Stil + Stilmittel

lebendiger schreiben: Zeitwechsel

Fast nichts macht Texte dynamischer, als das Spielen mit der Zeit!

Vor einigen Jahren hatte ich einen Basic-Schreibworkshop, der eine Woche lang dauerte. Zum Auftakt habe ich die Leute aus ihrem Expertenkopf geholt: Anstatt über ihr Fachgebiet zu schreiben, war die Aufgabe, eine Banalität von heute morgen zu schildern.

Ich kann mich noch an einen sehr kraftvollen Artikel erinnern, bei dem eine Teilnehmerin darüber schrieb, wie sie einen Apfel geschält hat. Eine andere hat sich ein Brot gemacht und dabei besonderen Fokus auf ihr Wellenschliffmesser gelegt. Und viele andere haben beim Kaffeemachen über die Schulter schauen lassen.

Der Inhalt selbst sollte keinesfalls interessant sein! Es ging darum, die Leser praktisch mitzunehmen, sie mit kraftvollen Wörtern teilhaben zu lassen, „während“ die Sache geschieht. Das funktioniert besonders gut durch die Gegenwartsform: Dadurch ist der Leser mitten in der Situation, steht praktisch neben uns.

Die Leser zu einer Erinnerung mitnehmen

Schaut man zurück auf eine bestimmte Situation oder Lebensphase, schreibt man in der Regel in der Vergangenheitsform.

Der Führerschein war die schlimmste und schwierigste Prüfung für mich! Ich erinnere mich noch gut, was für ein stressiger Vormittag das war. Zunächst stand die theoretische Prüfung an. Anschließend trafen wir uns alle an der Fahrschule. Während jeweils zwei Prüflinge losfuhren, mussten wir anderen warten …

Dagegen ist nichts zu sagen. Es ist allerdings meistens ein wenig trocken, weil sich gerade bei persönlichen Erinnerungen gerne ein Dokumentationsstil einschleicht. Wir versuchen, rückblickend alles korrekt wiederzugeben.

Dynamischer wird der Text, wenn du für deine Erinnerung in die Gegenwart wechselst. Das nimmt den Leser so richtig mit in die Situation. Es hat aber noch einen weiteren Effekt: Die Situation wird für einen selbst präsenter. Und der Grund, warum du die Anekdote erzählst, wird viel deutlicher, weil du stärker herausarbeitest, was du betonen willst – auf eine unmittelbarere Art.

Der Führerschein war die schlimmste und schwierigste Prüfung für mich! Die theoretische bringe ich noch gut gelaunt hinter mich. Zurück in der Fahrschule steigen immer zwei von uns ins Auto. Wir anderen warten. Und waaarten …

Wenn du in einem Text zurückschaust, dann probier ruhig mal aus, die Erinnerung in die Gegenwart zu versetzen.

Sogar als Artikel geeignet: Rückblick mit Fazit

Der Zeitwechsel eignet sich übrigens nicht nur als Stilmittel, um eine Situation präsenter zu machen. Sie ist auch ein wunderbares Prinzip für einen Kurzartikel.

Variante 1: Rückblick eines bedeutenden Moments

Im Mittelpunkt des Artikels steht ein für dich wichtiger Moment von früher, an den du oft denkst, weil sich daraus für dich etwas Wichtiges ergeben hat.

Du hast eine Lektion fürs Leben gelernt: z. B. etwas über dich erfahren; ein Referenz-Moment, durch den du andere schwierige Situationen meisterst; dich blamiert; über dich hinausgewachsen …

Der Moment war eine zentrale Weiche, durch die sich etwas verändert hat: z. B.  eine Leidenschaft für etwas entdeckt, einen Orts- oder Berufswechsel, einen Menschen (oder Tier) kennengelernt, was das ganze Leben oder dich verändert hat, …

Du startest den Text damit, was sich daraus ergeben hat und leitest dann einen Rückblick ein: Den Rückblick schreibst du in der Gegenwart, z. B. „Ich bin 8 Jahre“ oder „Ich sitze im Büro meines Chefs …“ – Am Ende der Geschichte beziehst du dich wieder auf den Beginn (was es dir gebracht hat).

Variante 2: Eine frühere Verhaltensweise

Denk an eine konkrete Situation zurück, wo du dich auf eine bestimmte Weise verhalten hast:

Du bist auf die Situation + dein Verhalten heute noch stolz: weil du so schlagfertig warst, dich behauptet hast, über deinen Schatten gesprungen bist, jemanden verteidigt hast, …

Du würdest das Verhalten gerne ungeschehen machen: weil es ungut, unfair, peinlich war – du hast dich zu was hinreißen lassen oder die Emotionen sind hochgeschlagen, vielleicht warst du auch stumm wie ein Fisch oder hast wo mitgelacht, obwohl dir zum Heulen war.

Du startest in der Vergangenheitsform mit „Ich war …“ (immer schon schüchtern, nie besonders schlagfertig, o. Ä.) oder „Ich habe …“ (mir nie die Butter vom Brot nehmen lassen, es noch nie so mit Gelassenheit gehabt, immer schon Probleme mit xy gehabt) + kannst das näher ausführen.

Dann leitest du zu dem bedeutenden Moment über, den du in der Gegenwartsform schilderst. Abschließen kannst du mit „Rückblickend …“ ein konkretes Fazit ziehen, wie du heute darüber denkst.

PS: Wie immer …

Stilmittel bitte nie als ständig wiederkehrendes Gimmick verwenden, sondern gezielt einsetzen.