Schreibfluss

Ein Plädoyer fürs Quick & Dirty!

Lernen wir etwas Neues oder lassen uns auf eine etwas andere Arbeitsweise ein, als wir gewöhnt sind, bekommen wir es mit zwei Paar Stiefeln zu tun:

  1. zu verstehen, wie etwas geht und warum
  2. es umzusetzen

Das sind tatsächlich zwei völlig verschiedene Dinge. Wer nicht aufpasst, ist frustriert, wenn es – obwohl er es doch verstanden hat -, nicht kann. Oder nicht tut.

Letzteres erlebe ich sehr oft in Workshops: Wenn Leute kommen, die im Blog schon viel über Plankton gelesen haben und genau wissen, woraufs dabei ankommt – aber dann total riesige Themenbrocken wählen, die alles andere als Plankton sind. Oder sagen „ich hab einen Entwurf geschrieben, voll quick & dirty“, dabei ist deutlich zu erkennen, dass im vermeintlichen Entwurf schon viel zu viel Zeit investiert, rumformuliert und gefeilt wurde.

1. Das Schreiben geht schneller.

Zeit ist immer ein Faktor. Meiner Erfahrung nach wird gern viel zu lange nachgedacht.

Ja, wir müssen schriftlich unser Wissen, unsere Erfahrungen und Standpunkte anders aus dem Kopf holen. Das ist eine Umstellung, besonders wenn du noch nicht so viel Übung darin hast.

Doch Tatsache ist, dass die allermeisten Menschen in ihrem ganz normalen Alltag in der Lage sind, recht spontan zu antworten:

  • Wenn ich dich anrufe und eine Frage zu deinem Fachgebiet stelle, kannst du ad-hoc etwas Relevantes beitragen.
  • Wenn du im Kundengespräch sitzt, kannst du gezielt einhaken, Tipps geben, Erfahrungen teilen.
  • Wenn du auf einer Veranstaltung bist, redest du mit anderen über dein Fachgebiet, ohne erstmal 60 Minuten zu überlegen, was du sagen könntest.

Du hast dein Wissen, deine Erfahrungen und deine Standpunkte in dir drin. Die wollen einfach nur raus [Videos mit Schreib-Übungen beim Reden].

… womit wir beim QUICK & DIRTY sind: Beim Schreiben schalten viele auf „es muss perfekt sein“ um, als ob sie jetzt in diesem einen Text alles, was sie jemals gelernt und getan haben, von allen Seiten beleuchten müssten – und dann irgendwie verdichtet reinbringen.

Darum gehts nicht!

Schreiben ist, genau wie das Reden, eine Momentaufnahme. Du schreibst heute einen Text so und nächste Woche würde er etwas anders klingen. Weil dir was anderes einfällt, vorher was anderes passiert ist, du stimmungsmäßig anders drauf bist, du mit einem Gedanken startest, der zu einem ganz anderen Gedanken führt … – manchmal beißt du dir auf die Zunge, wenn dir zu viel einfällt oder du nicht irgendeine neue Tür im Text aufmachen möchtest. Und ja: Hinterher fällt dir ein, was du noch hättest sagen können.

Genau das ist das Tolle am Schreiben! Es ist lebendig. Erlaubst du dir beim Schreiben diese Lebendigkeit, wird automatisch das Lesen lebendiger.

Der verblüffend einfache Tipp, um schneller zu schreiben

2. Du behältst deinen Kopf bei dem, was du sagen willst.

Idealerweise schreibst du deinen Text flott von oben bis unten durch, weil du damit freie Bahn fürs Hirn schaffst:

Alles, was wir wissen, erfahren haben und so über Gott + die Welt denken, ist in unserem Kopf.

Das Hirn zieht die Verbindungen: Es navigiert durch unseren Expertenkopf und möchte das rausholen, was für unseren Text aktuell relevant ist. Inklusive unserer Gefühle: Sind wir über etwas bestürzt oder sauer? Schütteln wir den Kopf, möchten einen dringenden Appell an unsere Leser richten oder ihnen was ans Herz legen?

