Ratgeber schreiben

Buch? Selbstlernkurs? – Tipps für größere Schreibprojekte (3)

Bevor ich auf die Organisation beim Schreiben zu sprechen komme, wollte ich kurz auf die typischen Fehler eingehen. Dabei habe ich gemerkt, dass es da ganz schön viel zu sagen gibt! Darum gibts dafür jetzt einen eigenen Artikel – und das, was sich bei mir für den Entstehungsprozess bewährt hat, kommt dann im vierten Teil.

Die 3 typischen Fehler bei großen Projekten

Die meisten EinzelunternehmerInnen schreiben so ein großes Projekt neben dem normalen Alltag. Immerhin müssen wir uns um unser Business kümmern.

Wenn Kunden zu mir kommen, weil sie ein Projekt alleine nicht rechtzeitig fertigbekommen oder nach ewigem Hin- und Hergeziehe mit dem Ergebnis nicht happy sind, kristallisieren sich immer wieder dieselben Gründe heraus:

  • Fehler Nr. 1: ohne Substanz und Rahmen gestartet
  • Fehler Nr. 2: sich mit Zeit und Aufwand vertan
  • Fehler Nr. 3: das Geschriebene nicht beurteilen können

Fehler Nr. 1: ohne Substanz und Rahmen gestartet

Das sind genau die Dinge, die ich bereits angesprochen habe:

Das Schreibprojekt hatte von Anfang an keine klare Ausrichtung.

Wie wichtig es ist, von vornherein die Idee zu konkretisieren und mit weichenstellenden Fragen klare Entscheidungen für dein Projekt zu treffen, habe ich im ersten Teil ausführlich erklärt.

Ins Blaue geschrieben.

Dieses Einfach-mal-loslegen und schauen, was sich ergibt, rächt sich bei größeren Projekten massiv: Du bleibst damit bestensfalls gewaltig unter den Möglichkeiten, schlimmstenfalls – und das passiert gar nicht so selten – versenkst du dein Schreibprojekt.

Im zweiten Teil hatte ich ausführlich erklärt, warum es eine Struktur braucht, die deinem Buch oder Selbstlernkurs ein starkes Rückgrat gibt und gezeigt, wie sowas aussieht.

Übrigens sträuben sich hier manche, weil sie denken, dass eine Struktur sie zu sehr einschränkt. Doch warum sollte sie das tun? Es ist ja nach wie vor deine Entscheidung, was du wie reinbringst – nur verändert sich der Zeitpunkt, an dem du überlegst, was du wann in welchem Zusammenhang bringen willst. Mal abgesehen davon, dass du innerhalb deiner Struktur beim Schreiben nach wie vor jede Menge Freiheiten hast, wie du das tust.

Fehler Nr. 2: sich mit Zeit und Aufwand vertan

Beim ersten umfassenden Schreibprojekt hat man einfach noch keine Erfahrungswerte:

von vornherein die vorhandene Zeit falsch eingeschätzt

Das Problem dabei geht übrigens in beide Richtungen:

Die einen überschätzen das Projekt oder haben so großen Bammel davor, dass sie sich überhaupt keinen Zeitplan geben – das Schreiben mit „open end“ ist immer eine Pest. Das Parkinsonsche Gesetz, wonach sich die Arbeit in dem Maß ausdehnt, wie man ihr Zeit gibt, stimmt!

Bleibst du nicht am Ball, verlierst du vor allem den Kontakt zu deinen Inhalten – du verhinderst, dich einzugrooven. Das merke ich unter anderem an Workshop-Teilnehmern, die Mehrfachkarten kaufen, um Plankton & Co. so richtig zu lernen. Die, die die Workshops näher zusammen buchen, können noch auf dem aufbauen, was sie zuvor gelernt haben. Die, die einen Workshop machen und dann ein Dreivierteljahr nichts mehr, haben längst vergessen, wie genau das im ersten Workshop war. – Geht es mir also darum, kleine Einzelprojekte punktuell anzugehen, klappt so eine Vorgehensweise wunderbar. Bei allem, was man lernen und besser werden möchte, brauchts Training – und Training verlangt ein Am-Ball-bleiben.

Das andere Extrem ist es, das Projekt zu unterschätzen. Ich hatte schon erwähnt, dass ich bei Buchprojekten diverse Male kurz vor knapp ein Manuskript retten musste. Das hat dann dazu geführt, dass ich zwei Wochen durchgeschrieben habe, um ganze Kapitel mehr oder weniger ghostzuwriten, weil der Kunde sonst vertragsbrüchig geworden wäre.

