Schreibfluss

Behauptung vs. Begründung

Fehlt einem Text der überzeugende Unterbau, liegt das fast immer daran, dass er in Behauptungen steckenbleibt:

Der Selbstständige behauptet oder verspricht etwas, geht aber nicht oder nicht konkret genug in die Tiefe.

Es fehlt die Begründung.

Jetzt ist es oft so, dass einem das beim Schreiben gar nicht auffällt. Besonders, wenn du drauflos schreibst sieht es oft nach „ordentlich Text“ aus und klingt gut. Da merkt man gar nicht, dass es an Substanz fehlt. Zumal in unserem Expertenkopf ja alles klar ist. Wir wissen, was wir meinen und warum etwas soundso ist. Der Leser aber kann sich immer nur an das halten, was wirklich dasteht.

Lass deine Leser nicht im Regen stehen!

Wer es nur bei Behauptungen lässt, produziert in erster Linie mal einen Text, der nicht viel bringt. Schauen wir uns ein paar Beispiele an und wie es dem Leser damit geht.

Kategorie: „Das weiß ich schon, aber ich weiß nicht wie!“

Behauptungen, dass was wichtig ist oder dass der Leser was Bestimmtes tun soll à la

  • Bei Konflikten ist es immer wichtig, direkt das offene Gepräch zu suchen, bevor es eskaliert.
  • Selbstmarketing ist besonders als Führungskraft essenziell.
  • Warte nicht auf eine Gehaltserhöhung, sondern fordere sie ein!

Immer wenn du einfach was in den Raum stellst, aber sonst aus dem Text nicht hervorgeht, warum das denn so ist, fehlt die Substanz. Dann ist es in den Augen der Leser ein 08/15-Text. Oder er hat große Fragezeichen überm Kopf und wollte gerne jetzt mehr wissen, wird aber enttäuscht.

Kategorie: „Das unterschätze ich.“

Kurioserweise wird diese Kategorie von Selbstständigen total unterschätzt! – Damit meine ich, dass uns Fachleuten oft nicht klar genug ist, dass wir einen Know-how- und Erfahrungsvorsprung haben.

Es geht um Behauptungen oder Versprechungen dieser Art:

  • Am Abend den Schreibtisch aufzuräumen, macht einen großen Unterschied in Ihrer Produktivität!
  • Schon 5 Minuten Meditation am Tag steigert, wissenschaftlich erwiesen, deine Resilienz.
  • Schüchtern beim Reden vor anderen? Stell in Meetings mit Kollegen, die du magst, immer mal eine Frage.

Hinter solchen Statements steckt für uns Fachleute eine Fülle an Gründen. Wir wissen, was genau die Vorteile, vor allem aber, wie vielseitig die Auswirkungen sind.

Der Leser weiß es aber nicht oder nur rudimentär. Mal abgesehen davon, dass Leser gerne Neues erfahren, ist es ein wahnsinniger Motor fürs Tun, wenn man sagt „Aaaaah, das wusste ich gar nicht, dass sich das soundso auf dasunddas auswirkt“ oder „jetzt kann ich zum ersten Mal nachvollziehen, dass so ein banal wirkender Schritt mir dauerhaft dies und das bringen kann“.

Kategorie: „Warum sollte ich (nicht)?“

Schließlich gibt’s die Tu-dies-lass-das-Behauptungen à la:

  • Es ist für Paare schon ein wichtiger Grundsatz, nie im Streit schlafen zu gehen.
  • E-Mail-Bewerbungen nie an allgemeine info@-Adressen schicken!
  • Es ist ein Fehler, bei Anfragen abzuwarten, ob sich der Interessent noch mal meldet.

In diesen Fällen bleibt ein Text derart an der Oberfläche, dass der Leser nirgends einhaken wird: Dann wird drübergelesen, aber der Leser hat nichts davon. Keinen Impuls, der hängenbleibt. Wenn du im Text anregst, dass er etwas tut, ist es sehr unwahrscheinlich, dass das passiert

Nichts ist schwerer, als Leser tatsächlich ins Tun zu bringen!

Das ist ganz besonders schade, weil hinter vielen dieser Behauptungen ein konkreter Blick auf die Selbstwirksamkeit steckt: Dem Leser würde klar, dass er sehr viel mehr Handlungs- und Gestaltungsmacht hätte, als er bisher annimmt. Nicht nur bei passiveren Menschen, sondern bei allen.

