sich managen

Wir sehen meist nicht, was wir schon können

Egal, was wir Neues lernen – oder wo wir besser werden möchten: Meistens merken wir nur, wie es uns mit einer Sache geht und beurteilen das Ergebnis.

Das hat enorme Tücken!

Macht man etwas zum ersten, zweiten, zehnten oder zwanzigsten Mal, fühlt es sich nicht immer gleich richtig an. Es ist vielleicht anstrengend, frustrierend oder man stellt sich an. Es dauert länger. Es ist ungelenk. Und selbst beim dreißigsten, achtzigsten, hundersten Mal stellt sich – je nachdem, worums geht – noch keine „Perfektion“ ein.

Das Ergebnis kann nicht mal eben eine 100%ige Punktlandung sein! Besonders schlimm sind die Vergleiche, die wir ziehen. Ich höre oft: „Du machst das so schnell und weißt genau, was du wie schreiben musst! Wieso kann ich das nicht?“

Tja, da wollen wir mal hoffen, dass ich geübter bin als du. 😉

Nicht immer vergleichen wir uns mit Lehrern oder Fachleuten, oft schielen wir auf andere Normalos – ohne zu achten, dass die bereits viel länger üben. Oder auf andere vorhandene Erfahrungen und Fähigkeiten aufbauen können, die wir in dieser Form nicht haben. Und damit meine ich keine wundersamen Talente, die ihnen in die Wiege gelegt worden sind! 

Für manche Leute ist das richtig schlimm. Die fühlen sich dann wie in einem Nebel oder so, als ob sie es einfach nicht könnten [oder zu blöd sind].

 

Meinen Kunden gebe ich oft enthusiastisches Feedback, dass sie etwas schon supergut machen oder ich sage ihnen, dass und wo bereits deutliche Fortschritte sind – doch sie selbst können das noch gar nicht sehen. Selbst, wenn ich es aufdrösle und begründe. Weil sie falsch draufschauen.

Das „Wie geht es mir damit/wie fühlt es sich an?“ + „Wie finde ich das Ergebnis?“ (wie zufrieden bin ich mit mir/Vergleich mit anderen) führt in eine Sackgasse, die zudem nicht besonders hilfreich ist.

Als Neuling auf einem Gebiet – oder wenn wir uns neu fordern, weil wir anders an eine Sache herangehen, die wir schon gut können – müssen wir lernen, differenzierter auf uns und „die Sache“ zu schauen.

In einem Workshop schaue ich auf die Einzelaspekte:

JEDER Workshopteilnehmer

  • kann in einzelnen Phasen etwas auf Anhieb supergut
  • oder kann durch mein Feedback sofort verstehen + reparieren

Manchmal ist das Teilergebnis nicht richtig, aber ich sehe, dass das Prinzip schon angekommen ist, dass nur noch ein kleiner Denksprung fehlt.

Und JEDER Workshopteilnehmer

  • hat in einzelnen Phasen ein Verständnisproblem,
  • denkt nicht weit genug
  • oder achtet zu wenig auf das, was er zuvor festgelegt hat

Ein Überhaupt-nicht-kapieren oder Gar-nicht-können gibt es nicht, wenn man auf die Einzelaspekte schaut, anstatt nur das Gefühl + das Endergebnis zu berücksichtigen.

Es geht also darum, differenzierter hinzusehen: In die neue Fähigkeit reinzoomen; durchaus schauen, wos hakelt aber eben auch das Wahrnehmen, was schon geht, wenngleich noch holprig oder ungelenk.

Das gilt für jede neue Fähigkeiten. Beim Schreiben tut man sich oft schwerer, zu sehen, was alles an Fähigkeiten damit verbunden ist. Darum illustriere ich es anhand eines anderen Beispiels.

Ich lerne ja gerade das Hoopen.

Den Fountain fand ich schon immer total hübsch – und so, wie Emma Kenna, das vormacht, sieht das easy aus [die ersten 10 Sekunden reichen]:

Was man als Laie beim ersten Anschauen nicht sieht: Das ist irre komplex!

Als Neuling unterschätzen wir naturgemäß die Sache. Wir können sie nicht einschätzen und denken: Wenn ich das nicht kann, liegt das an mir.

Dieser hübsche kleine Bewegungsablauf, der einmal im Kreis läuft, besteht aus drei verschiedenen Positionen und vier Griffwechseln, die flüssig dazwischengeschaltet sind. Bei allem muss sich jede Hand verschieden bewegen.