Dazu kommt, dass wir EinzelunternehmerInnen so ein großes Schreibprojekt nebenbei schreiben. Du musst also irgendwie realistisch einschätzen können, wie viel Zeit du brauchst, um konsequent, aber entspannt fertigzuwerden – neben Aufträgen, Familie, etc. Und wie du selbst schreibst.

Die Lösung, wenn man etwas nicht recht einschätzen kann: Gib dir einen großzügigeren Zeitrahmen, besonders dann, wenn du einen Vertrag unterzeichnest. Ich sprech gleich an, welche Empfehlung ich für Bücher gebe.

die Komplexität des Projektes unterschätzt

… dieser Aspekt kann sich auf die Zeit auswirken, er kann damit zusammenhängen, dass du ohne Rahmen gestartet bist – doch das Unterschätzen, wie komplex so ein umfassendes Projekt ist, kann für sich gesehen große Probleme verursachen.

Vor allem kann es sich auf die eigene Zuversicht, Motivation und Disziplin auswirken. Das ist hauptsächlich verantwortlich, wenn solche Schreibprojekte halbgar veröffentlicht werden, damit man sie endlich aus dem Genick hat. Oder aber sie letztlich in der Schublade versauern.

Es ist ein großer Unterschied, ob man sein Wissen in einzelne kurze Blogartikel packt oder ob man in einem Ratgeber oder – noch „schlimmer“ – Selbstlernkurs den Leser stark an die Hand nehmen muss und durch ein vielschichtiges Thema schlüssig durchführen muss. Ja: den Leser.

Im gewohnten Alltag hast du immer einen oder einige wenige Kunden, die eine klare Aufgabenstellung an dich haben – die du siehst, fragen kannst, auf die du individuell eingehst. Bei einem Buch oder Selbstlernkurs bist du gefordert, dein Know-How, deine Ansichten und Erfahrungen so aufzubereiten, dass sie schlüssig und für die einzelnen Leser nachvollziehbar und nützlich sind. Doch hier hast du es mit einer Masse dir unbekannter Leute zu tun!

Bei einem umfassenden Projekt geht es schnell, sich zu verlaufen: Manchmal merkt man das, wird verzagt oder hat keine Lust mehr. Mitunter werden einfach Seiten gefüllt, also buchstäblich irgendwas produziert, damit was vorangeht – Seiten, die unter diesen Umständen oft nicht brauchbar sind, was erst recht an Motivation und Produktivität kratzt.

Sie haben ihre Fähigkeiten überschätzt.

Die meisten haben bei großen Projekten natürlich noch keine Erfahrung mit sich selbst, wie sie sich so „anstellen“ mit dem Organisieren, Dranbleiben, Schreiben. 🙂 – Kann super klappen, muss aber nicht.

Es gibt die Sturzgeburtschreiber, denen es reicht, sich geballt ein paar Auszeiten zu nehmen, und dann steht das Manuskript. Das habe ich übrigens schon einige Male bei Erstautoren erlebt: Dass sie praktisch aus dem Stand ein super Manuskript geschrieben haben (natürlich mit vorausgedachter klarer Ausrichtung und Struktur) – und selbst überrascht waren, wie gut es gelaufen und wie super das Ergebnis ist.

Weitaus öfter tut man sich beim allerersten Mal etwas schwerer, man hat noch nicht rausgefunden, welche Art von Organisation, Arbeitweise und Umgebung besonders gut für einen funktioniert. Und manchmal muss man – gerade wenn man schwammig gestartet ist – ganze Teile neu machen.

Wenn du überlegst, ein Buch zu schreiben und es bei einem Verlag zu veröffentlichen, dann empfehle ich Erstautoren immer ca. sechs Monate bis zum Abgabetermin. So ist genug Zeit vorhanden. Und wenn es schneller geht, gibst du halt früher ab!

Fehler Nr. 3: das Geschriebene nicht klar beurteilen können

Meistens haben wir zu sehr die Autorenbrille auf:

Die Leser zu wenig an die Hand genommen

Ich bin oben schon auf die Komplexität des Projektes eingegangen, und dass so viele erst mal stolpern, weil sie in einem Buch oder Selbstlernkurs ihr Wissen für viele unbekannte Leser schlüssig aufbereiten müssen.

Das An-die-Hand-nehmen hat aber noch weitere Seiten:

Während ich ein Projekt strukturiere und schreibe, muss ich in der Lage sein, die Perspektive zu wechseln. Immer wieder betone ich, dass wir uns unseres Expertenkopfes bewusst sein müssen: Wir wissen mehr als unsere LeserInnen. Darum denken wir automatisch anders. Wir MEINEN bestimmte Sachen, wir kennen Zusammenhänge, wir sind in unserem Thema sattelfest, vieles ist selbstverständlich.

