Ratgeber schreiben, Struktur

Buch? Selbstlernkurs? – Tipps für größere Schreibprojekte (2)

Im ersten Teil gings darum, die Idee zu konkretisieren und mit weichenstellenden Fragen klare Entscheidungen für dein Projekt zu treffen. Genauso systematisch geht es weiter, denn für ein umfangreiches Schreibprojekt brauchst du Nah- und Fernsicht!

Die Struktur festlegen

Was jetzt kommt, ist für viele ungewohnt und durchaus anspruchsvoll. Ich zeige dir außerdem, was es bei Überschriften-Hierarchien zu beachten gibt. Zugegeben: Das ist viel Holz. Doch es ist so eine zentrale Schreibfähigkeit, dass es sich enorm lohnt, daran zu arbeiten. Vor allem, weil du dadurch in deinem regulären Berufsalltag deutlich strukturierter dein Wissen aus dem Kopf holen kannst.

Das Durchstrukturieren von Texten fällt manchen erstaunlich leicht, sogar wenn sie sich bisher gar nicht als besonders strukturiert erleben. Doch die meisten haben erst mal Mühe, sich auf das Skelett eines Textes zu konzentrieren. Allzu oft schreiben wir drauflos und schauen, was sich so ergibt. Wer viel schreibt oder öfter große Projekte anpacken möchte, tut gut daran, sich diese Fähigkeit anzueignen.

Das ist übrigens ein typisches Übungsfeld, das du mit kürzeren Artikeln wunderbar üben kannst. Planst du ein umfangreiches Schreibprojekt, ist es eine sehr gute Idee, deine Fähigkeiten im Kleinen zu trainieren, zum Beispiel in meinen Workshops.

Besonders bei großen Projekten ist es extrem wichtig, nicht ins Blaue zu schreiben, sondern vorab die Struktur festzulegen! Sie ist die Wirbelsäule deines Textes, die das ganze Projekt trägt.

So gehts:

Du schaust dir ganz genau an, was du bisher konzipiert hast und überlegst zunächst:

Welche Kapitel (oder Lektionen) brauche ich, um die festgelegte Bandbreite und angestrebten Ziele umsetzen zu können? Und: Wie müssen die Kapitel sinnvollerweise aufeinander aufbauen?

Hier unbedingt an die Arbeitstitel-Zwischenüberschriften denken, auf die ich im ersten Teil intensiv eingegangen bin! Je aussagekräftiger die ausfallen, desto leichter tust du dich anschließend mit der Unterstruktur + dem späteren Festlegen der Inhalte.

Mit der Struktur steht und fällt dein ganzes Projekt. Je stärker die Struktur ist, desto leichter tust du dich mit dem Vorausdenken und Schreiben. Ist sie schwach, schwammig oder falsch, begibst du dich von vornherein auf den Holzweg. Das ist nachträglich bis zu einem gewissen Punkt zwar noch zu retten, du verursachst aber Mehrarbeit ohne Ende (große Projekte wieder und wieder umzubasteln oder neu zu schreiben, verschlingt nicht nur elendig Zeit, sondern die Lust gleich mit).

Halte hier bereits fest den Umfang im Blick!

Du kannst den Aufbau und die Inhalte nur dann vorausdenken, wenn du weißt, wie viel Platz du wofür hast. Überschlag also den Umfang. Daumen mal Pi reicht völlig.

zum Beispiel:

Du planst ein Buch mit 150 Seiten. Es gibt 5 Kapitel. Circa 20 Seiten werden großzügig für Vor- und Abspann abgezogen. Also hast du ca. 25 Seiten pro Kapitel.

