formulieren

Du/Sie, ich/wir, man – Wie sprech ich meine Leser an?

Als EinzelunternehmerInnen können wir tun, was wir wollen. Für manche ist es klar wie Kloßbrühe, wie sie das mit der Anrede halten, doch ich merke nach wie vor, dass es hier sehr viel Unsicherheit gibt:

  • Erstaunlich viele duzen im Blog, formulieren alle anderen Texte ihrer Website jedoch mit SIE. Einige schreiben im Netz generell DU, siezen aber in E-Mails und Telefongesprächen.
  • Andere ziehen sich aus der Affäre, indem Sie ständig mit ICH, MAN und WIR hantieren.

Jede Anrede hat ihre Berechtigung. Meiner Meinung nach ist wichtig, dass du die für dich passende Linie findest:

  1. Mach es so, wie es dir entspricht.
  2. Sei einheitlich, was das DU/SIE betrifft.
  3. Lass ICH, MAN und WIR dosiert einfließen.

Schauen wir uns die einzelnen Anreden genauer an:

Sie/du:

Deine Leser direkt anzusprechen, ist ein Riesen-Vorteil, denn du trittst dadurch unmittelbarer in Kontakt. Wenn du es schaffst, schriftlich so richtig mit deinen Lesern zu reden, idealerweise zu plaudern,

  • liest es sich flüssiger,
  • entsteht ein Band zu deinen LeserInnen,
  • und sie fühlen sich gemeint.

Texte, die eine Anrede komplett vermeiden, lesen sich eher wie ein Bericht. Solchen Texten ist außerdem eine gewisse Anstrengung anzumerken. So ähnlich, wie wenn du im richtigen Leben jemanden triffst und nicht genau weißt, wie du ihn anreden sollst: Es gelingt einfach nicht lange, ein natürliches Gespräch zu führen, wenn man die Anrede krampfhaft vermeiden will. Nicht nur, weil das formulierungstechnisch schwierig wird, sondern weil das Gehirn hochtourig denken muss, um die natürliche Sprache zu umgehen. Flüssiges Schreiben hängt von flüssigem Denken ab!

Texte ohne direkte Anrede schreiben an den Leser hin.

Wir Selbstständige schreiben jedoch nicht, weil uns langweilig ist, sondern die meisten von uns veröffentlichen, weil sie unterm Strich was davon haben wollen.

Neutral formulierte Texte verschenken hier sehr viel Potenzial. Selbst, wenn sie inhaltlich top sind, wird der Einzelunternehmer dahinter kaum wahrgenommen.

Eine direkte Anrede – SIE/DU – ist definitiv empfehlenswert.

Das DU ist dabei aber etwas tricky – besonders im Businessbereich. In den letzten Jahren hat sich durch das Internet das Duzen extrem verbreitet. Noch vor einiger Zeit waren es nur wenige Branchen, wo man als potenzieller Kunde direkt geduzt wurde (hippe Startups und besonders Webdesigner machen das schon seit geraumer Zeit). Ich bin jemand, der lieber gesiezt wird, wenn er jemanden noch nicht kennt. Daher hat es mich früher immer gerissen, wenn ich sofort geduzt wurde. Warum ich trotzdem vor drei Jahren aufs DU umgeschwenkt bin, erkläre ich hier.

Auch wenn das Internet ein Duz-Medium ist und es mittlerweile sehr weit verbreitet ist, auf Blogs, Social Media und Businesswebsites zu duzen, heißt das nicht, dass man das tun muss.

In Workshops kommt diese Thematik regelmäßig auf: Da duzen Leute, die auf Nachfrage sagen „Das gehört so/das machen alle so, aber ehrlich gesagt finde ich das blöd.“

Nicht jeder Mensch da draußen will geduzt werden. Die einen empfinden das SIE eher als distanziert, den anderen ist das DU zu persönlich.

Du bist dein eigener Maßstab! Du entscheidest:

  • Wie will ICH (mein Unternehmen) wirken? Entspricht mir beispielsweise das Du?
  • Wie könnte eine Anrede bei meinen Lesern ankommen? Filtere ich mir dadurch Leser/Kunden möglicherweise weg? – Bitte aber nicht zu paranoid sein: Es zählt deine eigene Art und Herangehensweise. Deine Texte sollen deine Persönlichkeit vermitteln und wenn dir das Duzen näherliegt, sich besser anfühlt beim Schreiben, dann machs! Flow-Chart: Soll ich auf meiner Website duzen?

Die Anrede alleine macht einen Text nicht distanziert, persönlich oder locker! Ein Du-Text kann total unpersönlich sein, während ein Sie-Text lässig mit den Lesern „redet“.

