Ratgeber schreiben

Buch? Selbstlernkurs? – Tipps für größere Schreibprojekte (4)

Jetzt: Ein Abriss über Bewährtes. So gehe ich auch mit meinen Kunden vor, wenn ich größere Schreibprojekte coache.

Was mir an Hilfsmitteln zur Organisation nützt, vor allem, um den Fortschritt unter Kontrolle zu haben, habe ich schon vor einigen Jahren verraten:

Warum ich ein Buch immer mit dem Anhang beginne und meine wichtigsten Werkzeuge beim Buchschreiben: Teil 1 und Teil 2

Der Entstehungsprozess: systematisch aufeinander aufbauen

Der größte Fehler beim Schreiben: Alles gleichzeitig machen zu wollen.

Stattdessen ist es wichtig, systematisch vorzugehen. Eins nach dem anderen. Alles baut aufeinander auf.

Thema konkretisieren, Struktur mit aussagekräftigen Arbeitstitel-Überschriften festlegen (den Umfang immer fest im Blick behalten) – das habe ich schon ausführlich erklärt.

Vor dem „richtigen“ Schreiben empfehle ich dringend, pro Passage die Kerninhalte festzulegen und im Selbstgesprächmodus hinzuschreiben.

Selbstgesprächmodus heißt: Einfach für sich selbst + aus sich heraus schreiben – in ganzen Sätzen, ohne den Leser direkt anzusprechen und vor allem, ohne schon großartig auszuführen. Das Konzept ist für dich selbst, das kriegt sonst niemand zu sehen. Da ist also nicht wichtig, dass hübsch formuliert ist, sondern dass du die relevanten, nackten Inhalte auf einen Blick siehst.

Du bringst also in eigenen Worten auf den Punkt, was du in ein Unterkapitel unbedingt reinbringen willst. Die Zwischen-Überschrift sagt dir genau, worum es in der Passage geht.

Sagen wir, jemand schreibt einen Selbstlernkurs, in dem es u. a. um das Umgehen mit Fehlern geht. Ein Unterpunkt sieht so aus:

Sicherer Image-Schaden, ggf. für die Abteilung/das Unternehmen

Es gibt Fehler, die eigentlich nicht passieren dürften, manche haben große Konsequenzen. Doch obendrauf kommt der Image-Schaden, dass man nicht nur nicht zu seinem Fehler steht, sondern ihn sogar versucht hat, zu verbergen.

Das kann sich zudem negativ auf Kollegen auswirken, bei externen Betroffenen (Dienstleistern/Kunden) kann dieses Verhalten – nicht der eigentliche Fehler – sogar das Image der Firma beschädigen oder die Zusammenarbeit kosten.

Das sind die Kerninhalte für diese Passage. – Später, beim Schreiben, wird dieser Unterpunkt total anders aussehen, vielleicht soll der Abschnitt „Fehler verbergen“ sogar deutlich weiter aufgefächert werden. Plus: Die negativen Auswirkungen werden näher beleuchtet. Aber ich habe die Kerninhalte bereits aus meinem Hirn geholt und innerhalb meines Projektes an einer sinnvollen Stelle platziert.

Als AutorIn garantiert mir dieses Vorausdenken,

  • dass ich mich vorab sortiere,
  • dass ich total den Überblick behalte, dass/ob ich in einem Kapitel alles drin habe, was ich brauche,
  • dass ich vorzeitig erkenne, wenn ich versehentlich dopple bzw. Inhalte, die in ein anders Kapitel gehören, rechtzeitig umpacken kann,
  • dass ich die Gewichtung der Inhalte fest im Blick habe,
  • dass ich, wenn alles festgelegt ist, viel zielgerichteter und schneller schreiben kann, weil Struktur UND Kerninhalte alle bereits festgelegt sind.

Das meinte ich, als ich im letzten Teil davon sprach, dass du nach wie vor alle Freiheiten und alle Kreativität der Welt hast, wenn du einen Text durchkonzipierst. Nur der Zeitpunkt, wann du näher bestimmst, was wohin soll, verschiebt sich nach vorne – anstatt ins Blaue zu schreiben und dann spontan mal dies und das reinzuschreiben.

