sich managen

Übung: Die andere Seite sehen

Übung-Symbolbild - Bleistift mit Noitzblock auf Holzbank

Nimm ein Thema, zu dem du eine starke Meinung in eine bestimmte Richtung hast.

Das kann etwas sein, von dem du total überzeugt bist, oder was, bei dem sich dir die Zehennägel kräuseln, weil du es hirnrissig, weltfremd oder ignorant findest.

Besonders gutes Futter bieten Themenbereiche, die generell polarisieren:

  • Schulmedizin/alternative Behandlungsmethoden/Heilversprechen
  • Ernährungsempfehlungen oder Ess-Pläne
  • rauchen/nichtrauchen (Tabak, dampfen, Drogen)
  • alles rund um Bewegung
  • Kinder-Erziehung
  • Politisches

Es geht nicht darum, ob die Meinung politisch-korrekt, richtig oder fair ist. Für diese Übung willst du einfach etwas finden, das dich heftigst anpiekst – und du eine richtig feste Meinung in eine bestimmte Richtung hast. Also nix ausgewogene Grautöne, sondern nimm was, wo du Schwarz/Weiß-Denken hast und das auch gut so findest.

Schritt 1: Sprich die Meinung aus (im Kopf oder schriftlich) + begründe kurz, warum das so ist.

z. B.

  • Veganer gehen mir auf den Sack: Ständig drücken sie allen rein, dass Tiere gequält werden, um besser dazustehen.
  • Das Einzige, wo Homöopathie wirkt, ist auf dem Konto der Heilpraktiker und Hersteller.

Vielleicht bist du  gerade unterwegs (beim Bahnfahren, im Café oder an der Supermarktkasse) und etwas oder jemand löst eine starke Meinung bei dir aus. Weil man etwas nicht macht, weil sich ein Vorurteil meldet, oder oder oder.

Schritt 2: Filtere den Kern deiner Ansicht raus

Wenn wir eine starke Meinung vertreten, gibt es immer einen Grund. Darum schauen wir jetzt nicht auf die Wertung, sondern was der Ursprung ist.

z.B.

  • Veganer gehen mir auf den Sack: Ständig drücken sie allen rein, dass die Tiere so gequält werden, um besser dazustehen.
    = Veganer reden ständig darüber, dass sie Veganer sind
  • Das Einzige, wo Homöopathie wirkt, ist auf dem Konto der Heilpraktiker und Hersteller.
    = mit Kügelchen kann man nichts behandeln, weil keine Wirkstoffe drin sind

Schritt 3: Stell dir die Warum-Frage + finde drei echt gemeinte Argumente für die gegenteilige Überzeugung

Nichts Halbherziges, sondern richtige Argumente. Es geht dabei nicht darum, dass du deinen Standpunkt wechseln sollst. Es geht lediglich darum, dir als Autorin Mühe zu geben, die andere Seite mal eben wahrzunehmen.

Und zwar auf positive Weise. Das macht das Faszinierende aus, wenn Themen polarisieren: Es gibt zwei Lager, die vollkommen überzeugt sind.

Auch hier gehts nicht um Fundiertheit oder allgemeine Argumente, sondern Ziel der Übung ist, dass du wirklich nachvollziehst, warum andere genau anderer Meinung sind als du.

z. B.

Warum reden Veganer darüber, dass sie Veganer sind?

  • Ihnen liegt das Wohl der Tiere so sehr am Herzen, dass sie es weitertragen und möglichst viele Leute aufklären wollen, was für ein Leben Tiere haben, wenn sie oder ihre Produkte konsumiert werden.
  • Sie wollen einfach nur vorbauen/begründen, warum sie bestimmte Sachen nicht essen/im Restaurant anders bestellen oder Selbstgemachtes mitbringen.
  • Es tut ihnen körperlich gut und etwas, von dem man überzeugt ist, dass es besser für einen ist, weil man sich ganz anders fühlt, trägt man offensiver nach außen, weil man es weitersagen will – u. a. damit andere es für sich probieren können.

Warum ist Homöopathie für viele Leute das einzig Wahre/schwören sie sogar drauf, obwohl keine Wirkstoffe nachweisbar sind?

