Themenwahl

Wasser predigen und Wein trinken?

Es gibt Selbstständige, die sich leider generell davor scheuen, zu bloggen oder in den Medien auf sich aufmerksam zu machen.

Es gibt allerdings viele, die unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil sie

  • zu generische Themen wählen,
  • zu weit an der Oberfläche bleiben,
  • sich zu wenig zeigen.

Ein Grund dafür ist, dass sie so manches, von dem sie wissen, dass es gut wäre, selbst nicht tun.

Vom Tun und Lassen

Keine Frage: Es ist richtig, nicht rumzuheucheln. Leser anlügen, das ist nie eine gute Idee. Es fühlt sich vor allem nicht richtig an.

Anderen zu schreiben, was sie tun oder lassen sollen, es aber selbst nicht zu tun, kann – über Schreibhemmungen hinaus – ungute Folgen haben:

Leser können die Wasser-und-Wein-Situation entlarven

„Papier ist geduldig“ heißt es. Doch tatsächlich lässt sich manche Diskrepanz sehr wohl entlarven:

Wer aktiv im Netz ist – auf Social Media, in Kommentaren –, der gibt aufmerksamen Lesern ein umfassenderes Bild von sich, als ihm bewusst ist. Kurze Momentaufnahmen, hier eine Status-Info, da eine Meinung, dort etwas Privates.

Wenn Leser einen persönlich kennenlernen [in Seminaren, am Telefon, in Beratungssituationen], werden Diskrepanzen ebenfalls schnell deutlich.

Beispiele?

Eine Bekannte hat mir immer kopfschüttelnd erzählt, dass ihre Yoga-Lehrer in der Theorie so wahnsinnig friedlich aufgetreten sind, gleichzeitig aber in ihren Stunden bösartig über andere Lehrer und Yoga-Stile gehetzt haben.

Ich staune manchmal, was manche Einzelunternehmer öffentlich sagen und wie sie sich etwa bei schriftlichen Diskussionen verhalten! Es ist schon wichtig Standpunkt zu beziehen, aber doch bitte nicht so, dass es das eigene Business unterminiert.

Oder Leute, die einen gesunden Lebensstil propagieren, und Tipps geben, wie es geht – doch wenn man ihnen gegenübersteht, sieht man sofort, dass sie alles andere als gesund leben.

= Eine Glaubwürdigkeitskluft lässt sich durchaus erkennen.

Das Selbstverständnis gerät ins Wanken

Unterm Strich ist gar nicht so relevant, ob Leser unbedingt merken, dass da was faul ist. Es reicht schon, es selbst zu wissen. Sich wie ein Heuchler, Lügner oder Hochstapler zu fühlen, wenn man schlau über was schreibt – es aber nicht tut.

Das Dumme ist, dass sich so ein Gefühl gerne verfestigt. Läuft es blöd, greift es aufs gesamte Business über.

Ja, wir sind Fachleute auf unserem Gebiet. Aber wir sind normale Menschen!

Niemand erwartet, dass du perfekt bist: Alles weißt, alles kannst, alles tust. Im Gegenteil! Es kann für die Zielgruppe gerade gut sein, zu erleben, dass sogar jemand vom Fach, der es besser weiß, eben nicht alles umsetzt, sondern ebenfalls mit Hürden oder Unlust zu kämpfen hat.

= Die eigene Echtheit ist eine wichtige Zutat. Sie vertieft ein Thema und macht Artikel oft erst richtig brauchbar.

Wo es für uns unbequem ist, wird es spannend!

Scheuen sich Selbstständige vor einem Thema, weil sie etwas nicht ein- oder durchhalten, gibt es meiner Erfahrung nach zwei Varianten:

  • die tatsächliche Kluft zwischen „ich empfehle“ und „ich tue“
  • die Pseudo-Kluft

Beides gibt uns wichtige Anhaltspunkte. Beides ist lösbar.

Sehen wir uns drei Auslöser für diese tatsächliche und gefühlte Kluft an:

1. Du bist in dein Fach reingerutscht oder –gegangen, weil du auf diesem Gebiet (noch) Probleme/Defizite hast

Hat man etwas mitgemacht oder überwunden, erlebt man bedeutende Aha-Effekte. Gerade im Lebenshilfe und Gesundheitsbereich haben einige so umwälzende Erfahrungen gemacht, dass sie den tiefen Wunsch hegen, andere zu unterstützen.

Dazu kommt gerade am Anfang, wo die Durchbrüche gewaltig sind, das Gefühl, so richtig viel zu wissen und zu können. Der gefühlte Expertenstatus ist einerseits riesig, andererseits sind die eigenen Themen nicht immer überwunden.

Darüber habe ich bereits im Zusammenhang mit Buchautoren geschrieben: Selbst ein Problem haben, macht noch keinen Ratgeber

Beschreibt das gerade deine Situation, heißt es, näher hinzusehen. Denn es kann sein, dass die eigene Unsicherheit [und Strenge] einfach noch so groß ist, dass du beim Schreiben zweifelst, ob du anderen Rat geben solltest.