Bei einem Ratgeber oder Selbstlernkurs gibt es zudem meist einige wiederkehrende Elemente:

  • vielleicht entscheidest du dich, jeweils einen Selbst-Test zu machen, der eine Eigenschaft, die im Fokus des Kapitels steht, näher aufzudröselt,
  • oder es gibt einen Spickzettel, den der Leser im Alltag nutzen kann,
  • oder du machst in deinem Ratgeber zwischendurch Magazinseiten: Doppelseiten, die ein verwandtes Thema aufgreifen, um etwas Nützliches zu vertiefen, das nicht direkt in den Fließtext gehört.

Wiederkehrende Elemente machen ein großes Schreibprojekt runder. Hier lohnt es sich, immer einen Prototypen zu machen: Natürlich erst wieder genau Ziel und Struktur bestimmen. Dann anhand eines konkreten Themas die Inhalte festlegen und schreiben. Bei wiederkehrenden Elementen ist der Umfang besonders wichtig, weil die meistens formschön auf eine halbe, eine ganze oder zwei Seiten passen sollen. Steht der Prototyp, ist das die halbe Miete. Denn du kannst dich daran hervorragend in puncto Aufbau und Umfang pro Unterpunkt orientieren, wenns an die weiteren Themen geht, für die du das wiederkehrende Element ebenfalls nutzt. Gerade solche Zusatz-Elemente lassen sich supergut nebenbei erstellen.

Jetzt kanns losgehen! – Der Entwurf

Ist dein Konzept fertig, kannst du fröhlich damit beginnen, dein Buch runterhacken. Ein enormer Vorteil, den ich zuvor schon betont habe, ist das Durcheinanderschreiben. – Es ist extrem hilfreich, ein großes Schreibprojekt zumindest kapitelweise durchzutakten (ich konzipiere in der Regel sämtliche Kapitel durch). Denn das erlaubt größtmögliche Freiheiten im Schreiben:

Wenn ich genau weiß, was wohin gehört, kann ich wild durcheinander schreiben. Ich KANN also im ersten Kapitel von vorne nach hinten schreiben, wenn ich will. Ich kann aber auch sagen „heute hab ich Lust auf Kapitel 5, da in der Mitte, dieses Unterkapitel interessiert mich grad“. Vor allem kann ich problemlos kleine Zeitinseln nutzen! Gerade weil der Alltag neben einem großen Schreibprojekt weiterläuft, ist es total wertvoll, zwischendurch sagen zu können: „Ich hab grad nur 20 Minuten, da knöpf ich mir mal eben diesen Abschnitt vor“ oder „jenen Infokasten“. Auf diese Weise wächst das Projekt stetig, sogar in Zeiten, in denen man einfach nicht zum Schreiben gekommen wäre.

Das allerallerallerwichtigste ist, das Manuskript im Entwurf zu schreiben: Ein Plädoyer fürs Quick & Dirty

Feintuning, wie hübsches Formulieren, Polieren und Korrekturen kommen immer erst ganz am Schluss, wenn das Manuskript steht.

Dafür empfehle ich ebenfalls getrennte Durchgänge, anstatt zu versuchen, alles auf einmal zu machen:

  • Das fertige Manuskript kapitelweise erstmal nur auf Verständlichkeit durchgehen und anzeichnen.
  • Danach reparieren und auf Formulierungen achten.
  • Erst ganz am Schluss auf Fehler korrigieren (oder ein Lektorat machen lassen).

Der Vorteil: Wenn du so systematisch vorgegangen bist, wie ich es empfehle und wenn du dabei den Umfang fest im Blick behalten hast (Klemmbrett!), dann ist das Überarbeiten ein Klacks, weil es nämlich nicht wirklich viel zum Überarbeiten gibt, sondern tatsächlich nur ein Feintuning.

Manöver-Kritik

Wer plant, öfter mal ein größeres Schreibprojekt anzupacken, sollte unbedingt die Erfahrungen aus diesem ersten Mal nutzen.