Der Leser …

  • kann sich nur an das halten, was dasteht.
  • ist oft kompletter Neuling in dem Thema, zumindest aber kauft er sich ein Buch oder einen Selbstlernkurs, weil er mit einer Sache Schwierigkeiten hat/etwas bestimmtes erreichen möchte – also von dir was lernen!
  • und er hat eine eigene Persönlichkeit beziehungsweise steckt aktuell in einer bestimmten Situation, die die Thematik und das Ins-Tun-kommen gehörig erschweren können.

Wir müssen als Autoren also in der Lage sein, zu erkennen, was wir da genau schreiben und die Situation unserer LeserInnen dabei berücksichtigen. Oft erlebe ich es, dass zwar die Zielgruppe hervorragend definiert ist und sogar die weichenstellenden Fragen (siehe Teil 1) konkret beantwortet sind – aber beim Schreiben gehen die Autoren nicht oder zumindest nicht genug drauf ein.

Das Beurteilenkönnen liegt übrigens oft einfach daran, seinen Text aus dem Leserblickwinkel zu beachten. Oft ist man so in der Aufgabe vertieft und im „Was will ich sagen/wie mach ich das?“, dass es einfach aus dem Bewusstsein rutscht, den Text aus Lesersicht zu schreiben.

Schlüssigkeit und Verständlichkeit hängen durch

Im schreibnudel.de-Blog gibt es diverse Artikel rund um Logik und Schlüssigkeit. Hier greifen wahnsinnig viele Schreib-„Teile“ ineinander:

Auf der einen Seite gehts natürlich um die Fähigkeit, etwas schlüssig und nachvollziehbar aufzuteilen. – Was bei umfassenden Schreibprojekten anspruchsvoller ist, weil du dein Buch/deinen Selbstlernkurs auch insgesamt betrachten musst. Anfängerfehler sind hier oft: Die Inhalte nicht richtig den einzelnen Kapiteln zuordnen, Verständnislücken lassen oder, ebenso schlimm, Doppelungen, die den Leser im Kreis oder zu einem Déjà-vu führen.

Doppelungen haben einen weiteren Nachteil: Sie vergeuden wertvollen Platz, der für relevante Inhalte wichtig wäre, die zum besseren Verständnis beitragen.

Jedes Schreibprojekt, egal welchen Umfang es hat, hat für einzelne Kapitel oder Lektionen eine begrenzte Seitenzahl. Selbst wenn du nicht irgendwie vertraglich gebunden bist, kannst du nicht endlos schreiben – das wäre nicht sinnvoll, weil der Umfang explodiert. Schreiben heißt IMMER, sich zu begrenzen. Inhalte gezielt auszuwählen und das Relevante dazu auf den Punkt zu bringen.

Die Schlüssigkeit wird selbstverständlich mit dadurch beeinflusst, was ich wie sage. Welche Schreibelemente ich dafür nutze.

Der Nutzen ist zu schwach auf der Brust.

In Schule, Uni und Berufsleben sind wir meistens mit dem typischen Aufbau konfrontiert: Einleitung – Hauptteil – Schluss. Darum sehe ich oft, dass bei Ratgeber-Texten die Inhalte eher beschrieben und aneinandergetackert werden.

Doch wenn du nur erklärst, dann bleibt der handfeste Nutzen für die Leser auf der Strecke.

Die Frage „Was hat der Leser konkret davon, was soll er wissen, können oder tun?“ ist für jedes Kapitel relevant – und muss bereits die Struktur leiten. Darum sind die Arbeitstitel-Zwischenüberschriften so relevant. Nimm das Beispiel aus Teil 2:

Ein Unterabschnitt „10 Tipps, damit die Aus- und Weiterbildung Sie weder ins Aus schießt, noch die falschen Schubladen öffnet“ richtet ganz klar aus, worauf das Unterkapitel abzielt. Das ist was völlig anderes, als wenn ich als Zwischen-Überschrift schreibe „Wissenswertes zu Aus- und Weiterbildung“.

Der Nutzen ist an die Zuversicht gekoppelt, als AutorIn aus dir rauszugehen. Wer sich selbst zu sehr zurückhält, der bleibt meist auf den üblichen Informationen zum Thema sitzen.

Diese verbreiteten Fehler müssen nicht sein!

Die Tipps in den ersten beiden Teilen fangen die meisten dieser Probleme von vornherein ab.

Übrigens: In den Autoren-Interviews kannst du nachlesen, wie es Autoren mit ihrem ersten oder zweiten Buch ging.

In Teil 4 dreht sich dann alles um den Schreibprozess, die Organisation und was sich bei mir bewährt hat.