Selbst wenn du noch kein feines Gespür für Inhalte hast, merkst du von vornherein, wenn was nicht funktionieren kann, weil die Seiten pro Kapitel zu knapp bemessen sind. Und später, beim Schreiben des Entwurfes, passiert es dir nicht, dass du voller Enthusiasmus am ersten Kapitel schreibst und schreibst und schreibst … und viel zu viele Seiten dafür verbrauchst, was zu massivem Überarbeiten führt. Oder zu einem argen Ungleichgewicht im Buch, wenn du dafür andere Kapitel eindampfst, weil du insgesamt zu viele Seiten produziert hast.

Bei Selbstlernkursen peilst du vielleicht an: 10-15 Seiten pro Lektion.

Bloß kein Flickwerk! – Konzipiere frisch

Der Plan, ein Buch oder einen Selbstlernkurs zu schreiben, entsteht manchmal, weil Material vorhanden ist – etwa Seminarunterlagen, eine Doktorarbeit oder Blogartikel.

Klar können dir solche Quellen später nützen, indem du sie punktuell ausschlachtest. Konzipiere dein Projekt jedoch immer neu und versuch bitte nicht, das Vorhandene irgendwie zusammenzuschustern. Das ist nicht nur meistens eine unglaublich zeitfressende Angelegenheit, weil extrem viel gesichtet werden muss. Noch viel schlimmer ist, dass man dem Endergebnis immer ansieht, dass es ein Flickwerk ist.

Schreib eine aussagekräftige Zusammenfassung pro Kapitel/Lektion (1/2 bis 1 Seite lang). Wenn ich mit jemandem ein Buchkonzept entwickle, empfehle ich immer dieses Format:

KAPITEL-ARBEITSTITELÜBERSCHRIFT
In diesem Kapitel geht es um, … der Leser erfährt …

Die Schwerpunkte des Kapitels sind:
xxx

Wer seine Kapitel so – wirklich konkret – durchdenkt, arbeitet die genaue Funktion und die inhaltliche Bandbreite rein. Außerdem schaust du das Kapitel ganz fest aus Sicht der Leser an: Was soll der Leser wissen, können oder tun?

Steht diese Grundstruktur, gilt es, die einzelnen Kapitel so richtig vorauszudenken: Die gesamte Struktur des Kapitels (oder der Lektion) mit allen Unterkapiteln festzulegen und anschließend die Kerninhalte zu bestimmen.

Das braucht Grips und ist meist arbeitsintensiv. Doch die bestinvestierteste 🙂 Zeit beim Schreiben ist, ein richtig starkes Konzept zu machen.

  • Du hast pro Kapitel/Lektion eine aussagekräftige vorläufige Überschrift gefunden, die dir genau die Funktion des Kapitels verrät.
  • Du hast für deine Kapitel eine klare Zusammenfassung gemacht, anhand derer du jetzt erneut loslegen kannst und dich fragen: Welche Unterstruktur brauche ich für das jeweilige Kapitel, damit ich alles schlüssig unterbringe?
  • Auf diese Weise hast du das einzelne Kapitel und das Gesamtprojekt parallel im Blick. Das sorgt für Schlüssigkeit, vor allen Dingen aber kannst du vermeiden, dass du Inhalte doppelst.

Ein Kapitel durchstrukturieren

Die Kapitel-Zusammenfassung entspricht natürlich noch nicht einem Inhaltsverzeichnis. Bevor du mit dem Schreiben eines Kapitels anfängst, gehts an die Feinstruktur.

Zunächst müssen wir über Überschriftenhierarchien reden. Es gibt Hauptüberschriften und Unter-Überschriften. Damit eindeutig zugeordnet werden kann (auch für dich selbst), wird das nicht über die Formatierung gemacht, sondern über eine Nummerierung.

Bei Buchmanuskripten habe ich gelernt, Formatierungshinweise in Doppelklammern zu setzen. Der Grund: Eine Doppelklammer gibt es in regulären Texten nicht. Es ist also wunderbar möglich, mit der Suche-Funktion an die entsprechende Stelle zu springen.

