Selbstvertrauen/Sabotage

Das Aufschieben, dein Muster und die Selbstsabotage

Start - Schrift auf Gehweg

Um den Jahreswechsel zieht man gerne Bilanz und setzt sich neue Ziele. Dabei kommt unter anderem Aufgeschobenes auf den Tisch.

Klar gibt es gravierende Nachteile, auf die ich gleich noch zu sprechen komme, doch das Aufschieben hat durchaus seinen Sinn:

  • Manches ist noch nicht reif oder wir selbst sind es noch nicht.
  • Das eine oder andere erledigt sich von selbst.
  • Etwas ist einfach gerade nicht dran

Es mag Ausnahme-Menschen geben, die konsequent auf wichtig-dringend-etc. checken, doch ich habe so ein striktes Vorgehen noch nie für zielführend gehalten.

Es ist unmöglich, immer alles sofort oder gleichzeitig zu machen. Aufschieben ist Teil des Priorisierens, sogar wenn es nicht bewusst oder nicht immer klug geschieht.

Sinnvoll: auf Muster achten

Anstatt immer nur den Einzelfall zu betrachten, lohnt es sich allerdings, näher hinzusehen:

Welche Tendenzen zeige ich immer wieder bei dem, was ich gerne aufschiebe?

Dann verliert man sich nicht im Kleinklein à la „Steuererklärung“, „Keller aufräumen“, sondern kann differenzieren:

Bin ich jemand, der eher das Unangenehme schiebt?

Wenn es um Dinge geht, die verunsichern oder nerven, gibt es meistens zwei Tendenzen: Die Augen-zu-und-durch-Leute. Wir finden Unangenehmes genauso schlimm, würden uns vielleicht lieber drücken, aber bringen es schnell hinter uns. Denn erstens hilft es nichts und zweitens wirkt sich das Aufschieben meist nur weiter negativ aus. Dann gibt es die gegenteilige Tendenz: Schieben, was geht. Ja, ich muss mich drumkümmern, aber wenigstens nicht jetzt. Lieber morgen. Oder übermorgen. Oder nächste Woche …

Traue ich mich nicht an Dinge heran, die mir fremd sind?

Für manche EinzelunternehmerInnen ist es beispielsweise die Zielgruppe: Sie möchten sich an finanziell lukrativere Kunden wenden, aber haben auf dieser Ebene oder in der betreffenden Branche noch nicht genug Erfahrungen. Für andere geht es um Tätigkeiten, bei denen sie Frischlinge sind. Oder du hast bisher fast nur mit Stammkunden gearbeitet und musstest noch nie akquirieren. Es ist völlig normal, dass das Herz stärker klopft, wenn etwas für uns fremd ist. Doch wenn es auf eine Vermeidungsstrategie hinausläuft, hält man sich buchstäblich klein. Denn abgesehen von der aktuellen Sache, um die es geht, blockiert das Vermeiden das Entdecken + Erweitern vorhandener Fähigkeiten.

Bin ich ein Hürden- oder gar Katastrophendenker, wenn es um Neues geht?

„Was ist, wenn …“ – Unser Tun hängt immer von einer Entscheidung ab. Jede Entscheidung ist gekoppelt an Annahmen. Welche Entscheidungen wir treffen und wie weit wir dabei gehen, hängt von den Aussichten ab. Ein Klassiker ist bei Einzelunternehmern die Preiserhöhung. Da wird mitunter jahrelang geschoben und dann fällt die Erhöhung viel zu klein aus. Alles aus vermeintlichem Wissen, dass „die Kunden das nicht akzeptieren“, dass es zu unguten Diskussionen kommt oder sie abwandern.

Das gilt natürlich für andere Vorhaben genauso: Ich will einem Kunden, einem Verlag oder einem Veranstalter was vorstellen, aber bestimmt sagt der Nein, weil … Wenn sowas im Hinterkopf spukt, ist es kein Wunder, dass wir nicht in die Pötte kommen.

Habe ich keine Lust auf Routine?

Das ist ein interessanter Punkt, denn wenn wir über Routine sprechen, dann habe ich in meinem Berufsleben drei ausgewogene Lager festgestellt: Die einen, die die Routine lieben. Die etwas bis in alle Ewigkeiten wiederholen, durchziehen und dabei besser werden wollen. Die Mitte, die ganz selbststverständlich die Routine-Arbeiten mitmacht, entweder ohne darüber nachzudenken, weils halt einfach dazugehört oder weil es eine willkommene Abwechslung bietet.

Aber dann gibt es noch diejenigen, die Routine scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Das sind häufig die, die eine Idee nach der anderen produzieren, sich jedoch nicht mit den schnöden Tatsachen und nächsten Schritten befassen wollen. Oder diejenigen, die bei bestimmten Aufgaben durchhängen, die beispielsweise ein Buch schreiben, aber auf die Überarbeitungsphase keine Lust mehr haben.

Scheue ich ein Commitment?

Sich festlegen zu müssen, ist ein weiterer Grund, der zum Aufschieben führt. Das kann sich auf kleine Commitments auswirken: Ein Seminar zu buchen. Was ist, wenn ich genau zu dem Zeitpunkt einen Auftrag reinkriege, oder oder oder. Mir hat mal eine Schauspielerin erzählt, dass sie zu Beginn ihrer Karriere eine wichtige Rolle abgelehnt hat, aus Angst, dass sie dann nur noch solche Angebote bekommen könnte. Oder Einzelunternehmen, die lieber mit einem Bauchladen rumlaufen, weil sie denken, je attraktiver sie für alle Seiten sind, desto größer die Chancen – und damit dann leider profillos bleiben oder, noch schlimmer, bei der Zielgruppe wenig vertrauenswürdig erscheinen.

Manchmal ist das Commitment zeitlicher Natur: Dann werden größere Aufträge oder längerfristige Kooperationen geschoben, gemieden oder Entscheidungs-Deadlines laufen ab (= eine Form des Sich-Erledigens). Es ist übrigens alles durchaus legitim. Als EinzelunternehmerInnen können wir tun und lassen, was wir wollen – und haben eben auch die Freiheit, uns nicht auf etwas festzulegen. Doch wenn das ein unterliegendes Muster ist, das sich immer nur als Symptom zeigt, dann bin ich mir dessen eventuell gar nicht bewusst, und das wiederum ist ein Problem.

Gestehe ich mir nicht zu, etwas bleibenzulassen?

Das Gegenteil der Commitment-Scheuen sind diejenigen, die nach der Devise „Gesagt-getan“ handeln, komme was wolle. Das Aufschieben bietet hier hervorragende Möglichkeiten, etwas doch nicht wirklich zu tun:

  • Ich habe zwar gesagt, dass ich xy tue, aber [ich komme nicht dazu/kann grad nicht/hab nicht gesagt, wann genau …].
  • Irgendwann [… mache ich mich zu 100 % selbstständig/nehme ich ein Projekt im Ausland an/schreibe ich ein Buch …]
  • Ich würde gerne xy abschließen, aber …

Einige Projekte, gerade diejenigen, die uns längerfristig im Genick sitzen, fallen tatsächlich unter ICH WILL DAS GAR NICHT (MEHR) oder MIR IST WAS ANDERES WICHTIGER. Doch wer sich nicht zugesteht, einen Schlussstrich zu ziehen – gerade, wenn etwas schon Einiges an Zeit und Energie gekostet hat, der schiebt und schiebt.

Schiebe ich das Fertigmachen?

Schließlich gibt’s die, die die letzten Meter nicht gehen, weil es danach ernst würde. Ich habe es schon öfter erlebt, dass Kunden mit mir etwas fertigmachen, es dann aber in der Schublade lassen (ein Buchkonzept, das neue Firmendach, die fertigen Webtexte) … Nicht, weil sie nicht dazu kommen, sondern weil es nun „ernst“ würde, wenn es daran geht, nach außen Flagge zu zeigen oder mit einer Idee öffentlich zu werden.

Mitunter haperts am Abschließen, weil danach das Rausgehen kommt. Oder etwas ist fix und fertig, aber das, was nötig ist, damit das neue Vorhaben eine reelle Chance hat, versackt.

Was steckt dahinter?

Fast alle von uns haben Erfahrung mit jedem dieser Aufschiebe-Gründe.

Das ist völlig normal. Wirklich interessant wird es, wenn du einen oder mehrere als wiederkehrendes Muster entdeckst, denn da kommst du an die berühmte Wurzel. Ans Erkennen eines Musters schließt sich automatisch die Frage nach dem „Was steckt dahinter?“ an. Das wiederum hat immer mit uns selbst zu tun.

Ich bin ein großer Fan davon, die Dinge spontan aus sich rauszulassen. Also an das Warum nicht zu verkopft ranzugehen. Da kommt meistens nichts Gescheites bei raus, zumal wir den Kopf einladen, zu rechtfertigen, zu relativieren oder Gründe zu suchen.

Viel mehr bringt es meiner Erfahrung nach, sich für zehn Minuten hinzusetzen und zu einem konkreten „Ding“, das du derzeit schiebst, deine Gedanken aus dem Kopf zu schütten. Mit Schreiben geht das exzellent! Also Eieruhr stellen und dann mal ganz flott von der Leber weg so viel wie möglich rauslassen. Am besten geht das mit einem Statement, mit dem du erstmal die Qualität des Schiebens auf den Punkt bringst, z. B.:

Qualität des Aufschiebens

Das sieht dann beispielsweise so aus:

Ich traue mich nicht, meine Preise zu überarbeiten. Ja, ich bin jetzt seit fünf Jahren selbstständig und komme irgendwie finanziell nie auf einen grünen Zweig. Es macht mir ein gutes Gefühl, dass ich viele Kunden habe, aber insgeheim weiß ich, dass das mit daran liegt, dass ich viel zu billig bin. Das merke ich nicht nur, weil sich das oft für mich echt nicht lohnt, mir aber die Zunge raushängt. Andererseits habe ich Angst davor, teurer zu werden. Irgendwie komme ich mir vor wie ein Hochstapler, auch wenn ich logisch betrachtet weiß, dass das ein Schmarrn ist. Und was ist, wenn mir dann die Kunden abspringen und mich keiner mehr bucht, wenn ich die Preise erhöhe? …

Das ist jetzt nur angerissen, wenn ich wirklich zehn Minuten dabeibleibe und schreibe, ohne groß zu überlegen, dann kommen viel mehr Details zum Vorschein, wo der Hund überall begraben liegt. Darum die erste Gedankenwelle mitnehmen und wenn es stockt, erst mal sitzenbleiben und dann weiter schreiben oder bei einem der aufgeschriebenen Aspekte einhaken und tiefer reingehen.

Noch ein Beispiel.

Ich will mein Buchkonzept nicht losschicken. Es ist mein großer Traum, mal ein eigenes „richtiges“ Buch mit meinem Namen im Laden stehen zu sehen und ich habe jetzt schon Zeit und Geld investiert für ein richtig gutes Konzept. Ich habe Verlage recherchiert und stehe in den Startlöchern. Doch: Zuversichtlich bin ich schon, dass ich das Buch schreiben kann und dass es gut wird. Aber andererseits hab ich sowas noch nie gemacht. Was ist, wenn ich jetzt einen Vertrag unterschreibe und dann krieg ich es doch nicht hin. Manche Leute schreiben jahrelang an einem Buch rum. Vielleicht wäre es doch besser, wenn ich es im Eigenverlag rausgebe, dann könnte ich mir die Zeit so einteilen, wie es mir damit gut geht und …

Das ist für einzelne Aufschiebereien sehr augenöffnend, zeigt einem gleichzeitig flott, welche Muster man so fährt – und warum.

Dadurch erfahre ich mehr über mich und kann mich, wenns gut für mich ist, besser managen. Gerade, wenn wir was aufschieben, geht das meistens nicht ohne Belastung ab: Ein ewiges „Ich sollte/wollte/könnte doch längst“ kann ganz schön nerven oder dazu führen, dass wir mit uns schimpfen. Wenn ich aber ein Muster erkenne, verstehe ich in erster Linie, wie ich ticke. Nicht jedes Muster ist nachteilig!

Nie gut: Selbstsabotage

Manches, das wir aufschieben, tut uns durchaus weh. Besonders wenn wir negative Gefühle damit verbinden, uns etwas nicht zutrauen oder einfach nicht machen wollen.

Im Business gibt es die größeren Kaliber, mit denen wir uns total ausbremsen oder sogar den Erfolg verbauen. Nicht, weil wir der Sache nicht gewachsen wären, sondern weil wir etwas nicht tun, das uns auf eine nächste Stufe bringen würde.

Darum ist es so wichtig, das, was wir aufschieben, auf seine Bedeutung zu bewerten – und ein wiederkehrendes Muster endlich zu enttarnen. Denn der Einzelunternehmer ist mitunter selbst sein größter Bremsklotz.