Am Anfang war es mir überhaupt nicht möglich, den Fountain auch nur zu probieren. Weil ich weder das Wissen, noch die Fähigkeiten dazu hatte. ABER: Wenn ich die Einzelteile betrachtete, sah die Bilanz so aus:

  • von den drei Positionen der Reifen konnte ich eine bereits perfekt, eine konnte ich sehr schlecht, aber ich konnte sie + die über Kopf hatte ich verstanden, konnte ich mit den einzelnen Händen, aber nicht koordiniert
  • die vier Griffwechsel konnte ich zusammen überhaupt nicht, bei zweien habe ich gesehen, dass mir einzelne Handbewegungen bekannt sind YAY! + die zwei anderen Griffwechsel habe ich, trotzdem ich sie unzählige Male angeschaut habe, lange Zeit überhaupt nicht kapiert

Wer Lust hat, kann sich das Video ja mal ganz anschauen. Am Anfang wurde mir bei den ganzen Erklärungen schon schwindlig.

Ich war also gar nicht in der Lage, die ganze Figur auf einmal zu machen. Doch wenn ich reinzoomte, konnte ich sehen, was schon da ist. Was ich verstehe. Und was ich üben kann.

Hätte ich mich nach Gefühl beurteilt („ich bin überfordert, das ist anstrengend, es fühlt sich nicht richtig an“) und nach Ergebnis („mir bekannte Einzelteile sehen Scheiße aus, es stockt alles und geht nicht weiter“), hätte ich sofort aufgegeben. Dann kann ich es halt nicht!

So aber hatte ich eine erste ganz gute Bilanz:

  • Ich wusste, was schon geht.
  • Und ich wusste, was ich erstmal einzeln richtig üben kann.

Also habe ich die Aufgabe zerhackt, mich über das gefreut, was schon geht und dann das geübt, wo ich wusste „ich checks, aber ich kanns noch nicht“. Nur dieses Einzelteil – und dazwischen immer ein Stück zusammengehängt, was meistens danebenging. Aber mit Dranbleiben ging es manchmal ein kleines Stückerl weiter als beim letzten Mal. Oder ich hatte vereinzelt das Gefühl „jetzt geht manchmal diese eine Bewegung flüssiger“.

Mittlerweile kann ich – nach laaaangem Üben -, mal mit nur einem Reifen, mal mit beiden – rechts herum den kompletten Fountain flüssig, aber keineswecks lockerflockig und sauber. Und linksrum geht er extrem stockend und holprig in der Ausführung, weil das meine schwache Seite ist. Ich kanns also keineswegs.

Doch ich freue mich wie Bolle! Weil es nicht darum geht, eine neue Fähigkeit „mal eben“ perfekt und ohne Anstrengung zu können. Sondern weil ich näher hingeschaut habe und mich gezielt weitergeübt habe. Es steckt noch ein gutes Stück Übung vor mir und dann werde ich es so locker können wie Emma.

Lernen ist ein Prozess.

Frust, Freude und Fortschritt

Etwas Neues zu lernen und dann noch richtig gut darin zu werden, dass es locker – irgendwann ohne darüber nachzudenken – klappt, das erfordert Wiederholung.

Ein Dranbleiben und aktives Üben ist aber nur möglich, wenn wir uns nicht die Freude daran nehmen.

Wundert euch also bitte nicht, wenn euch was anstrengt, Ihr am Anfang was nicht kapiert und nicht auf Anhieb könnt. Das kann ja gar nicht gehen!

Schaut näher hin und nehmt die Einzelteile wahr: Denn dann merkt Ihr, was Ihr schon supergut könnt oder kapiert, auch wenn es noch nicht umzusetzen geht. Gerade beim Schreiben hat man gerne mal im Kopf, was noch nicht stimmig ist oder wie man es haben will … aber es geht irgendwie nicht, das zu Papier zu bringen. Ja klar! Aber du hast wenigstens gemerkt, was nicht passt, oder kannst dir vorstellen, wie es sein soll. Hurra!

Oder du machst es wie ich und übst mal nur einen Teil:

  • Mal nur den Plankton-Arbeitstitel im Fokus haben und sonst alles so machen, wie du es bisher machst.
  • Wenn du Grenzen setzen lernen willst, mal nur im Kopf merken: Jetzt würde ich gerne diese und jene Grenze setzen (ohne den Anspruch zu haben, es sofort zu tun, am besten noch voll selbstbewusst + konstruktiv).

Fortschritte und Durchbrüche passieren nur, wenn du aufmerksam dranbleibst. Das Dranbleiben kann nur gelingen, wenn du deine Pluspunkte und Fortschritte siehst. Anstatt nur aufs Ergebnis fixiert zu sein.