sich managen

Die problematische Kurz-vor-fertig-Phase

Überall liest man über Deadlines und Tipps, wie man rechtzeitig fertig wird. Ich habe allerdings bei meinen Kunden über die Jahre eine viel kritischere Phase entdeckt: Das Kurz-vor-Fertigsein.

Hier wird

  • vorgeprescht,
  • umgeworfen,
  • verschlimmbessert,
  • gehadert,
  • rumargumentiert
  • oder gerne mal alles in der Schublade versenkt.

Schauen wir uns die kritischen Facetten näher an:

Völlig falsch eingeschätzt

= Du denkst, du bist fast fertig, fängst tatsächlich gerade erst an.

Das ist meiner Erfahrung nach in 80 % der Fälle der Fall [ich bin heute wieder wortgewandt!]. Hier gibt es zwei Tendenzen.

Die einen versuchen, aus dem Stand ergebnisreif zu schreiben, denken sich also spontan einen Firmenslogan aus oder schreiben einen Selbstdarstellungstext sofort „ins Reine“. Das ist weder sonderlich zielgerichtet und praktisch immer viel zu oberflächlich.

Die anderen stecken irre viel Zeit und Arbeit rein, ohne fokussiert ranzugehen. Wenn man aber etwas wochen- oder monatelang immer wieder bedenkt und rumschreibt, dann verwechselt man gerne „viel Arbeit damit gehabt zu haben“ mit guten Resultaten. Sprich: Arbeit und Zeit ist irgendwann gefühlt so viel, dass es nun langsam fertig sein muss.

In beiden Fällen fehlt die Substanz. Was rauskommt, ist viel allgemeiner – und damit austauschbarer, als es in Bezug auf deine Ziele, deine Zielgruppe, deine Persönlichkeit und deine individuelle Herangehensweise sein darf.

Nicht umsonst ist die wichtigste Hauptaufgabe als Schreibcoach, dass ich meine Leute ständig zurückpfeife: Mach mal nur das, und dann geh da konkreter rein und dann triff eine klare Entscheidung – und erst, wenn das wirklich aussagekräftig steht, ist der nächste Schritt dran.

Das ist teilweise ein richtiges Gezerre, weil dennoch zu schnell vorgeprescht wird und ich wieder und wieder bremsen muss.

Angst vor der eigenen Courage

= Du fragst dich: „Werde ich dem, was ich da behaupte, gerecht?“

Wann immer wir etwas schriftlich nach außen geben, ist es irgendeine Form von Versprechen:

  • Ich stelle mich und meine Leistungen dar, zum Beispiel auf der Website in meinen Leistungstexten oder durch meine Blogartikel.
  • Ich spreche aus, was es der Zielgruppe bringt.
  • Ich mache ein Angebot für eine bestimmte Problematik, die der Auftraggeber hat.
  • Ich schreibe ein Konzept für (ein Buch, eine Ausstellung, …) und erzähle vollmundig, was ich da abliefern werde.

Jetzt ist Papier tatsächlich geduldig und während man so vor sich hinkonzipiert und schreibt, ist meistens alles gut.

Doch wenn man es dann fast oder ganz fertig hat, trifft einen die Realität: Holla, das muss ich ja auch erfüllen können!

Bei Zweifeln wirds natürlich höchst individuell: Die einen betreten wirklich gerade Neuland und können noch nicht auf Erfahrungen bauen, sie können schlichtweg nicht richtig einschätzen, ob sie dem gerecht werden.

Schriftlich nimmt man mitunter den Mund recht voll – oder Ton und Inhalte einem schlichtweg nicht entsprechen. Das passiert besonders dann, wenn man sich an anderen orientiert: An größeren Unternehmen oder an Selbstdarstellern, die einfach eine offensivere Art haben, die einem selbst alles andere als entspricht.

Jetzt ist es völlig normal, hin und wieder zu zweifeln. Ich halte das sogar für ein Qualitätsmerkmal: Denn alles ist komplexer und gerade die guten Leute unterschätzen die Dinge eben nicht.

