; die Angewohnheit, Sätze mit „Und“ zu beginnen; ständige Wenn-Konstruktionen, …
  • Satzzeichen, die ständig wiederkommen. Doppelpunkte, Ausrufezeichen, Auslassungspunkte, Klammern, Gedankenstriche, …

Jetzt ist es eine Sache, in einem Text solche Häufungen einfach wegzupolieren und eine ganz andere, diese individuellen Macken dafür zu nutzen, gezielt besser zu werden. Denn dann wird aus dem bloßen Überarbeiten ein Aus-Fehlern-lernen: Du schleifst gezielt an deinen Schreibfähigkeiten.

Häufungen sind Momentaufnahmen

Wer kontinuierlich schreibt, macht immer eine Entwicklung durch. Sobald du bewusster wahrnimmst, was sich häuft, weißt du auf Anhieb, worauf du im Feintuning besonders achten musst. Noch interessanter ist dabei, dass sich durch dieses bewusste Wahrnehmen etwas verändert. Denn du gibst deinem Hirn die Gelegenheit, die bisherige Gewohnheit nach und nach bleibenzulassen, indem es auf etwas verzichtet oder von vornherein anders denkt.

Ich geb dir mal ein eigenes Beispiel. Typische Häufungen in meinen Entwürfen sind derzeit:

  • auch
  • gerade
  • viele
  • Gedankenstriche
  • Doppelpunkte
  • ein Und am Satzbeginn

Die kenn ich als meine derzeitigen Häufungskandidaten. Einige davon sind schon viel weniger geworden, andere sind einfach momentan inflationär drin. Zum bewussten Wahrnehmen gehört aber jetzt, nicht nur zu wissen „ich durchsuche den fertigen Entwurf gezielt nach AUCH“, sondern dass ich mir darüber klar werde, was jeweils hinter der Häufung steckt.

Was steckt dahinter?

Es gibt verschiedene Auslöser von Häufungen. Darum ist es eine gute Idee, bei deinen aktuellen Häufungs-Kandidaten neugierig näher hinzuschauen:

Hast du dir einen bestimmten Schreibstil angewöhnt?

Hier gibt es einerseits den Schreibstil, den man gar nicht haben möchte. Diese Schreibstile sind meistens durch eine frühere Berufstätigkeit, das Studium oder durch die Branche geprägt. Etwa ein arger Hauptwörterstil, der in der Angestelltenzeit gefordert war, wissenschaftliche „Neutralität“, techniklastige Distanziertheit, o. Ä. In bestimmten Branchen ist ein Vokabular üblich, das dich in bestimmte Schubladen bringt, in denen du dich nicht wohlfühlst. So kann es sein, dass du in einer spirituelleren Branche bist, die dir persönlich zu esoterisch wirkt.

Der Stil muss immer zu dir passen! Denn als EinzelunternehmerIn ist jeder Text ein Stellvertreter für dich als potenzieller Auftraggeber. So, wie dein Text ist, wirst du wahrgenommen.

Besonders die Schreibgewohnheiten, die du gar nicht haben willst, gilt es aktiv aufzubrechen. Wer also zum Hauptwörterstil neigt: Augen auf und möglichst viele Hauptwörter in Verben auflösen! Wer merkt „ich hab tonnenweise Kommas drin“, neigt zu Schachtelsätzen: dann kürzere Sätze machen. Du wirst sehen, wie sich nach einiger Zeit des bewussten Veränderns dein Stil automatisch verändert.

Bleibst du dir bereits treu, indem deine Texte so klingen wie du „in echt“ bist, dann hast du in deinem persönlichen Schreibstil sehr wahrscheinlich Häufungen, die sich automatisch einschleichen: Eigene Sprachmuster, ein spezifisches Vokabular, der Rhythmus, wie wir Sätze aufbauen – all das prägt natürlich unsere Schreibe.

Bei mir sind das „gerade“, die Doppelpunkte und die Gedankestriche ein Ausdruck meines individuellen Sprachmusters. Ich betone häufig mit „gerade als …/gerade durch“ und takte meine Satzteile mit gedanklichen Pausen durch.