Unterbreche ich mich bei jedem Satz, weil mir der Satzbau noch nicht perfekt erscheint oder ich dreimal die Inhalte verändere, verhindere ich, dass mein Hirn am Ball bleibt. Wer das extrem macht,

  • macht sich kirre und sorgt für Kraut und Rüben im Text.
  • wird nie fertig! Was gerade beim Schreiben fürs Business zu einem Problem wird, denn die Zeit, in der du bloggst, Facebookposts schreibst, etc. zahlt dir niemand. Plus: In dieser Zeit könntest du Akquise oder bezahlte Projekte bearbeiten. Oder einfach freinehmen!
  • nimmt sich jede Motivation, das Schreiben wird anstrengend – das Ergebnis gefällt einem selbst nicht besonders. Ich habe immer wieder Kunden, die sagen: Inhaltlich ist mein Text zwar gut, aber es ist irgendwie zu sachlich, langweilig zu lesen.

3. Was unmittelbarer raus darf, klingt nach dir!

Hin und wieder werde ich gefragt, wie man trainieren kann, lebendiger zu schreiben. Ob ich Bücher empfehlen könnte … Hier gibts eines der größten Missverständnisse!

Um lebendiger zu schreiben, so, dass es dir entspricht, die Leser berührt oder unterhält – also etwas beim Leser auslöst – brauchst du keinen theoretischen Input. Ganz im Gegenteil: Wenn du jetzt Theorie nachschiebst, denkst du noch viel mehr darüber nach, wie du was ausdrücken könntest.

Lebendiges Schreiben ist etwas, das du ver- oder behinderst.

Ich habe es ständig, dass Kunden total lebendig, oft sogar locker und witzig mit mir E-Mails schreiben, aber sobald sie an einen Text gehen, werden sie neutral.

Nicht nur bei Blog- oder Newsletterartikeln! Vor allem bei Selbstdarstellungstexten, wie der Website oder Akquisebriefen, kommen oft richtig gute, echte Argumente und Statements – aber im Entwurf wird das alles ignoriert oder durch gestelzte Formulierungen plattgemacht. Für mich ist dann die Arbeit einfach: Ich haue meistens die neue Version weg und ersetze sie durch die Quick+dirty-Version aus der Konzeptionsphase.

Voilà! Viel besser.

Das heißt aber auch, dass das wilde Rumformulieren meistens ein unnötiges Verschlimmbessern ist.

4. Es „flutscht“.

Ein ganz wesentlicher Faktor dafür, dass das Schreiben leicht fällt, ist, dass es flutscht.

Das wird es nicht immer tun, egal wie versiert du bist und wie gerne du schreibst: Es gibt immer die berühmte Tagesform oder Phasen der Unlust. Doch von diesen Ausnahmen rede ich nicht.

Es macht einfach viel mehr Spaß, etwas zu tun oder zu lernen, wenn es nicht mühsam ist. Wer sein Gehirn ungehindert denken lässt, seine ganz normale Sprache nutzt und engagiert was zu sagen hat, macht schon vieles richtig.

Doch das Dirty gehört dazu: Die Bereitschaft, ins Unreine schreiben zu dürfen. Besonders, wenn du etwas lernst, gehört zur Entwicklung, dass sich da was entwickeln darf. Ich werde nie verstehen, warum beim Schreiben so viele direkt zur „Perfektion“ wollen [mal abgesehen davon, dass das Perfekte den meisten Texten schadet].

Das Flutschen ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal. Vor allem dafür, dass du längerfristig mit Freude dranbleibst – und dir so überhaupt erst die Gelegenheit gibst, dass sich da was entwickeln kann.

Ich schreibe jetzt bestimmt fünfzehn Jahre fast täglich. Meine Artikel und Bücher waren immer schon recht persönlich, und doch mag ich die aus meiner Anfangszeit nicht mehr leiden. Nicht, weil sie schlecht waren. Sondern weil ich mich mit den Jahren immer weiter entwickelt habe. Nicht besser, sondern echter. Lebendiger. Mir mehr entsprechend. Das ging aber nicht aus dem Stand! Sogar heute noch merke ich jedes Jahr, dass sich immer noch was verändert.

5. Was sich flüssig schreibt, liest sich flüssig!

Wir möchten, dass Leser flüssig von oben nach unten dranbleiben. Das gelingt, wenn der Text klar verständlich, relevant und interessant ist – aus Lesersicht.

Genau darum steht der Entwurf vor dem Feintuning: Der Entwurf soll unperfekt sein. Das ist sein Job! Die Schreibphasen näher erklärt: Der Entwurf

Erst wenn alles fix und fertig ist, kommt das Feintuning. Da ist mehr als genug Gelegenheit, zu polieren. Und das ist meist erstaunlich wenig!