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Vorab die Substanz zusammentragen – am Beispiel: Du willst dich wieder anstellen lassen

Backgammon

Vor dem Schreiben sollte immer das Zusammentragen der Substanz stehen, ganz egal, welche Art von Projekt du anpackst. Das geht am besten, indem du dir einige relevante Fragen stellst und sie wirklich intensiv beantwortest.

Heute zeige ich dir, wie solche Substanzfragen aussehen können – am Beispiel einer Initiativbewerbung.


Wir gehen davon aus, dass jemand sich selbstständig gemacht hat, aber nun gerne wieder anstellen lassen möchte. Er hat sich bereits eine Firma ausgesucht, bei der er anklopfen will. Anstatt nun den Paradefehler zu machen, direkt den Brief zu formulieren, geht es zunächst darum, für sich selbst ganz ehrlich die Fakten zusammenzutragen.

Diese Fakten sind nur für dich selbst! Es wird nichts hübsch formuliert, es gibt kein Copy-Paste und es wird nichts zensiert. Etwaige Fragen, Vorbehalte oder Ideen, die dir beim Beantworten kommen, notierst du mit dazu. Das ist DEIN Arbeitspapier, aus dem du später schöpfst.

 

Für eine Intiativbewerbung würde ich folgende Substanzfragen stellen:

1. Warum willst du deine Selbstständigkeit ganz oder teilweise aufgeben?

Dass du aktuell eine Festanstellung suchst, hat seine Gründe. Bitte schreib mal aussagekräftig – für dich – wirklich ehrlich hin, weswegen:

1a) Schreib klar für dich hin, ob Voll- oder Teilzeit (wie viele Stunden + wann, wenn du aufgrund persönlicher Gegebenheiten nur zu bestimmten Tagen oder Zeiten arbeiten kannst). Wenn beides vorstellbar ist, schreibs hin.

1b) Begründe, warum genau du die Selbstständigkeit ganz oder teilweise aufgibst. Bitte nicht beschönigen! Wenns daran liegt, dass das Business nicht läuft, schreib nicht hin, dass du lieber in einem Team arbeitest.

Die Gründe können vielfältig sein, manchmal treffen mehrere zu, z. B.

  • Ich vereinsame, mir fehlen Kollegen und der Trubel.
  • Ich komme im Home-Office nicht klar, weil ich mich hängenlasse, Zeit vergeude.
  • Ich merke, dass ich nicht richtig produktiv bin, wenn keine Struktur von außen da ist.
  • Ich bin fachlich gut, aber habe nicht genug Unternehmersinn, mich und meine Leistungen zu verkaufen.
  • Ich bin älter und möchte rechtzeitig zurück in die Sicherheit einer Festanstellung.
  • Ich habe die Lust an meinem Business verloren.
  • Ich habe hinten und vorn zu wenig Geld.
  • Ich vermisse es, in ein größeres Ganzes eingebunden zu sein.
  • Ich will weniger arbeiten.
  • Mir ist das Ganze drumherum nicht spannend, ich möchte mich endlich mal wieder nur meinem Fach widmen und nicht dem ganzen Selbstständigendrumherum.

Sofern du nur kurzfristig überbrücken möchtest, weil das Geld nicht reicht, aber du auf jeden Fall selbstständig bleiben möchtest, sag auch das. Denk dran: Es geht hier um deine ehrliche Substanz, das ist nicht das, was später 1:1 so im Anschreiben vorkommt.

2. Warum möchtest du ausgerechnet in dieser Position und/oder in dieser Firma arbeiten?

Eine Initiativbewerbung bei einer bestimmten Firma hat immer gute Gründe bzw. sollte sie haben:

  • Vielleicht hat dieses Unternehmen etwas, das dich speziell anzieht: Ein Produkt, das dich fasziniert oder von dem du überzeugt bist; vielleicht ist es in einer bestimmten Branche der Marktführer – oder du hast eine Affinität zu genau dieser Branche. Vielleicht ist es einfach nur die Nähe der Firma zu deiner Wohnung oder du hast gehört, dass es ein guter Arbeitgeber ist (aus welchen Gründen)?
  • Eventuell geht’s dir gar nicht vorrangig um das Unternehmen oder die Branche, sondern mehr um eine bestimmte Position: Du willst vielleicht gerne in eine Position zurück, in der du früher warst oder die deiner Selbstständigkeit ähnlich ist, weil du da gut drin bist und es dir in deinem Fachgebiet gefällt, du nur eben lieber angestellt wärst. – Oder du bist in dem Bereich QuereinsteigerIn, aber wolltest das schon immer machen, weil …

Zähl ganz konkret alles auf, was zutrifft. Nicht nur Schlagwörter, sondern ganze Sätze und etwas ausführen/begründen, dann ist das für dich viel aussagekräftiger.