  • Vermutlich haben sie eigene Erfahrungen gemacht, dass ihnen Globuli bei einer Sache sehr gut helfen/sie auf Medikamente verzichten konnten.
  • Sie haben Sorge, dass ihnen Chemie und Schulmedizin schaden könnte und ziehen daher immer eine natürliche Alternative vor.
  • Wenn ihnen ein Arzt oder Heilpraktiker Naturheilmittel verschreibt, ist das oft individuell zusammengestellt (ausgependelt oder dieser Muskeltest) und auch wenn ich das genauso bescheuert finde, ist mir klar, dass das Teil der Behandlung ist + die Zuversicht gibt, dass es hilft. Was natürlich was bewirkt, unabhängig von der Wirkstoff-Frage.

Das Beispiel sieht recht einfach aus, aber glaub mir: Wenn du ein Thema wählst, wo du wirklich innerlich kategorisch auf deinem Standpunkt sitzt, dann kommst du möglicherweise ins Ächzen. Denk dran: Es geht nicht darum, pseudomäßig ein bisserl zu relativieren. Es geht darum, eigene ARGUMENTE hinzuschreiben, die du wirklich selbst nachvollziehen kannst. Es kann durchaus sein, dass du das eine oder andere gute Argument zwar mitträgst, es aber nur höchst widerwillig aussprechen magst.

Wichtig ist, dass das Wahrnehmen einer anderen Seite nicht bedeutet, dass du deine Meinung aufgibst oder anderen recht gibst.

Tatsächlich gibt es nie nur Schwarz/Weiß, sondern viele Grautöne. Auch wenn wir Dinge schwerer gewichten oder etwas für uns ein absolutes No-Go oder eine ultimative Überzeugung darstellt, gibt es immer weitere Aspekte und andere Meinungen.

Das hast du davon

Es lohnt sich auf vielfältige Weise, diese Übung immer wieder mal zu machen – einfach nur für dich (das Ergebnis sieht kein Mensch):

Du schaust näher hin, was immer gut ist. Doch ganz besonders, wenn wir einen extremen Standpunkt haben, geht schnell der Rolladen runter und wir wollen außerhalb dieser Ansicht gar nichts wahrnehmen. Das schottet uns ab – von Inhalten und von anderen. Wir müssen eine Meinung nicht teilen, aber sich zu verschließen ist weder fürs Schreiben, noch für Interaktion und persönliche Wirkung vorteilhaft.

Du achtest auf den Kern der Sache und trainierst, den Blickwinkel zu wechseln. Das machen wir oft viel zu wenig – und wenn, dann gehen wir nicht weit genug. Wer breiter denken lernt, nimmt mehr wahr und kann mehr aus seinem Hirn rausholen.

Du tust nicht einfach ab, sondern lässt dich näher auf ein Thema ein. Beim Schreiben gehen wir oft nicht genug in die Tiefe, sondern huschen über Details hinweg. Die meisten schreibenden EinzelunternehmerInnen, die ich treffe, drehen vorschnell ab, weil sie denken, es gibt nichts mehr zu einer Sache zu sagen. – Wer übt, Argumente zu finden, die dem eigenen festen Standpunkt entgegenstehen, aktiviert nach und nach die Fähigkeit, generell differenzierter hinzuschauen.

Du wirst glaubwürdiger und stößt auf offenere Ohren. Wir möchten andere gerne überzeugen, erst recht, wenn wir glauben zu wissen, was richtig ist. Doch wir kennen es selbst, dass Einseitigkeit eher zu einem Auf-jemanden-einreden wird und dann gerne Argumente gegeneinandergesetzt werden. Wer überzeugen will, muss die Welt des anderen nachvollziehen können – selbst, wenn er sie nicht teilt. Dieses Einlassen ist spürbar. Selbst wenn du in einem Text (oder persönlich) nach wie vor nur deine Meinung vertrittst, wirst du sie anders anbringen, wenn du den gegenteiligen Standpunkt durchdacht hast.

Du schärfst dein Gefühl für die richtigen Wörter. Haben wir sehr starke Ansichten, dann spielen da immer irgendwelche Emotionen eine Rolle. Die Wortwahl passend zu machen, so dass die Intensität genau getroffen ist, ist eine eigene Kunst. Nicht nur, was die Formulierung angeht, sondern das Bewusstsein für kraftvollere, aussagekräftige Wörter, die genau das ausdrücken, was du sagen willst.

Du baust deine Gedanken systematisch aufeinander auf: Hier haben die meisten einen großen Trainingsbedarf!

Und schließlich finde ich, dass es uns allen gut tut, uns immer mal zu hinterfragen, gerade wenn wir eine sehr eingefahrene Meinung haben. Wie gesagt: Das heißt nicht, dass wir unseren Standpunkt relativieren sollen. Es geht lediglich darum, immer mal zu sehen, dass es außerhalb davon noch viel mehr gibt.