formulieren

Das Soll

Grafik mit vier Facetten des Solls

Es gibt Wörter, die nutzen wir, ohne näher über ihre Bedeutung nachzudenken. Aus Gewohnheit. Oder weil wir eine Aussage gezielt abschwächen wollen. Zum Beispiel das kleine Wörtchen leider.

Heute richte ich deine Aufmerksamkeit auf das Soll. Je nach Kontext hat das Soll eine ganz unterschiedliche Bedeutung. Es ist wichtig, spätestens im Feintuning ein Auge darauf zu haben.

Absicht/Vorhaben

Das Soll kann eine Absicht darstellen:

  • Ich kann einen Tipp geben und sagen „Das soll dir dabei helfen, …“ oder „Wenn du X beherzigst, sollte es dir leicht fallen, Y zu tun.“
  • Oft steht es im Zusammenhang mit einem Vorhaben: „Jetzt soll ich mich um das neue Ablagesystem kümmern!“ oder „Ich sollte mal wieder meinen Schrank ausmisten.“

Hier gibt’s eine dünne Linie zum nächsten Aspekt: Denn wenn der Zusammenhang mit einer konkreten Leistung oder Wirkung deines Textes zu tun hat, kann das Soll vermitteln, dass du selbst Zweifel an etwas hast.

Zweifel/Unsicherheit

Das Soll kann Unsicherheit oder Zweifel ausdrücken:

  • „Was soll ich bloß machen?“
  • „Hätte ich früher meinen Mund aufmachen sollen?“

Das macht das Soll allerdings zu einem hervorragenden Sicherheitsnetz, das vor Klartext bewahrt:

  • Das Entscheidungs-Coaching soll dir Klarheit bringen, was du willst.“
    [statt: Das Entscheidungs-Coaching bringt dir Klarheit darüber, was du willst.]
  • „Mein Online-Kurs soll dir die Akquise erleichtern.“ [statt: Mein Online-Kurs wird dir die Akquise erleichtern.]

Achte also immer auf den Kontext: Was genau willst du aussagen? Ist es eher eine Absicht oder schwächt das Soll die Wirkung ab?

Ich arbeite ja zu 80 % mit Stammkunden und darunter sind einige, die sich aus Gewohnheit nicht festlegen. Da rutschen standardmäßig die Solls rein, wenn sie über ihre eigenen Leistungen reden oder Verhaltenstipps geben. Solche Muster, die aus Unsicherheit entstehen, bitte bemerken! – Wenn du innerlich tatsächlich unsicher bist oder dich einfach ungut damit fühlst, etwas eindeutig festzustellen, dann wird sich die Soll-Gewohnheit verfestigen. Klar kannst du sowas im Feintuning bereinigen, doch viel besser ist es, an die Wurzel zu gehen und der Unsicherheit auf den Grund zu gehen.

Wie bei „Absicht“ schon beschrieben, gibt es durchaus eine Berechtigung fürs Soll. Und für manche Aussagen (oder Branchen) gilt, dass sie keine absoluten Versprechungen machen dürfen. Doch in den meisten Fällen bist du besser beraten, einen unsicher klingenden Satz umzustellen, damit nicht der Effekt entsteht:

„Sogar der Anbieter zweifelt, dass seine Leistung was bringt, warum sollte ich dann buchen?!“

Abstand/Distanzieren

Weitere Aspekte des Solls sind das Hörensagen und Spekulieren. „Man sagt“ oder „Ich habe es aus anderen Quellen erfahren, kann es aber nicht bestätigen/will mich vorsichtshalber distanzieren“:

  • Mich fragt jemand nach einer Empfehlung und ich sage: Ich kenne Person X nur über Social Media, habe aber erfahren, dass die Trainings bei ihr sehr gut sein sollen.
  • Johanniskraut soll Hitzewallungen mildern.
  • Wenn das Handy spinnt, soll es helfen, den Akku für einige Minuten komplett zu entfernen und dann wieder einzusetzen.

Das ist eine gute Sache für alle, die eine Information zwar weitergeben wollen, sich aber nicht so recht damit wohlfühlen, weil sie keine eigenen Erfahrungen haben. Anstatt die Info sicherheitshalber wegzulassen, kann das Soll den Abstand schaffen, sodass klar ist, dass ich das selbst nicht bestätigen kann [oder nicht so recht glaube, dann aber bitte mit Begründung].

Wunsch/Erwartung

Schließlich drückt das Soll eine Erwartungshaltung aus. Das kann tricky werden, denn je nach Kontext gibt es hier wieder eine Bandbreite mit ganz unterschiedlicher Wirkung:

  • Von einem Unternehmensberater sollte man erwarten können, dass …
  • Man sollte verbieten, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln laut mit Smartphones hantiert wird (Telefon, Videos, Spiele)!
  • Selbstständige, die privat im Netz kommentieren, sollten sich darüber klar sein, dass alles auf ihr Business reflektiert.

Sprichst du Leser direkt an, wird das „sollen“ und sollte“ mitunter problematisch:

  • Sie sollten xy unterlassen!
  • Da sollten Sie sich schon fragen, ob …

Keine Frage: Es gibt Aussagen, wo wir Fachleute unseren Standpunkt klipp und klar mit einem sollten untermauern. Ich kann sagen:

  • Wenn ein Kunde nie rechtzeitig die Rechnung bezahlt und Sie das ärgert, sollten Sie das nicht länger mitmachen.
  • Wer in jeder Firma Ärger mit seinen Vorgesetzten hat, sollte sich fragen: „Was ist eigentlich mein Anteil daran?“

… doch ich muss mir dessen bewusst sein, dass das Sollen, genau wie das Müssen, mitunter auf Ablehnung stößt.

Fun Fact: Ich hatte vor einigen Jahren hier im Blog drei, vier Kurztipps mit der Überschrift „Was Sie nicht tun sollten: …“ Dort hatte ich längst überholte Briefschreibregeln aufgegriffen, die sich bis heute halten, etwa, dass man „z. Hd.“ oder „Betreff“ seit vielen Jahrzehnten nicht mehr schreibt. Diese wenigen Artikel waren die einzigen, bei denen ich regelmäßig unglaubliche Pöbelkommentare bekommen habe. Manche derart persönlich beleidigend, dass ich die Artikel schließlich komplett gelöscht habe, weil ich mir das nicht länger antun wollte. Ich bin sicher, dass das kein Zufall war. Viele Menschen mögen nicht, dass ihnen was „befohlen“ wird, da geht es oft gar nicht um den eigentlichen Inhalt.

Soll – oder ist?

Gerade bei so universellen Wörtern, die sich gewohnheitsmäßig verankern, ist es gut, sich der verschiedenen Bedeutungsfacetten klar zu werden.

So kannst du im Feintuning unerwünschte Nebenwirkungen vermeiden.

Vor allem kannst du der Häufung vorbeugen:

Alles, was in einem Text gehäuft vorkommt, unbedingt im Feintuning bereinigen. Durch Weglassen, Umstellen oder Umformulieren.