3. Was bringst du mit für diese Position?

Bei einer Initiativbewerbung gibt es zwar keine Stellenausschreibung mit Anforderungen + Erwartungen, aber wenn du dich für eine Position bewirbst, gibt es immer zwei Anhaltspunkte, die dir hier helfen:

  • Wie sich die Firma gibt: Die Website (oder Werbung) eines Unternehmens sagt viel darüber aus, wie sich die Firma selbst sieht. Außerdem ist auf der Firmenwebsite und teilweise auf Social Media erkennbar, wie sie über sich und ihre Mitarbeiter spricht.
  • Je nachdem, wie die Position beschaffen ist, lassen sich bestimmte Anforderungen einfach ableiten: Ich weiß bei einer Vertriebskraft, was sie ungefähr tun muss und kenne daher persönliche und fachliche Anforderungen. Gleiches bei einer Führungskraft, Ingenieur, etc.

Jetzt mal richtig Fleisch an die Knochen:

  • Was konkret bringst du persönlich mit, was für die Position relevant ist + was eventuell besondere Pluspunkte sind?
  • Was alles erfüllst du fachlich (Know-how, Ausbildung, Erfahrungen)?

Diese Frage wirklich aussagekräftig beantworten, aber bitte nicht einfach frühere berufliche Stationen oder Ausbildungen aufzählen und bloß nicht die üblichen Schlagwörter, wie „zuverlässig“.

Fass in eigenen Worten deine Kernqualifikation zusammen und was fachlich und persönlich mögliche zusätzliche Pluspunkte sind.

4. Welche Vorbehalte + Defizite befürchtest du?

Als Bewerber hat man Befürchtungen oder kennt tatsächliche Hürden. Schreib hin, welche Vorbehalte der Personalentscheider haben könnte oder was du befürchtest, was persönlich oder fachlich gegen dich spricht. Bitte nicht nur aufzählen, sondern etwas näher ausführen/begründen. Wenn du bereits eine Argumentation hast, die den Vorbehalt ausräumen könnte, schreibs mit dazu.

Also nicht nur Schlagworte wie:

  • Alter
  • war lange selbstständig
  • habe zwei kleine Kinder

sondern:

  • „Bestimmt lässt die sich nichts mehr sagen, weil sie so lange selbstständig war!“ – Stimmt, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nicht mehr gewohnt bin, jemanden „über“ mir zu haben. Da ich jemand mit starker Meinung bin, wird das schon sehr ungewohnt sein, besonders wenn ich mit meinem Chef nicht übereinstimme – aber das ist mir klar, dass ich mich da umstellen muss.“

oder

  • „Mei, fachlich ist er wohl nicht so gut, denn wenn er sich nach nur zwei Jahren Selbstständigkeit anstellen lässt, ist das wohl in die Hose gegangen.“ – Mal abgesehen davon, dass ich gemerkt habe, dass mir das Alleine-vor-mich-hinarbeiten nicht liegt, stimmt es: Ich bin fachlich zwar sehr gut, aber ich kann mich nicht gut selbst verkaufen, darum hab ich das auch nie ins Laufen bekommen.

Das sind nur Beispiele, wie die Vorbehalte und deine Erklärung aussehen können. Vielleicht sind ganz andere Aspekte dabei! – Bitte alles aufzählen, was du als Vorbehalte oder Defizite siehst. Erneut die Erinnerung: Das ist nicht die Bewerbung. Also nichts Verklausulieren oder beschönigen. Du trägst für dich selbst die echte Substanz zusammen.

5. Als Selbstständige/r warst du für dich verantwortlich und konntest über alles bestimmen – wie schätzt du deine Bereitschaft ein, dich wieder einzugliedern?

Es kann sein, dass sich in deinen Vorbehalten eben schon etwas dazu findet, aber denk mal noch weiter. Eine Anstellung bedeutet, dass du dich in verschiedener Weise wieder eingliedern musst, unter anderem:

  • feste Arbeitszeiten einhalten,
  • einen oder mehrere Führungskräfte über dir zu haben (vielleicht sogar Leute, die jünger sind als du),
  • sich in ein bestehendes Team zu integrieren,
  • nach außen nicht nur dich selbst + deine Vorstellungen zu repräsentieren, sondern das Unternehmen,
  • Verhaltensweisen und „Rituale“ mitmachen wirst, die es in Unternehmen eben einfach gibt (manchmal ewig lange, unergiebige Meetings; irgendwelche Prozesse + Berichte, die nicht unbedingt sinnvoll sind …).

