Lesernutzen

„Dazu weiß ich nichts!“

In Workshops fällt mir oft auf, dass Kunden im ersten Anlauf zu zurückhaltend denken:

  • Sie nehmen ein sicheres Thema.
  • Sie sind eher beschreibend unterwegs.
  • Sie setzen eine niedrige Latte, was der Text beim Leser bewirken soll.

Wenn ich dann sage „schau, du könntest auch“ oder nachbohre „wie ist das und das genau“, „was könntest du dem Leser da und dazu noch sagen?“ kommt oft ein „Das weiß ich nicht!“

Oder die Leute überlegen, dann kommt nicht gleich die Lösung und sie werfen alles um, weil das Thema offenbar nicht geht.

Tatsache ist: Wir kreisen gerne innerhalb unseres bewussten Wissens.

Haha! Das klingt ganz philosophisch. Doch ich meine es ganz praktisch:

Wir sind Gewohnheitstiere. Genau wie in allen anderen Lebensbereichen entwickeln wir bestimmte Muster. Beim Schreiben ist das die Themenwahl; eine bestimmte Art, Texte aufzubauen; gleiche Formulierungen; …

Wir haben nicht immer sofort eine Lösung im Kopf, wenn wir ein Thema oder einen Text anders angehen – oder die Latte höherlegen. Das, was wir eh schon wissen und können, was klar ist, ist im Hirn „ganz vorne dran“. Schütteln wir das Gewohnte etwas auf, stellen uns neue Fragen, dann ist da genug Wissen, Meinung + Erfahrung vorhanden, nur steht es noch nicht parat. Es will frisch rausgeholt und kombiniert werden!

Ich will dich ermutigen, anders – kleinteiliger, anspruchsvoller – an deine Texte heranzugehen, um noch mehr Nutzen reinzubringen.

Wenn sich ein „Da weiß ich nichts“ meldet, dann nicht gleich abdrehen! Natürlich weißt du mehr, du bist ja sattelfest in deinem Thema. Das Gefühl, nicht genug zu wissen, liegt im Regelfall an einem dieser fünf Gründe. Manchmal treten sie in Kombination auf:

Grund Nr. 1: Du hast dich das selbst noch gar nicht richtig gefragt

Das ist der Hauptgrund vom „Da weiß ich nichts“-Gefühl: Du weißt es deshalb nicht gleich, weil du dich das noch nie gefragt hast. Oder noch nicht in dieser Form. Denn beim Schreiben müssen wir anders vorgehen, als wir es 1:1 mit Kunden tun:

Grund Nr. 2: Du denkst zu grobkörnig

Ein gutes Beispiel sind Zeitschriftenartikel, in denen recht oberflächlich Informationen und Tipps in den Raum gestellt werden: „Sie verdienen mehr? Dann fordern Sie mehr Geld!“, „Sie sind unzufrieden in Ihrer Beziehung. Machen Sie Schluss und führen Sie endlich ein glückliches Leben!“, „Sie wollen abnehmen? Bewegen Sie sich mehr und essen Sie öfter mal Gemüse.“

Klar überzeichne ich das mit diesen Beispielen. Doch sehr viele Blogartikel von Selbstständigen gehen nur wenig weiter. Sie geben gute Anregungen, doch lassen sie den Leser mit seiner Situation, seinen Vorbehalten und Gefühlswelt alleine.

Du kannst deine Leser immer sehr viel stärker bei der Hand nehmen, schriftlich machen es die meisten nur noch nicht – oder noch viel zu wenig. Weil sie zu grob aufs Thema schauen.

Grund Nr. 3: Du denkst, etwas ist „eh klar“ oder zu trivial

Als Experten auf unserem Gebiet haben wir einen gewaltigen Vorsprung vor unseren Lesern, die oft noch nicht oder erst wenig mit der Thematik zu tun hatten. Das gilt nicht nur für das Fachliche! Auch wer beispielsweise in seiner eigenen persönlichen Entwicklung, einer bestimmten Fähigkeit oder einem Hobby schon recht weit ist, für den sind viele Bascis oft zu simpel.

Das ist tricky:

  • Denn es gibt das Übersehen – und damit Übergehen – wichtiger Grundlagen. Das sind die Dinge, die wir vergessen zu erwähnen, weil sie uns so in Fleisch und Blut übergegangen sind.
  • Und es gibt das bewusste Auslassen: „Das kann ich doch nicht schreiben, das ist doch viel zu banal!“ Damit verbunden, dass man nichts Neues, nichts anderes, nichts Wissenswertes zu diesen vermeintlichen Banalitäten zu sagen hat.

Grund Nr. 4: Du hast eine Scheu, konkret zu werden

Etwas zu veröffentlichen, gerade im Netz, ist für manche eine Hürde, beim Schreiben mehr aus sich rauszugehen. Du zeigst Flagge. Du stellst dich dem Feedback deiner Zielgruppe, deiner Kunden und Branchenkollegen.