Das ist in Ordnung: Ich will es nicht wegpolieren. Aber ich muss es im Griff behalten, denn alles, was zu oft vorkommt, wirkt auf Leser eintönig und bringt mich in eine Routine rein, die sich mehr und mehr verfestigen kann.

Ist es eine temporäre Macke?

Vielleicht hängt sich dein Hirn, wie meins, einige Zeit lang an einem oder zwei Wörtern fest. Ich hatte eine Zeit, wo ich exzessiv „großartig“ benutzt habe. Ein andermal war es „insbesondere“.

Wer das kennt, weiß: Diese temporären Macken kommen und gehen. Aber während ihrer Hochphase sind sie überall drin.

Der kleine Bruder dieser zeitweisen Macke sind Begriffe, die sich innerhalb eines Textes wiederholen. Es ist total weit verbreitet, dass man eine Floskel nutzt, wie „eine große Rolle dabei spielt“ und keine drei Sätze weiter unten steht wieder „eine große Rolle dabei spielt“.

Sitz bitte so temporäre Macken nicht einfach aus, indem du einen Text zwar korrigierst, aber sonst nichts damit machst. Sondern überleg dir:

  • Was sind alternative Formulierungen,
  • Synonyme
  • oder wie kann ich den Satzbau variieren?

Ziel ist immer, die Häufung aktiver für dich zu nutzen. Merkst du also, du hast „eine große Rolle dabei spielt“ mehrfach wiederholt, dann mach eine kurze Schreibübung draus und frag dich: Welche drei anderen Formulierungen fallen mir dazu ein? – Das ist schnell passiert und du hast viel mehr draus gelernt, als nur diese eine Wiederholung zu tilgen.

Kommts vom Labern – Füllwörter und Floskeln?

Jeder labert. Erst recht, wenn du wirklich flott den Entwurf runterhackst (quick & dirty eben). Durchs Labern kommt es allerdings zu den typischen Denkgleisen: Das ständige Und am Satzanfang ist so ein Kandidat. Gerne hängt man damit innerlich einen Gedanken an den nächsten. Doch es gibt nur ganz wenige Textstellen, wo so ein Und wirklich nötig ist. Gleiches gilt für Floskeln.

Die erste Wahl ist zu schauen, ob es weg kann. Das geht in der Regel völlig problemlos. Die meisten Sätze funktionieren verschlankt sogar viel besser!

Der Verzicht ist eine ebenso wichtige Übung wie der Ersatz. Beim Schreiben gilt ganz besonders weniger ist mehr.

Ist dein aktiver Schreib-Wortschatz zu klein?

Hier im Blog findest du zahlreiche Schreibübungen, die deinen Wortschatz aufmöbeln. Es geht hier keineswegs ums Wörterpauken, sondern darum, zwischendurch ganz gezielt Varianten zu tanken. Einfach so im Vorbeigehen dein Hirn füttern, das reicht völlig!

Wichtig ist, dass du bei deiner natürlichen Sprache bleibst. Also nicht wie ein Thesaurus alle möglichen Wörter nacheinander runterbeten, sondern aus den Varianten, die dir einfallen, das auswählen, das immer noch nach dir klingt. Das gilt ganz besonders, wenn du ganze Formulierungen änderst.

So wird’s eine Manöverkritik – mit Alternative!

Sobald du nicht nur Feinschliff machst, sondern aktiver durchdenkst, WAS du da WARUM und WIE verbesserst, verbesserst du nicht nur den aktuellen Text, sondern deine Schreibfähigkeiten:

  • Ob anderer Satzbau, Neuzugänge in deinem aktiven Wortschatz, kraftvollere Formulierungen: Dein Hirn lernt, mit Alternativen zu arbeiten.
  • Übst du das gezielt und spielst mit Varianten, wirst du merken, dass sich deine Schreibe mit der Zeit automatisch verändert: Du polierst dann nicht mehr nachträglich, sondern deine Entwürfe beinhalten von vornherein die bessere Alternative.

Das wirkt sich zudem positiv aufs Reden aus.

 

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