Wie schätzt du deine Bereitschaft dazu ein? Zähl nur die Dinge auf, die für dich hervorhebenswert sind. Also entweder etwas, wo du sagst „das ist gerade gut für mich, weil …“ oder „ich liebe dies und jenes, weil …“ – oder: „ja, das könnte schwierig sein für mich, weil …“.

6. Wie bist du? – Eine ehrliche Selbsteinschätzung, die dich insgesamt gut beschreibt.

Mach mal eine kurze Selbstbeschreibung in wenigen Sätze, die dir gerecht wird. Erneut die Erinnerung: Keine Schlagwörter wie „pünktlich“, „zuverlässig“ und keine Statements von anderen, sondern beschreib dich in eigenen Worten. Heb die Eigenschaften/Verhaltensweisen hervor, die zentral für dich sind (auch wenn sie vielleicht nicht nur positiv klingen).

Das sieht zum Beispiel so aus:

Ich bin grundsätzlich locker und kann mich schnell auf alles Mögliche einstellen (unterschiedliche Leute, Veränderungen, plötzliche Hürden oder Störungen): Das ist dann halt so und dann geh ich damit um oder suche eine Lösung.

Allerdings bin ich total ungeduldig, was einerseits super ist, weil ich flott bin und ständig Ideen habe, wo ich ganz wild bin, sie umzusetzen. Die Kehrseite ist aber, dass es mich wahnsinnig macht, wenn Leute blockieren oder wenn ewig diskutiert wird. Ich bin eher Macher als Redner. Wenn man mir das Kraut ausschüttet (sich nicht an Termine hält, blöd daherredet, o. Ä.) ist mit mir nicht gut Kirschen essen.

7. Gibt es sonst irgendwelche Trumpfkarten, die du ausspielen kannst?

Achtung: Echte Trumpfkarten sind selten. Es geht hier um Dinge, die für die Position oder Firma ganz besonders relevant sind, vielleicht sogar etwas, das in dieser Form jemand anderer nicht mitbringt.

z. B.

Du hast aufgrund einer früheren Tätigkeit oder deiner aktuellen Selbstständigkeit super Kontakte innerhalb der Zielgruppe + bist ein wichtiger Multiplikator, und zwar … 

oder

Du hast durch deine Selbstständigkeit einschlägige Kenntnisse oder Fähigkeiten erworben, die in dieser Kombination besonders sind, und zwar … 

oder

Du bist seit Jahren in einem Verband aktiv oder einer Facebook-Gruppe, sodass man dich in einem bestimmten Umfeld, das für die Firma relevant ist, total gut kennt und schätzt, und zwar … 

Immer zuerst relevante Fragen finden

Schau mit dem Adlerblick auf dein Projekt: Worum geht es? Was willst du erreichen?

Und dann finde erst mal einfach relevante Fragen. Wenn du dir die Fragen konkret stellst (wie oben im Beispiel), dann fällt es dir im zweiten Schritt leicht, aussagekräftig darauf zu antworten.

Zum Beantworten:

Fürs Beantworten der Substanz-Fragen gebe ich meinen Kunden 1 bis 1,5 Stunden Zeit, weil es darum geht, wirklich in die Tiefe zu gehen. Wer zu schnell fertig ist, hat es zu oberflächlich gemacht – und dann ist es Essig mit der Substanz.

Außerdem ermahne ich, wie gesagt, kein Copy-Paste zu machen, also keine Sachen wo rauszukopieren, etwa aus einer alten Bewerbung oder einem fremden Muster. Und ich erinnere, hier nicht groß zu formulieren. Das sieht niemand außer dir selbst. Es ist wichtig, frisch von der Leber weg zu schreiben, aber aussagekräftig auszuführen, was Sache ist, gegebenenfalls Vorbehalte und weitere Ideen dazuzuschreiben.

Wenn du dir solche Substanzfragen richtig vorknöpfst und – für dich! – ehrlich hinschreibst, was Sache ist, es näher hinterfragst und ergänzt, dann hast du alle Fakten vor dir. Du kannst anschließend für das Anschreiben richtig gut daraus schöpfen und so manches Mal werden einem zentrale Aspekte klar, die man bei der Auswahl der Position oder Firma berücksichtigen bzw. später im Bewerbungsgespräch abklären will.