Lesernutzen

Hilf deinen Lesern beim Reflektieren

Wann immer du deine Leser ins Tun bringen willst,

 

Weit verbreitet ist es, Leser anzuregen, über ihr Verhalten zu reflektieren. Das ist super! Doch damit das zu Aha-Effekten führen kann, muss der Leser genau erfassen, wie nützliches Reflektieren aussieht.

Schauen wir uns das näher an: In einem Text geht es darum, andere um Rat zu fragen. Ziel ist es, sich einmal näher damit auseinanderzusetzen, wen man in seinem engeren Umfeld gerne um Rat fragt und wen nicht – der eigentliche Nutzen besteht natürlich im Konkretwerden.

Nicht so hilfreich: nur die Fragen stellen

Sagen wir, unser Beispielautor schreibt die Aufgabe so:

Picken Sie sich fünf Leute aus Ihrer Familie heraus und beantworten Sie jeweils schriftlich:

  • Fragen Sie diese Person gerne um Rat: Wenn ja – warum?
  • Oder meiden Sie die Person eher – weswegen?

Das ist prinzipiell alles goldrichtig. Doch die Mehrheit der Leute wird viel zu knapp antworten à la „Meinen Bruder frag ich gerne, weil er sachlich ist und sich reinversetzen kann.“ – „Meine Frau frag ich nicht gerne, weil sie immer erstmal so negativ ist.“

Mit solchen Antworten ist nichts gewonnen.

Konkrete Anleitung mit Beispiel

Verständlicher wird die Übung, wenn du den Leser etwas mehr anleitest, indem du ihm vormachst, dass die Antworten differenzierter ausfallen sollen:

Picken Sie sich fünf Leute aus Ihrer Familie heraus und beantworten Sie jeweils schriftlich:

  • Fragen Sie diese Person gerne um Rat: Wenn ja – warum?
  • Oder meiden Sie die Person eher – weswegen?

Wichtig dabei ist, wirklich konkret zu werden. Darum nehmen Sie sich pro Person eine Viertelstunde Zeit und denken genauer darüber nach. Bitte zensieren Sie nichts. Und gehen Sie jeweils weiter in die Tiefe, was Sie damit genau meinen. Das sieht dann beispielsweise so aus:

Meinen Bruder

  • … frage ich gerne um Feedback, weil sein Input immer Hand und Fuß hat.
  • Er erfasst die Dinge und versetzt sich in verschiedene Situationen. Der sieht nicht einfach alles Schwarz/Weiß, er geht nicht nur nach seiner eigenen Meinung.
  • Er ist interessiert, fragt nach – auch was ich mir dabei denke/wie es mir geht. Und natürlich auch, wenn ihm etwas unklar ist.
  • Wenn er etwas gut findet, sagt er das. Wenn er etwas blöd findet, hat er immer gute Gründe. Weil er mir nix aufzwingen will und nicht oberlehrerhaft rüberkommt, kann ich Kritisches gut annehmen.
  • Ich fühle mich nie demotiviert, wenn er mal eine Sache nicht so gut findet wie ich, sondern denke dann gerne weiter darüber nach oder diskutiere mit ihm.
  • Sein Feedback ist immer konstruktiv und bringt mich weiter, sogar wenn es was ist, das ich nicht hören will.

Meine Frau

  • … frage ich nicht gerne um Rat, weil sie negativ ist. Besonders wenn ich von einer Sache begeistert bin, ist es total unschön, wenn man an eine Wand der Negativität prallt.
  • Sie ist sehr sicherheitsbedürftig und wenig spontan. Das ist gar nicht schlecht, weil es halt auch auf Dinge aufmerksam macht, die vielleicht schieflaufen könnten oder tatsächlich noch nicht so durchdacht sind. Aber ich fühle mich immer so ausgebremst und demotiviert, wenn sie immer Haare in der Suppe findet oder was alles schieflaufen wird.
  • Eigentlich würde ich sie gerne mehr einbinden, aber ich fühle mich immer in die Ecke gedrängt. Ich merke dann, dass ich total defensiv werde und alles abrutscht in ein Verteidigen und Gegenreden.
  • Oft hat sie gute Punkte oder weist völlig zurecht auf mögliche Fallstricke und Konsequenzen hin, aber die mag ich dann gar nicht mehr annehmen, weil es mich so nervt.
  • Bei neuen Ideen oder wenn ich grad Knatsch mit jemandem habe, erzähle ich ihr erstmal gar nichts, sondern erst später, wenn ich mich sortiert habe.

 

Indem du vormachst, wie die Antworten aussehen könnten, garantierst du, dass deine Leser verschiedene Aspekte andenken und sehr viel konkreter in ihren Überlegungen werden.

So wird es ein richtiges Reflektieren: Das Ergebnis sind schriftliche Antworten, aus denen der Einzelne viel für sich rausziehen kann.

Aber aufgepasst: Achte darauf, dass du deine Beispiele nicht zu eng formulierst! Denn deine Leser werden sich an deinem Beispiel orientieren. Wir als Fachleute müssen bei so einer Aufgabe wissen, auf welche Aspekte wir abzielen. Nur dann können wir ein Beispiel vormachen, mit dem der Leser in die relevanten Richtungen differenziert.

 

PS: Das Hauptwort ist übrigens Reflexion, nicht Reflektion.