Übrigens: Für Manuskripte, die an Verlage gehen, gibt es fast immer sog. Autorenrichtlinien, wo genau drin steht, welche Art der Formatierung okay ist und welche nicht. Das stellt sicher, dass dein Text einfach in das dort verwendete Layoutprogramm übertragen und dort bearbeitet werden kann.

Um Buch-Hierarchien nicht zu sehr zu verschachteln, ist es gut, maximal bis zu einer Ü4 zu denken:

((Ü 1)) Kapitel-Überschrift
((Ü 2)) Unterkapitel-Überschrift
((Ü 3)) Unterpunkte eines Ü2-Abschnitts
((Ü 4)) Unterpunkte eines Ü3-Abschnitts

Es ist eine Umgewöhnung, Überschriften so zu bezeichnen – aber ich kann dir aus eigener Erfahrung und der meiner Kunden versichern, dass du dich schnell dran gewöhnst. Es hat außerdem den Vorteil, dass du deinen Aufbau viel klarer vor Augen hast, als mit Fettdruck & Co.

Ein runtergebrochenes Kapitel in einem Bewerbungsratgeber schaut dann zum Beispiel so aus:


 

((Ü 1)) Mit dem Lebenslauf überzeugen

((Ü 2)) Formelles: Umfang, Layout, Lesbarkeit

((Ü 3)) Was unbedingt rein muss, was optional dazu kann

((Ü 3)) 5 Don’ts beim Formatieren und wie es besser geht

((Ü 3)) Gestaltungsfreiheit: Eigener Stempel + das Wichtigste ins Rampenlicht

((Ü 3)) Die dritte Seite

((Ü 2)) Beruflicher Background

((Ü 3)) Chronologisch, umgekehrt oder frei: Wie gebe ich berufliche Stationen an? – mit Fallbeispielen

((Ü 3)) Richtig qualifiziert? – mit Aus- und Weiterbildung punkten

((Ü 4)) Was muss ich angeben? Was spricht für eine Auswahl?

((Ü 4)) 10 Tipps, damit die Aus- und Weiterbildung Sie weder ins Aus schießt, noch die falschen Schubladen öffnet

((Ü 3)) persönlich werden? – Hobbies, Interessen, Privates – will ich/muss ich/kann ich/soll ich?

((Doppelseite zum Kapitelabschluss)) 7 häufige Fragen + Unsicherheiten rund um den Lebenslauf


 

Es wird bereits deutlich, warum so eine detaillierte Struktur anfangs nicht immer leicht fällt. Gleichzeitig siehst du: Du hast so das gesamte Kapitel und die geplanten Inhalte total super im Blick. Du erkennst bevor die Inhalte es unübersichtlich machen, ob deine Struktur funktioniert –  ob alles drin ist und ob die Gewichtung stimmt.

Vor allen Dingen schreibt es sich extrem zielgerichtet – und ja, natürlich ergeben sich beim Schreiben hin und wieder kleinere Veränderungen.

Wenn du dir die Mühe machst, die Struktur der Kapitel wirklich gut zu durchdenken, kannst du anschließend, ebenfalls noch vor dem Schreiben, gezielt die relevanten Kerninhalte pro Passage festlegen. Keine Gefahr, sich im Text zu verlaufen, kein Durcheinander, kein Abkippen.

Vor allem kannst du durcheinander an deinem großen Schreibprojekt schreiben! Hast du also mal nur kurz Zeit, geht es wunderbar, einen kleinen Abschnitt zu machen. Oder du hast keine Lust bei Kapitel 1 zu schreiben, aber Kapitel 4 in der Mitte ist ein Thema, das dich gerade total anmacht. So wächst dein Projekt ganz nebenbei.

Mit einer starken Struktur hast du die volle Kontrolle über dein Buch oder deinen Selbstlernkurs – im Kleinen wie im Großen.

In Teil 3 gehe ich auf die 3 typischen Fehler bei großen Schreibprojekten ein.