Sei freundlich mit dir, wenn du dich irgendwo verlaufen, dich „angestellt“ oder totale Zeitnot bekommen hast. Das erste Mal ist selten perfekt. Selbst wenn du happy bist, weil alles gut gelaufen ist, schau näher hin:

Wie gings mir mit dem Schreibprojekt?

Das ist die spontane Einschätzung: Wie war ich? 🙂

Was ist mir leicht gefallen/was eher schwer? Hatte ich die Kontrolle über das Projekt (Nah- und Fernsicht)? Hat es mir Spaß gemacht oder habe ich mich irgendwann mit irgendwas gequält?

Anschließend konkreter abklopfen:

Wie systematisch bin ich vorgegangen?

Sich etwas vornehmen, es zu tun und die Qualität der Ausführung sind drei Paar Stiefel! Lass Revue passieren, welche Systematik du verfolgen wolltest und ob/wie du es tatsächlich getan hast.

Es kann gut sein, dass du nach meiner Empfehlung vorgegangen bist, aber dann gemerkt hast, dass du bei Struktur und Inhalten einige Schwierigkeiten hattest und es daher bei weiteren Kapiteln schleifen hast lassen.

Oder du merkst rückblickend: Ich hab das schon ganz gut gemacht, aber ich habe nicht auf den Umfang geachtet und viel zu viel geschrieben.

Gerade große Schreibprojekte müssen sinnvoll aufeinander aufbauen, wenn du zielführend und relativ flott durchkommen willst. Es ist sehr wichtig, eine Manöverkritik zu machen. Nur so hast du die Gelegenheit, zu erkennen, wo du vor dem nächsten größeren Projekt eventuell noch Input oder Training brauchst.

Wie gings mir mit der Selbstorganisation?

Jeder von uns braucht etwas anderes, um am Ball zu bleiben – gerade bei komplexeren Schreibprojekten. Manche versäumen komplett, sich bewusst zu organisieren, schieben aber gleichzeitig alles vor sich her, weil sie immer denken „es geht schon noch“. Ich hatte mal eine Kundin, die sich gesagt hat „ich bin dran, das schaffe ich“ und am Freitag vor dem Abgabetermin am Montag hat sie mich um Hilfe gebeten. Mich hat der Schlag getroffen, weil fast nichts da war. – Tatsache ist: Solche Extreme können passieren, vielleicht weil kurz vorher Panik einsetzt und man sich immer noch selbst zu überzeugen versucht, dass es schon gehen wird. Da ist diese Kundin nicht die Einzige!

Es gibt natürlich das andere Extrem: die Überorganisierer. Ich höre oft, dass sich Leute ein Pensum setzen à la „jeden Tag 10 Seiten“. – Das mag für manche super funktionieren. Ich würde irre werden, weil ich so nicht arbeite. Ich habe Tage, da schreibe ich gar nichts und an anderen Tagen stundenlang nonstop. Ein Pensum nach Umfang würde bei mir überhaupt nicht funktionieren. Bei anderen aber schon.

Also geh deine Organisation differenzierter durch: Wie hast du dich organisiert, was ist dabei besonders gut gelaufen und hat sich bewährt? Wo bist du eher ins Schlingern geraten und was war rückblickend nicht so gut – wie willst du es beim nächsten Mal machen?

Wie zufrieden bin ich mit dem Ergebnis?

Ein Buch oder ein Selbstlernkurs sind ein anderes Kaliber als Kurztexte. Der Umfang, vor allem das, was deine Leser damit (in Eigenregie) tun können sollen, fordern uns als Autoren auf extrem vielen Ebenen.

Wenn du das Ergebnis beurteilst, dann bitte nicht einfach nur sagen „bin unzufrieden“ oder „könnte besser sein“, sondern schau genau hin: Was ist dir super gelungen? Was ist nicht so gut gewesen? Und was findest du furchtbar?

Vielleicht merkst du, dass inhaltlich alles super ist, du selbst beeindruckt bist, wie schlüssig du alles auf den Punkt gebracht hast – aber du bemängelst, dass du recht nüchtern-neutral in der Sprache warst, wo du doch sonst so locker bist.

