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gut für Quickies: „Das ist ein schlechter Tipp!“

Mülleimer

Meistens sind wir darauf gepolt, was Leute tun können, um etwas besser zu machen oder zu erreichen. Doch einen Text von der negativen Warte aufzuziehen, bringt eine ganz andere Qualität hinein. Damit meine ich nicht den So-nicht-Blickwinkel, sondern es geht um das differenzierte Begründen.

Das ist nicht nur eine sehr gute Themen-Inspiration, sondern außerdem ein exzellentes Quickie-Format für kurze Texte.

Was ist deiner Ansicht nach ein wirklich schlechter Rat?

Schritt 1: Den deiner Meinung nach schlechten Tipp finden und dir klar werden, welche Intensität er für dich hat. Ist er zu platt, lächerlich oder hirnrissig? Macht er erst recht Schwierigkeiten oder geht am eigentlichen Problem vorbei? Bringt er Fallstricke mit oder ist er richtiggehend gefährlich?

In jedem Fachgebiet gibt es Tipps, die man für ungut hält – und zwar in verschiedener Intensität. Es gibt Tipps, die man idiotisch findet, andere haarsträubend und wieder andere gefährlich.

Ich geb euch mal ein Beispiel:

Es gibt beim Schlagfertigwerden öfter mal den Tipp, mit Unsinn zu kontern. Wenn also ein Kollege vor allen anderen einen Witz auf Kosten meines Gewichts macht, soll ich schlagfertig reagieren, indem ich beispielsweise zwei Sprichwörter, die nicht zusammenpassen, kombiniere.

Der Kollege pinkelt mir im Meeting ans Bein und ich sage dann „Auch ein blindes Huhn geht solange zum Brunnen, bis es bricht.“

Jemand, der so einen Rat gibt, hat seine Gründe. Die erschließen sich ebenfalls, wenn differenziert aufgedröselt wird, was diese Taktik bezweckt und inwiefern sie für einen selbst in so einer akuten Situation hilfreich ist. Erst dann wird ein Tipp nachvollziehbar.

Wir selbst haben aber immer unseren eigenen Standpunkt. Daher ist es völlig legitim, zu sagen „Boah, aus meiner Sicht ist das ein übler Rat, weil …“ oder „Das erreicht zwar, dass … jedoch finde ich das eine sehr kurzsichtige Taktik, die ungute Nebenwirkungen mit sich bringt, und zwar …“ – solange wir uns nicht über einen anderen Tipp einfach lustig machen oder über den anderen Autoren herziehen, sondern unsere Meinung ebenso konkret begründen.

So entsteht Tiefe. Und in der Tiefe steckt bekanntlich der Lesernutzen.

Warum finde ich das [soundso]?

Schritt 2: Aufdröseln + genau begründen, warum ich das gefährlich finde.

Wer nicht gewöhnt ist, differenziert zu begründen, der bleibt hier vorschnell stecken. Das sehe ich in Workshops immer wieder, wenn ein Grund gegeben wird und dann kommt ein „jetzt fällt mir nichts mehr ein“!

Jede Sache ist komplexer, wenn man näher reinzoomt. Erst recht, wenn die eigene Meinung eine Rolle spielt. Darum kann ich nur allen ans Herz legen, im Alltag – fern des Schreibens – nonstop das Aufdröseln zu trainieren:

Wer fleißig bei mir mitliest, der weiß: Es geht nie sofort ans Formulieren, sondern wir tragen immer erst die Substanz zusammen.

Ich bin also der Meinung, dass der Rat mit den kombinierten Sprichwörtern gefährlich ist für jemanden, der sich mehr Schlagfertigkeit wünscht, weil er sich bisher solchen Situationen ganz offensichtlich nicht gewachsen fühlt. Doch warum schätze ich das so ein?

  • Bei jeder Art von „Intervention“ muss die Person auch in der Lage sein, nachdem sie das Werkzeug angewendet hat, weiter mit der Situation – und dem Gegenüber – umzugehen. Je heftiger oder abstruser das Werkzeug ist, desto mehr gehört es in die Hände von eh schon schlagfertigen Leuten.
  • Meiner Erfahrung nach nutzen unsichere Menschen leider oft Tipps, hinter denen sie innerlich gar nicht stehen (was erst recht verunsichert oder dazu führt, dass sie sich blöd vorkommen, was die Wirkung schmälert oder sogar von Anfang an gegen die unsichere Person arbeitet).
  • Alle Anwesenden sind irritiert und verstehen den Sinn dahinter nicht, was unsichere Leute erst recht verunsichert. Es kommt das Gefühl hinzu, sich öffentlich blamiert zu haben. Die Meeting-Anekdote kann außerdem zu einem firmenweiten Hast-du-schon-gehört-Lauffeuer werden.
  • Bei in Büchern, Artikeln oder per Video/TV konstruierten Beispielen läuft die Situation immer perfekt weiter: die Taktik wird angewendet, der Verunsicherte geht als Sieger draus hervor. Doch in der Realität sieht es meistens anders aus. Ist die andere Person eh schlagfertiger, wird sie die Taktik des „Schmarrnredens“ sofort aushebeln, indem sie einen – vor anderen! – entweder darauf anredet, wie unsinnig das ist oder absichtlich den Finger in die Wunde legen (immerhin betone ich meine Unsicherheit damit erst recht).

Mein Fokus liegt darauf, mir selbst klarzumachen, warum ich diesen Tipp als so schlecht empfinde. Das Aufdröseln der Gründe ist darum weder hübsch formuliert, noch schon verständlich näher ausgeführt, sondern ich schreibe sie FÜR MICH SELBST aussagekräftig hin, damit ich meine Substanz vor Augen habe, bevor es ans Schreiben geht.

Wer seine Texte nach den von mir empfohlenen Schreib-Etappen produziert, weiß, dass diese Überlegungen im Konzipieren vorkommen (allerdings erst nach den weichenstellenden Fragen).

Natürlich könnte man den Text jetzt ausweiten und eine eigene, bessere Lösung bringen. Doch ich will euch mal noch mal darauf sensibilisieren, dass das differenzierte Begründen, WARUM etwas so ist, bereits einen vollwertigen Text darstellt:

 

Es ist wichtig, das zu üben, denn das Antackern „perfekter Lösungen“ führt entweder zu sehr langen Artikeln oder dazu, dass komplexe Vorgehensweisen viel zu schnell abgefrühstückt werden und der Leser enttäuscht im Regen stehen bleibt.