Lesernutzen

Deine Leser zurückpfeifen

Meistens wollen wir die Leser zu was animieren: sie für etwas interessieren, sensibilisieren, aktivieren. Doch genauso wichtig ist es,

  • sie ein wenig zu bremsen,
  • auf Maß und Ziel zu besinnen,
  • Grenzen aufzuzeigen.

Damit meine ich nicht Texte rund um „Achtsamkeit“, „langsamer leben“, etc., denn auch das sind Texte, die den Leser dazu bringen sollen, aktiv zu werden.

Das Zurückpfeifen, das ich heute anspreche, hat diese drei Facetten:

„Das ist nicht so einfach, wies klingt!“

Autoren neigen dazu, zu vereinfachen – weil es attraktiver klingt, weil der eigene Expertenkopf im Weg steht oder weil wir uns schlichtweg nicht mehr erinnern, wie es uns am Anfang mit einer Sache ging.

Das gilt für alle Unterfangen – ob die Kommunikation verbessert werden soll, neue Gewohnheiten angepackt werden oder ob es um Fähigkeiten wie im Sport geht. Ich staune immer wieder, was einem so für „als Anfänger geeignet“ verkauft wird, was ganz eindeutig nur für Fortgeschrittene ist.

Im Grunde wissen wir Fachleute, dass die Dinge komplexer sind. Die Leser, die meist unbeschlagener auf dem Gebiet sind, können die Komplexität nicht immer erkennen. Behalten wir die Zielgruppe zudem fest im Auge, die weitere Hürden oder Vorbehalte mit sich bringt, können wir in vielen Fällen sagen: „Ja, das, was ich dir hier empfehle, ist wunderbar, weil … doch es ist nicht so einfach, denn …“

Es ist sehr wichtig und erst recht ermutigend, wenn du deinen Lesern von vornherein sagst: „Seien wir mal realistisch! Diese und jene Sache erfordert xy/wird dir nicht so leicht fallen, weil“ /… – Indem wir differenzierter hinsehen, bewirken wir, dass der Leser sich besser fühlt und eher dranbleibt.

Ein Bonus für uns Autoren: Wir schicken unser Hirn in Richtung möglicher Hindernisse – und können sie im Text direkt aufgreifen. Das gibt dem Text weitere Tiefe + damit Mehrwert.

Denn in der Tiefe steckt der Lesernutzen.

„Kümmer dich erstmal NUR um das.“

Es liegt in der Natur vieler Menschen, dass sie direkt zum Ziel springen wollen:

  • Schüchterne, zurückhaltende Leute wollen Tipps, wie sie schlagfertig kontern können, wenn der Kollege wieder einen dummen Spruch bringt.
  • Andere wollen von Null auf Handstand.
  • Wieder andere möchten mal eben ihr Zeit- und Selbstmanagement im Griff haben.

Ja! Das ist erneut etwas, das Fachleute in Ratgeber-Texten gerne tun: sie überfordern ihre Zielgruppe unnötig.

Es ist allerdings unter unseren Lesern genauso verbreitet, zu viel auf einmal zu wollen (von sich zu erwarten). Ich brauch nur schauen, was meine Hauptaufgabe bei meinen Kunden ist: Sie immer wieder zurückzuholen auf die aktuell anstehende Aufgabe. Immer wieder zu ermahnen: „Nicht vorpreschen!“, „Wenn du dies und das machst, pass auf X und Y auf, weil …“, „Bau mit dem, was du jetzt machst, auf dem auf, was du gerade gemacht hast“, „noch nix formulieren oder hübsch machen!“, …

Dieses Zu-schnell-zum-Ziel-springen ist nicht nur der Grund, warum Ergebnisse leiden (und ganze Vorhaben scheitern, bevor sie richtig begonnen haben), sondern es ist ein grundlegender Makel, Dinge aller Art anzugehen.

Wir Autoren erreichen am allermeisten, wenn wir nicht nur einen spezifischen Inhalt vermitteln, sondern unterliegende Prinzipien und Vorgehensweisen bei unseren LeserInnen etablieren. Denn dann können sie das auf jede Art von Veränderung erfolgreich übertragen.

Für Texte heißt das:

  • Einerseits drandenken, dass das „Plankton“ dein Freund ist: kleine, konkrete Themenfacetten rausbrechen anstatt deinen Text von vornherein viel zu voll zu stopfen. Dazu gibts viel im Blog, u. a. Der Plankton-Arbeitstitel – Ein Beispiel
  • Andererseits innerhalb eines Textes aufzeigen, was vor dem anderen kommen sollte. Getreu der Devise: „Sorg für gute Grundlagen, statt zu hudeln!“ Ob das nun eine neue Fertigkeit ist oder ob es darum geht, ein bestimmtes Ziel Schritt für Schritt anzugehen.

„Das geht nicht von heute auf morgen.“

Der Grund, warum so viele Leute vorab aufgeben – und gleichzeitig oft genug von sich selbst enttäuscht sind -, ist die Ungeduld. Das betrifft nicht nur die Leser, die von der schnellen Truppe sind.

Es sind die eigenen Erwartungen, die daher rühren, dass sie eine Sache mangels Erfahrungen nicht recht einschätzen können. Das gilt erneut für sämtliche Themen, die es so gibt:

  • Ich beispielsweise habe in meinem Leben hin und wieder angefangen, an meiner Flexibilität zu arbeiten, war aber nie so zufrieden mit den Ergebnissen und habs daher gelassen (zumal ich es eh nie besonders gern gemacht habe). Jetzt habe ich ein Video von jemanden gesehen, der sagt „Die meisten Leute hören nach ein paar Wochen auf und sagen, das klappt bei mir nicht. Doch beim Dehnen siehst du erst nach einigen Monaten so richtig bahnbrechende Erfolge – wenn du dranbleibst, also gib gefälligst nicht nach ein paar Wochen auf!“ Dadurch habe ich einen anderen Horizont, ab wann ich realistisch beurteilen kann, was sich getan hat.
  • Manche Selbstständige denken sich ein neues Produkt aus, etwa ein Seminar oder stellen eine neue Leistung ins Netz. Andere starten ein Blog, einen Social-Media-Kanal oder Newsletter und wenn sich im ersten Vierteljahr nicht gravierend was tut, lassen sie es bleiben. Doch neue Projekte und Leistungen brauchen Rückenwind durch gezieltes Marketing und sie brauchen vor allem mehr Ausdauer.
  • Oder nehmen wir Persönlichkeitsthemen: Wer bisherige Gewohnheiten, Denkmuster, Verhaltensweisen verändern möchte, der kann sich nicht einfach umkrempeln. Abgesehen davon, dass das sowieso nachteilig wäre. Ich kenne einige Leute, die beispielsweise lernen wollten, endlich für sich einzutreten und ins andere Extrem gependelt sind, indem sie ihrem Umfeld krass, ja fast feindlich begegnet sind. Oder die einen ersten Anfang machen, sich anders zu verhalten, doch wenns nicht gleich zu 100 % klappt oder sich super anfühlt, lassen sie es bleiben.

Es ist wahnsinnig wichtig, dass wir Autoren auch in dieser Hinsicht zurückpfeifen. Dass wir klipp und klar sagen:

  • „Am Anfang wird vermutlich dies und das sein …“
  • „Wunder dich nicht, wenn …“
  • „Wenns so einfach wäre, würds jeder machen.“