Wir:

Das Wir – und uns – ist so eine Sache. Meine Empfehlung: Setze es wie Salz ein. Immer mal eine Prise. Sonst wirkt es schnell wie das Krankenschwester-Wir („Wie geht’s uns denn heute?“), und das törnt eher ab.

Achtung: Bei UNS und WIR unbedingt auf den Kontext achten! Es ist beispielsweise total in Ordnung, mal zu sagen „Wir Selbstständige tun dieses und jenes“ oder „Wir Menschen denken häufig …“, doch die Wir-Form birgt Gefahren:

  • Das Verbrüdern mit dem Leser wird erzwungen: ein ständiges WIR und UNS ist einfach zu viel.
  • Der Leser fühlt sich in eine bestimmte Richtung manipuliert, etwa wenn in der Wir-Form bestimmte Meinungen/Verhaltensweisen unterstellt werden.
  • Es regt sich Widerstand aufgrund von Verallgemeinerungen: zum Beispiel, wenn es heißt „Wir Frauen sind nun mal emotionaler“ oder „Wir Männer zeigen nie Gefühle“.

Ich:

Leser lieben es, etwas mitzuerleben: Eine Anekdote, Verhaltensweise oder einen Charakterzug des Autoren zu erfahren. Darum ist das Ich durchaus eine schöne Sache.

ABER: Businessrelevante Texte sind keine rein biographischen Ich, ich, ich-Texte. Darum nie zu intensiv beim Ich bleiben, sondern sich beim Konzipieren bereits fragen:

  • Was heißt das denn für meine Leser? Was sollen die wissen, können oder tun?
  • Wie ist die Relevanz über mein persönliches Erfahren, dieses Erlebnis oder meine Einzelmeinung hinaus?

Das heißt nicht, das ICH  komplett außen vor zu lassen! Im Gegenteil: Wir sind EinzelunternehmerInnen! Wir sind unser Business. Darum soll das Ich immer präsent sein. Nur eben ausgewogen. Damit es weder in Selbstbeweihräucherung, noch in einen Egotrip abgleitet.

Soll man über sich in der dritten Person schreiben?

Man:

Es gibt Leute, die das MAN scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Völlig okay! Es ist unser gutes Recht als Autoren, bestimmte Wörter und Formulierungen prinzipiell nicht zu benutzen.

Ich greife es absichtlich separat auf, weil ich immer wieder Leute treffe, die denken, das MAN darf man nicht nutzen. 😉

Das sehe ich nämlich gar nicht so. Kontext und Dosis machen das Gift. Nimm meinen Satz oben:

Auch wenn das Internet ein Duz-Medium ist und es mittlerweile sehr weit verbreitet ist, auf Blogs, Social Media und Businesswebsites zu duzen, heißt das nicht, dass man das tun muss.

Dagegen ist gar nichts zu sagen. Wer das nicht mag, kann das MAN ohne weiteres in ein Du/Sie, ich oder wir umwandeln.

Anders ist es, wenn der Kontext auf ein ICH hinweist oder Leser in die Pflicht nehmen soll.

zum Beispiel:

  • Ich kenne meine Tendenz, vorschnell „Ja“ zu sagen und mich hinterher ausgenutzt zu fühlen. Weil das meinen LeserInnen genauso geht, will ich die eigene Erfahrung dafür nutzen. Doch jetzt verstecke ich mich hinter einem „Man sagt oft vorschnell JA …“ – Der Text wäre viel kraftvoller, wenn der Mensch dahinter aus der Deckung kommt.
  • Ich schreibe einen Text, mit dem ich Führungskräfte auf ihre Plapperkommunikation hinweisen will, aber anstatt sie direkt anzusprechen, eiere ich rum à la „Man sagt manchen Führungskräften nach, dass sie heiße Luft verbreiten.“

Hier wäre das MAN kontraproduktiv, weil es distanzierter wirkt und die Person, um die es geht, aus der Pflicht nimmt. Das lässt zudem den Einzelunternehmer hinter dem Text schwach wirken. Und ein Text ist immer ein Stellvertreter dafür, wie wir EinzelunternehmerInnen denken, an die Dinge herangehen und uns im Alltag verhalten.

Entsteht der Eindruck, dass wir zu zurückhaltend sind oder uns nicht trauen, Klartext zu reden, kommt auch das bei den Lesern an. Unsere Wirkung entscheidet immer darüber mit, welche Kunden wir anziehen und wie viele Aufträge wir durchs Schreiben generieren.

Da kann jemand supernützliche Texte schreiben und eine Stammleserschaft aufbauen, doch wenns um handfeste Aufträge geht, bekommt jemand anderes den Zuschlag.