Darum recherchieren viele sehr aufwändig oder stützen sich auf Fremdmaterial, sogar bei simplen Blog- oder Newsletterartikeln. Oft steckt eine ungünstige Themenwahl dahinter: Statt persönliche Aufhänger zu wählen, nimmt man sich vor, ein bekanntes Modell vorzustellen oder irgendwelche Studienergebnisse zu präsentieren … und weil man das tatsächlich nicht zu 100 % selbst weiß, muss man sich auf andere stützen oder erstmal schlau machen.

Viel interessanter für dich, dein Business und deine LeserInnen sind Themen, die du selbst anpackst. Wir wollen ja deine Art, Denke und Herangehensweise rauslesen.

Manchmal äußert sich die Scheu, konkret zu werden, in einer vermeintlichen Aversion, Rat zu geben.

Grund Nr. 5: Du versetzt dich zu wenig in die Zielgruppe

Mit am häufigsten beobachte ich, dass sich Selbstständige zu wenig in ihre Zielgruppe reinversetzen (können).

Das müssen jetzt gar keine extrem schwierigen Themen sein, wie Schicksalsschläge, Krankheiten oder innere Zerrissenheit. Praktisch in jedem Gebiet kommt es vor, die Zielgruppe nicht richtig einzufangen.

Zum Beispiel Anleitungen zu bestimmten Fähigkeiten, etwa das Kochen. Florentine erinnert sich ganz sicher noch daran, wie sie in einem meiner Workshops ein Rezept geschrieben hat. Sie kann super kochen, ich hingegen bin eine Vertreterin ihrer Zielgruppe: Ich kann nicht kochen – entsprechend habe ich überall in ihrer Anleitung nachgehakt: Das verstehe ich nicht genau. Das ist noch nicht klar genug. Da frage ich mich, ob … und ich meine keine Fachbegriffe à la pochieren, sondern ein absoluter Laie hat schon Probleme mit vagen Angaben wie „kochen bis es durch ist“ + „und dann mit Gewürzen abschmecken“ – Wah! 😉

Auch die Gefühlswelt und Umstände können ganz anders sein. Oft wählen Selbstständige super ihre Zielgruppe, z. B.

  • Ich schreibe einen Text, wie man selbstbewusst einen Vortrag hält – speziell für ängstliche, zurückhaltende Leute.
  • Ich schreibe einen Text für berufstätige Alleinerziehende – wie sie mehr Freiraum für sich bekommen.
  • Ich schreibe einen Text, wie man sich zwischendurch so richtig gut entspannt – der ist für die Nonstop-Leute, die immer auf 180 sind.

… doch dann schreiben sie ihren Text so, wie wenn das ganz normale Leute sind. Ein ängstlicher Mensch braucht aber eine ganz andere Anleitung und Rückenstärkung als die üblichen Vortragstipps für jeden. Eine berufstätige Alleinerziehende hat nicht nur eine eigene Realität, sondern der hängt die Zunge raus. Und jemand der ständig auf 180 ist, der braucht nicht einfach nur eine Entspannungsübung, den musst du völlig anders kriegen.

Es liegt nicht am Unvermögen, diese Zielgruppen zu verstehen, sie im Text richtig anzusprechen und anzuleiten (zu ermutigen), damit sie ins Tun kommen können. Es liegt oft einfach am mangelnden Reinversetzen. Die Autoren sind zu sehr auf das Fachliche fokussiert, auf das, was sie sagen wollen – anstatt kurz innezuhalten und zu überlegen:

Warte mal, wenn ich speziell für Leute schreibe, die … (gerade in dieser Situation sind/sich soundso fühlen/diesen und jenen Wissensstand haben), was sind dann deren Besonderheiten? Was könnten die für besonders Hürden oder einfach nur Vorbehalte haben?

Stellst du dir die richtigen Fragen, dann fällt dir was sein!

Und ja: Vielleicht merkst du beim einen oder anderen Text, dass du dich nicht wirklich in die gewählte Zielgruppe versetzen kannst. Dann willst du vielleicht mit einem Exemplar sprechen – oder die Parameter deines Artikels verändern.

Wo kann ich noch mehr Mehrwert reinpacken?

Wenn du also das nächste Mal das Gefühl hast, zu etwas nichts zu wissen, dann glaub dir das nicht!

Sofern du dich in dem Thema, über das du schreibst, auskennst und das wollen wir hoffen, weißt du jede Menge – auch wenn du es nicht spontan im Kopf parat hast.

Schau, an welchen Stellen du in einem Text den Mehrwert aufstocken kannst. Der steckt immer in der Tiefe, nicht in der Breite!

  • in Details
  • Zusammenhängen
  • darin, sich stärker in die Leser reinzuversetzen und an die Hand zu nehmen

Immer da, wo wir als Autoren erstmal uiuiui sagen + uns strecken müssen, wird der Text besser: