Stil + Stilmittel

Stilmittel: Die eingestreute Frage

Ein äußerst lebendiges Stilmittel, das dich gleich viel näher an die Leser bringt, ist die eingestreute Frage. Du bringst damit praktisch ein Dialog-Element mit rein.

Beim persönlichen Erzählen machen wir das ganz automatisch. Je mehr du im Entwurf beim Quick & Dirty bleibst, desto mehr bewahrst du dir solche Redegewohnheiten. Da viele beim Schreiben aber zu viel nachdenken und „künstlich“ Sätze konstruieren, werden Texte gern zu neutral. Darum ist es gut, bestimmte Stilmittel schriftlich bewusst einzusetzen.

Je nach Kontext bringt das – neben einem lebendigeren Schreibstil – weitere Vorteile:

  • Das Lesen wird flüssiger, weil die Frage die Inhalte natürlicher miteinander verbindet.
  • Die Frage setzt eine Pause im Text. Das lässt deinen Inhalten ihren Raum, verändert den Leserhythmus und richtet ein Spotlight auf das, was kommt.
  • Wiederholst du in der Frage ein Statement von zuvor, wird das zu einem Verstärker

Hier sechs Varianten, bei denen ich die eingestreute Frage unterschiedlich einsetze.

Variante 1: Die Frage als Überleitung

Bewerbern wird immer wieder geraten, im Job-Interview authentisch zu sein.

Doch was heißt das genau?

Tatsächlich ist Authentizität eine komplexe Angelegenheit: Es geht einerseits darum, echt zu sein, also so zu reden und dich so zu verhalten, wie du bist. […]

*

Führungskräfte verlangen so oft von sich, dass sie alles wissen, können und meistern müssen.

Warum eigentlich?

Wir sind doch alle nur Menschen! Gerade unsere Schwächen, Ängste, Fehler können unsere stärkste Führungsqualität sein. […]

Variante 2: Frage, Vorbehalte oder Kritik vorwegnehmen

Fun-Fact: Cholerikern lässt man ganz schnell die Luft raus, indem man gelassen bleibt.

Hä? Wie soll das gehen, ruhig zu bleiben, wenn der andere sich aufführt wie eine Wildsau?

Dazu ist erstmal wichtig, sich daran zu erinnern, dass der Choleriker gerade aus der Fassung geraten ist. Selbst wenn er noch so selbstbewusst zu poltern scheint: Er hat gerade die Kontrolle verloren. […]

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Darum empfehle ich Selbstständigen, dass sie Aufträge keinesfalls annehmen, wenn sie ein ungutes Gefühl dabei haben.

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Die redet sich leicht! Wie soll ich Aufträge ablehnen, wenn ich das Geld brauche?“

Yep. Auf den ersten Blick hat man manchmal keine Wahl und […]

Variante 3: Frage für Begründung

Wenn über andere hergezogen wird und wir den Mund halten, obwohl wir anderer Meinung sind, machen wir es nicht besser. Denn Schweigen wird in diesem Zusammenhang als Zustimmung gewertet.

Warum ist es so wichtig, nicht zu schweigen, wenn Freunde, Familie oder Kollegen schlecht über Dritte reden? […]

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Lange Zeit habe ich selbst gedacht, die Ehe ist unnötig. Zumindest wenn man keine Kinder hat.

Welche guten Gründen fürs Heiraten gibt es heutzutage, auch wenn es nicht „sein muss“? […]

Variante 4: Ich frage mich selbst

Als ich noch angestellt war, habe ich immer gewartet, bis mir mein Chef eine Gehaltserhöhung angeboten hat. Obwohl ich wusste, dass ich bessere Arbeit leiste als Kollegen.

Rückblickend frage ich mich: Warum war ich damals so passiv und habe nicht einfach mehr gefordert?

In erster Linie war mir wichtig, dass mein Chef von selbst anerkennt, wie wertvoll ich für das Unternehmen bin. Doch das … […]

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Einmal habe ich auf den Aufzug gewartet und ein Mann mit einem großen Messer gesellte sich dazu. – Ja! Ein richtig großes Messer, das er einfach so in der Hand hielt. Anstatt die Treppe zu nehmen, habe ich höflich mit dem Messermann gewartet und bin mit ihm in die kleine Kabine gestiegen. Alleine.

Was hat mich damals bloß geritten?

Ich wollte nicht unhöflich sein! […]

Variante 5: Frage an etwas/jemanden

Meine Adoptiv-Oma, die ich nicht mehr kennengelernt habe, war eine furchtbare Frau, die sehr schlecht zu Kindern war.

Ich würde sie gerne fragen: Wieso hast du überhaupt ein Kind zu dir genommen?

Wolltest du … […]

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Als Gott die Gelassenheit verteilt hat, war ich offenbar gerade am Klo. – Ich kann nicht gut warten: Nicht auf Leute, nicht auf Entscheidungen, nicht auf … ach: auf nichts. Ich mag am liebsten alles gleich.

Liebe Geduld, wieso hast du so eine kurze Lunte?

Liegt es vielleicht daran, dass … […]

Variante 6: Was dann geschah mit Multiple Choice

Frühmorgens in der U-Bahn. Das etwa sechsjährige Mädchen fasst sich an die Fingerspitzen und skandiert: „Affe, Affe, Affe – E-le-fant – Affe, Affe, Affe.“ Wieder und wieder und wieder. In ohrenbetäubender Lautstärke.

Wir sind alle genervt.

Bis auf die Mutter. Sie sitzt daneben und schaut vor sich hin.

Schließlich beugt sich eine Frau freundlich zu dem Kind und bittet es, etwas leiser zu sein. Wie reagiert die Mutter?

  • Sie schaut dankbar und verfolgt den Dialog der Tochter mit der fremden Frau.
  • Sie faucht die Frau zornig an: „Das geht Sie gar nichts an!“
  • Ein anderer Passagier ruft in den Raum: „Typisch Deutschland. Nirgends dürfen Kinder mehr Kinder sein!“
[…]

*

Mein schreckliches Blind Date, bei dem ich schon die ganze Zeit ein ungutes Gefühl habe, sagt im Befehlston: „Ich fahre dich heim!“

Was mache ich?

(A) Ich sage „Nein danke“ und nehme die U-Bahn.
(B) Ich steige wieder zu dem fremden Mann ins Auto.

[…]

*

Sämtliche Inhalte könnte ich einfach im Fließtext als Info hintereinander bringen. Doch in dieser Form kommt gleich viel mehr Leben rein – und die eingestreute Frage bringt dich automatisch in den Plauderton. Zumindest, wenn du dich auf die Frage einlässt.

Wie bei allen Stilmitteln: Bitte dosiert anwenden.

Probiers!