Deine Leser

Die Zielgruppe versehentlich abwatschen

Es gibt Texte, bei denen jemand nicht so gut wegkommt:

  • Du rückst Lesern auf die Pelle,
  • legst den Finger in eine Wunde
  • oder regst dich über etwas auf.

Super! Bloß nicht ständig mit Samthandschuhen schreiben! So lassen sich ungünstige Verhaltensweisen und Missstände richtig an der Wurzel packen. Es ist gut, Leser immer mal mit etwas zu konfrontieren.

Aber:

Sehr leicht kommt es unbeabsichtigt zum Abwatschen der Zielgruppe. Und das wiederum ist nie eine gute Idee!

Schauen wir uns zwei prinzipielle Unterschiede an, wie solche Texte angepackt werden können:

Wir reden über “die anderen”

Es gibt Themen, bei denen Personengruppen oder ihr Verhalten nicht gut wegkommen, der Text allerdings eindeutig ein “Die anderen sind so”-Flair hat.

Beispiele:

  • 3 nervige Netzwerktypen, die man auf Veranstaltungen trifft
  • Was tun, wenn Coaching-Klienten beratungsresistent sind?
  • Argh! Stammkunden, die immer alles gestern haben wollen, hab ich dick – wie ich einen Riegel vorschiebe, ohne sie zu verlieren
  • Viele Webdesigner stülpen ihren Kunden über, was sie schön finden und beschneiden dabei gravierend die Inhalte. Warum Sie schleunigst in die andere Richtung laufen sollten, wenn Ihrer so ist.

Wer ein Thema so anpackt, der schafft sozusagen ein “wir” mit den Lesern. Wir zwei schauen uns jetzt mal an, was “die anderen” so machen.

Selbst wenn sich einige unter deinen Lesern wiedererkennen, können sie es so verpackt gut handlen, weil es kein Angriff ist.

Aber Vorsicht: Lesen “die anderen” mit? Gerade im Netz wird schnell mal vergessen, dass alles, was du veröffentlichst, von allen lesbar ist. Auch wenn man das natürlich weiß, passiert es, dass man sich in seiner gewohnten Gemeinschaft wie unter sich fühlt. Besonders in informellerem Kontext, auf Facebook, Twitter, etc. ist schnell mal was gesagt – etwa über eine Berufsgruppe hergezogen oder über Kundenverhalten beklagt.

Bei Artikeln ist das ebenso der Fall. Die Beispiele oben zeigen das sehr schön: Wenn ich Coach bin und Verhaltensweisen aufgreife, die ich bei meinen Kunden furchtbar finde, dann werden sich einige dieser Kunden angesprochen fühlen. Ich muss mir also trotz des “es gibt Leute, die sich so und so verhalten” bewusst sein, dass hier allen klar ist, dass ich über Kundenverhalten spreche – das darf nicht in ein über andere herziehen abgleiten. Dann fühlt sich nämlich niemand mehr wohl, vor allem keine potenziellen Auftraggeber.

Ich meine dich!

Dann gibt es Artikel, bei denen du deine Leser direkt mit etwas konfrontierst: Eine Haltung, eine Denke, ein Verhalten, das deiner Ansicht nach kontraproduktiv ist.

Zum Beispiel:

  • 5 Anzeichen, dass dich andere als Klugscheißer wahrnehmen
  • Bist du eine Helikoptermutter? Dein armes Kind, denn das hat Folgen
  • Immer Ärger mit deinen Chefs? – Dann liegts an dir!
  • ITler sehen nur die Technik + verstehen nichts vom Alltagsgeschäft. Warum du mit dieser Unflexibilität bei den Fachabteilungen nicht weiterkommen wirst

Mal abgesehen davon, dass meine Beispiele hier wieder alles vorläufige Plankton-Arbeitstitel sind (das heißt, dass der Titel in dieser Form nicht über dem veröffentlichten Text stehen muss): Es ist durchaus okay, zu provozieren. Lesern auf die Pelle zu rücken, hat sein Gutes, das “normale” Texte oft nicht schaffen.

Aber: Das Was, Warum und Wie du den Text schreibst, entscheidet darüber, ob der andere Front macht oder gleich in die Defensive geht.

Fühlen sich Leser angegriffen, gemaßregelt oder gar beleidigt, kannst du es noch so gut meinen + die besten Tipps geben: Es kommt nicht durch. Im Extremfall hast du verschissen.

Wie kann ich das vermeiden?

Klar, dass es kein 1, 2, 3 gibt, das du schablonenartig bei jedem Artikel einfach nur machen brauchst, und dann ist alles gut. Denn es kommt aufs Thema an, auf dich selbst und was genau du mit dem Artikel erreichen willst.

Es gibt aber sehr wohl ein paar Dinge, die du abklopfen kannst:

Das Was: So merkwürdig es klingt: Das, was du genau sagen willst, ist nicht immer so deutlich, wenn du einen Missstand aufzeigst. Ich kann sagen “boah, es ist ein Unding, wenn Webdesigner nur aufs Layout schauen und Inhalte übertönt und beschnitten werden” … aber was genau will ich damit eigentlich sagen? Dass Inhalte das Design trumpfen? Dass Webdesigner ihren Kunden nichts überstülpen sollen? Dass bei allen Kundenbeziehungen der Dialog das Wichtigste ist? Dass es darum geht, dass man Zusammenhänge hinterfragt, anstatt nur aufs eigene Fach zu schauen?

Das Was kann ganz anders ausfallen, als die vordergründige Verhaltensweise, die ich aufspieße. Ist das nicht deutlich genug, fällt das Spotlight eher auf die Kritik als das, was meine eigentliche Botschaft ist.

Das Warum:  Du kannst jedem alles sagen, wenn das Motiv stimmt. Wer schon mit mir konzipiert hat, weiß, dass neben dem “Was will ich vermitteln?” auch das Warum eine ganz zentrale Rolle spielt. Dafür gibts sogar zwei weichenstellende Fragen, wie meine Workshop-Haserl wissen.

Doch auch, wenn du kein Konzept machst, sondern direkt drauflosgeschrieben hast, klopf deinen Text unbedingt aufs Warum ab! Manchmal schimpft man oder klagt ein Verhalten an, ohne sich darüber klar zu werden, warum man das jetzt tut. Gehts nur darum, Dampf abzulassen? Das darf schon mal sein, doch in erster Linie möchten wir mit unseren Texten ja einen Nutzen bieten. Also formuliere gegebenenfalls nachträglich, was deine Motivation ist.

Das Wie: Wie bei jeder gelungenen Kommunikation ist entscheidend, wie etwas beim anderen ankommt. Der Leser fragt sich: Warum sagst du das (in dieser Form)?

Meinst du es gut mit mir oder willst du mir an den Karren fahren, mich bloßstellen oder gar ans Bein pinkeln?

Du kannst sehr wohl äußerst unbequeme Dinge aussprechen. Wie gesagt: Du kannst gezielt provozieren, deiner Zielgruppe den Kopf waschen oder mal so richtig auf den Tisch hauen. Passt es zu dir und wird dein Motiv akzeptiert, idealerweise sogar als wohlwollend nachvollzogen, dann halten deine Leser einiges aus!

Du darfst sie nur nicht unbemerkt abwatschen.