Wenn du selbstständig bist, nimm den letzten Punkt: Wie oft hakst du von dir aus nach, wenn du eine Anfrage bekommst? Ich als Kunde erlebe das bei Einzelunternehmern nie!

Sie haben keine Lust, haben Angst vor einem Korb, wollen nicht nerven – gehen sicher oft davon aus, dass ich kein Interesse habe. Doch tatsächlich würde ich ein persönliches Nachfragen (kein aufdringliches Akquirieren) als positiv werten. Manchmal vergess ich etwas oder es rutscht mir in der Priorität runter, obwohl ich etwas eigentlich gern angehen würde. Und und und … [Da das kein Text speziell darüber ist, vertiefe ich das hier nicht weiter.]

Alleine durch das Aufdröseln, warum man unbedingt nachhaken soll – was das, auch für den anderen, bringt, kann ich als AutorIn den Blick auf eine Sache verändern. Vor allem aber, dass sich der Leser besser/mutiger fühlt, etwas zu machen.

Texte, die beim Leser nichts auslösen, werden übrigens kaum geteilt. Weil kein besonderer Mehrwert drin ist.

Doch als EinzelunternehmerIn gibts leider noch eine Konsequenz, die viel mehr weh tut: Du kannst nicht überzeugen.

Wir schreiben ja, um uns und unsere Herangehensweise zu zeigen. Einige wollen ihren Bekanntsheitsgrad steigern, andere wollen sich greifbarer machen oder bestehende Kunden näher an sich binden. Doch je mehr du vor der Begründungsebene zurückschreckst, desto weniger sieht man, wie du denkst und was du auf dem Kasten hast. Im Differenzierten steckt nämlich nicht nur die nachvollziehbare Begründung, sondern auch deine ureigene Denke, Erfahrung und Art!

Ein typischer Denkfehler

Der Vollständigkeit halber erinnere ich mal nochmal daran:

Eine simple Lösung, die geübt werden will

Halte die Augen auf, wann immer du eine Behauptung in den Raum stellst. – Oder such dir von Haus aus schon dein Thema entsprechend aus, um dich zu fordern:

Warum ist die Banane krumm?

Denn ja: Es ist fordernd, differenzierter zu begründen. Kein Wunder, dass manche Workshop-Teilnehmer in der Konzeptionsphase zurückrudern und ihr Thema ändern wollen. Sie sind im ersten Moment überfordert, weil wir im Alltag selten klar aussprechen, was wir begründen.

Der Kundenalltag ist was anderes als das Schreiben! In der Interaktion mit Kunden arbeitest du mit einem bekannten Gegenüber an einer spezifischen Sache. Es entsteht ein Dialog, der punktuell immer darauf eingeht, was gerade ansteht. Der Kunde ist außerdem gezielt zu dir gekommen, weil er schon sensiblisiert ist, etwas Bestimmtes zu erreichen.

Beim Schreiben sieht die Sache anders aus.

Es lohnt sich, im Alltag – auch in Gesprächen – zu üben, klare Begründungen zu geben. Das geht sogar als Selbstgespräch, beispielsweise beim Abspülen. 😉

Stell eine Behauptung aus deinem Fachgebiet auf und dann überleg dir, dass du im Radio interviewt wirst. Antworte laut, also nicht nur im Kopf denken, denn da formulieren wir Gedanken nicht sorgfältig aus.

z. B.

Eine Finanzdienstleisterin sagt: „Bezahl bloß nicht alles mit Karte!“
Und dann dröselt sie mal laut 3-5 konkrete Gründe auf, warum sie das behauptet.

Das Interview-Format macht Spaß – und du kannst dir vorstellen, wie der Journalist nachfragt. Denn oft antworten wir auf eine Behauptung mit einer neuen Behauptung!

Du wirst staunen,

  • was es alles zu einer Sache zu sagen gibt,
  • welche weiteren Aspekten noch drinstecken, denn fast alles ist komplexer als es auf den ersten Blick scheint,
  • wie viel Persönlichkeit plötzlich reinkommt (denn wir begründen und gewichten völlig unterschiedlich, je nachdem, wie wir sind und welche Erfahrungen wir gemacht haben)
  • und was du alles weißt!