Oder du merkst, dass der Text irgendwie langweilig klingt, weil der Textaufbau überall so gleichförmig ist und sich viele Formulierungen wiederholen, was dir bislang bei Kurztexten gar nicht so aufgefallen ist.

Es kann sein, dass dir am Ende erst aufgefallen ist, dass die einzelnen Inhalte zwar gut gelungen sind, du es aber selbst verwirrend findest, dem Ganzen zu folgen. Dann zeigt sich die Schwäche entweder in der Struktur oder in schlüssigen Überleitungen/Erklärungen.

Vielleicht hast du mit deinen eigenen Erfahrungen und Standpunkten zu sehr hinter dem Berg gehalten, so dass dein Ergebnis „ganz nett“ geworden ist, aber irgendwie nur drinsteht, was sonst überall steht.

Vieles lässt sich übrigens nachträglich noch reparieren (außer wenn die Struktur total daneben war). Doch so richtig wertvoll ist die Manöverkritik fürs nächste Mal.

Immer konkret antworten – positiv und negativ. So kannst du anhand deiner Antworten tiefer reingehen:

  • Du siehst, was du schon im Sack hast und was dir nützt.
  • Du erkennst Fortschritte, die du schon gemacht hast.
  • Du kannst überlegen, worauf du das nächste Mal besonders achten willst, damit du die negativeren Auswirkungen im Griff hast oder schneller lösen kannst, wenn du merkst, dass dir was entgleitet.

PS: Wenn du nicht sicher bist …

Hast du den Traum, sowas Großes zu schreiben, aber bisher noch nicht oder nicht viel geschrieben. Oder bist nicht so überzeugt, ob deine Schreibfähigkeiten reichen oder die Puste, dann empfehle ich:

Unterschreib keinen zu knapp bemessenen Vertrag. Es ist gut, sich die Zeit zu begrenzen. Aber es ist nicht gut, unter Zeitnot zu geraten, erst recht, wenn du vertraglich gebunden bist. Ich habe, wie gesagt, schon einige Buchmanuskripte in letzter Minute gerettet, deren Abgabetermin vor der Tür stand – und wo noch das halbe Buch gefehlt hat. Ich wiederhole meine Daumen mal Pi-Empfehlung für Erstautoren: Schau, dass du sechs Monate Zeit hast zum Schreiben. Wenn du schneller fertig wirst, kannst du immer noch früher abgeben. Das hat sich bewährt, zumal die meisten neben dem eigentlichen Arbeitsalltag schreiben müssen.

Bau deine Schreibfähigkeiten konsequent auf und aus. Hier muss ich mal wieder die gute alte Sportanalogie bringen: Als Couchpotato würdest du aus dem Stand keinen Marathon schaffen. Selbst geübte Läufer trainieren gezielt für so große Projekte. Je größere die Unsicherheit ist und wenn du bisher nur wenig regelmäßig geschrieben hast, dann fang nicht gleich mit einem Mörderprojekt an. Bau die Grundfähigkeiten auf, taste dich ran. Das stärkt dein Schreibfundament und deine Zuversicht. Gerade größere Projekte erfordern ein vielseitiges Schreibrepertoire. Denn Bücher oder Selbstlernkurse sollen die Leser an die Hand nehmen und ins Tun bringen, sich gleichzeitig idealerweise lebendig und vielseitig lesen.

Hol dir Unterstützung! Ich betreue so große Schreibprojekte nur noch gelegentlich und dann nur für Kunden, die mit mir das Konzept gemacht haben. Doch da draußen gibt es jede Menge richtig guter Leute – und ich meine nicht das Lektorat am Ende.

Ein gutes Lektorat ist Gold wert. Ich hatte das Vergnügen, schon mit einigen richtig genialen Lektoren zusammenzuarbeiten. Da kann ich mich nur verneigen! Doch ich merke immer wieder einen Denkfehler, wenn Leute gerne schreiben LERNEN möchten: Dann ist ein Lektorat nicht die richtige Adresse.