Es kann natürlich sein, dass es tatsächlich Bereiche gibt, wo du noch ein Stück des Weges vor dir hast, bevor du andere wirklich anleiten kannst. So können die Unsicherheiten beim Schreiben ein wichtiges Signal sein, die eigene Leistungspalette abzuklopfen und zu verändern.

Das Gute ist, dass du in diesen Fällen nicht auf bestimmte Themen verzichten brauchst. Das Plankton ist dein Freund.

Ein Coach für Selbstbehauptung will schreiben über „3 sichere Methoden, mit denen du lernst, nicht mehr so viel an dir zu zweifeln“, hadert aber selbst häufig mit sich. Also ändert er den Plankton-Arbeitstitel auf „3 Methoden, die mir helfen, wenn ich doch wieder mal an mir zweifle“.

Solche sehr persönlichen Texte müssen natürlich in einer Form geschrieben sein, die keinen Zweifel an deiner Kompetenz aufkommen lassen. Je größer vorhandene echte Unsicherheiten sind, desto mehr kippen Leute hier zu sehr in die Schwäche. Im Blog gibts diverse Texte, wo ich diese Thematik streife – und es gibt einige Workshops, die speziell diese persönlicheren Ansätze aufgreifen.

2. Du nimmst an, dass eine bestimmte Denke, eine Haltung oder ein Verhalten von dir erwartet wird.

Es ist sehr verbreitet, sich an anderen in der Branche zu orientieren. Dazu kommen die Schubladen, in denen sich bestimmte Berufsgruppen wiederfinden, und die beeinflussen, wie jemand zu sein hat, sich geben und verhalten sollte. Auch die Sicht- und Herangehensweise an Themen + Menschen kann in solche Erwartungen reinspielen.

Manchmal passt einem dieser Schuh ganz hervorragend. Doch es gibt Klischee- oder Erwartungshaltungen, die so gar nicht zu einem passen.

Vielleicht halten die Yoga-Leute von da oben gar nichts von Friede-Freude-Spirtualität. Völlig okay! Zwar müssen sie dann mit ihrem nach außen getragenen bösartigen Lästerverhalten leben, denn alles, was wir rausgeben, prägt nunmal unser Image. Doch es ist völlig okay, wenn ich als Selbstständiger sage: What you see, is what you get!

In diese Ecke gehören Themen, die aktuell im Trend sind, bei denen du anderer Ansicht bist. Das wiederum verführt entweder dazu, Texte zu schreiben, hinter denen man gar nicht steht, die aber offensichtlich gerade gefragt sind. Oder aber das eigentlich wichtige Trendthema wird komplett ausgeklammert, was Reichweite verschenkt und die Möglichkeit, geradezurücken, wie du die Sache siehst.

Schreiberisch führt es tatsächlich zu heuchlerisch anmutenden Texten, wenn du einen Ton anschlägst oder einer anderen Erwartung entsprechen magst, die deine Leser angeblich von dir haben.

Gerade Selbstständige, die noch nicht lange im Business sind, orientieren sich aus Unsicherheit gerne zu sehr am Umfeld, anstatt zu sich zu stehen.

Ich finde: Das ehrliche Bloggen hilft dir dabei, herauszufinden, wie du wirklich zu den Dingen stehst + wie dein tatsächlicher, ureigener Stil ist. Das macht den Weg zu einem  Unternehmensauftritt frei, der deckungsgleich zu deiner Persönlichkeit ist.

3. Du weißt, es wäre gut/richtig, etwas zu tun oder zu lassen, ABER!

Jetzt kommen wir zu den häufigsten Gründen, warum wir etwas trotzdem nicht tun:

… weil es unbequem ist.

Eine Empfehlung kann goldrichtig sein, doch wenn es etwas ist, das Aufwand bedeutet, es eine Hürde gibt oder sich anfangs nicht so gut anfühlt, macht mans häufig doch nicht (oder nur halbherzig).

… weil du es nicht schaffst.

Mitunter gibt es innere Blockaden. Auch Gewohnheiten im Tagesablauf, Denken und Fühlen sind hartnäckig eingeschliffen, sodass anderes oft einfach nicht – oder nicht bleibend – geht.

Es nicht anpacken/durchziehen zu wollen oder zu können, das ist ein unglaublich ergiebiges Dauerbrennerfeld. Gerade das eigene Erleben bringt so viele Chancen für Tiefe und dafür, einen echten Draht zu den Lesern zu schaffen, und das ohne die lauernde Gefahr, zu trivialisieren.

 

Trau dich also gerade an die Themen ran, wo du merkst „Uhoh … das ist eine Wasser-und-Wein-Situation für mich!“ Schau dir an, worin genau die Kluft besteht, und dann nimm das als Aufhänger, um dein Thema von Anfang an so anzupacken, dass du ehrlich sein kannst. Natürlich immer so, dass deine Kompetenz gewahrt bleibt.

Wenn du das üben willst, komm in den neuen Workshop Die Wasser- und Wein-Situation. Der nächste Termin ist im September.