Idealerweise kommen so Zweifel gar nicht erst auf, indem der Text/das damit verbundene Versprechen, das sich auf meine Art, Erfahrung und Leistung bezieht, konsequent erarbeitet wird, sodass sich bereits im Entstehungsprozess alles stimmig anfühlt.

Melden sich kurz vor fertig solche Zweifel, gilt: Ernst nehmen, aber Ruhe bewahren! Es ist niemandem gedient, wenn jetzt Panik ausbricht und vor allem nicht, wenn die eigenen Bedenken klein geredet werden. Lass diese Krise aber bitte nicht vorschnell an dem aus, was du jetzt erarbeitet hast.

Unsichere Resonanz

= Du hast Angst, damit rauszugehen.

Die eben genannte Sorge, dass man dem Geschriebenen überhaupt gerecht wird, trifft nicht auf jeden zu. Es kann gut sein, dass du dir total sicher bist, aber dennoch Angst vor der Resonanz hast, z. B.

  • wenn du neue Tatsachen schaffst, deine Firma etwa neu ausrichtest, dich an eine völlig andere Zielgruppe wendest oder Leistungen raushaust, auf die du keine Lust mehr hast, die bisher aber gut gebucht sind.
  • wenn du fachlich offensiver nach außen gehst, auch mit eigenem Standpunkt, aber Muffensausen hast, wie deine Fachkollegen darauf reagieren werden.
  • wenn du bisher eher neutral geschrieben hast, aber jetzt viel stärker dich selbst/deinen eigenen Ton einbringst, dann fühlt sich das schon mal beunruhigend an, einfach nur, weil es nicht mehr neutral ist.

Es ist völlig normal, dass sich was ganz Neues anders anfühlt und man sich – gerade als EinzelunternehmerIn – mitunter Garantien wünscht. 🙂 Die gibt es nicht! Wenn du mehr Profil zeigst und dein Business stärker in deinem Sinne steuern möchtest, dann wirst du immer mal solche Phasen haben. Jetzt einen Rückzieher zu machen, bringt dich nicht weiter, es klaut nur Zeit und Energie, weil es dich im Alten hält.

Ergänzend:

Hadern mit Entscheidungen

= Du willst dich nicht festlegen.

Schreiben, das betone ich immer wieder, ist eine Momentaufnahme – im Kleinen und im Großen:

Du schreibst heute einen Blogartikel und übermorgen fällt dir ein, was du noch hättest schreiben können. Manche wollen sich da immerwährend ein Türchen aufhalten und gehen wieder und wieder dran. Es ist noch nicht perfekt! (Im Extremfall kommt dann ein Blog nicht in die Gänge, ein monatlicher Newsletter flattert nur drei Mal im Jahr raus und der Gastartikel auf einer Internetplattform oder in einer Zeitschrift erscheint nie).

Tatsächlich ist das das Leben. Auch mündlich agieren wir im Hier und Jetzt: Du rätst einem Kunden im Meeting zu etwas, du erklärst einem Freund was oder du beantwortest Fragen in einem Vortrag. Da kannst du genauso rückblickend immer noch was verändern, ergänzen, verbessern.

Also leb beim Schreiben mit demselben Prinzip: Schreib jetzt unter Rücksicht auf deine Ziele, was du für richtig + wichtig hältst. Und wenn „es“ oder du dich in einigen Monaten anders entwickelt hast, dann kannst du es aktualisieren, wenn du dir durchs Tun ordentlich Erfahrung und Sicherheit zu dieser Entwicklung angeeignet hast.

Mit „im Großen“ meine ich beispielsweise deine Leistungspalette. Das gilt für neue Firmen genauso wie für etablierte, wenn sie ihr Spektrum neu ausrichten oder sich klarer positionieren wollen. Manche Menschen glauben, dass eine Entscheidung ein Ausschlussverfahren ist und wollen sich immer alles offenhalten.

So kann man aber weder arbeiten, noch leben.

Das Gute ist: Nichts ist in Stein gemeißelt. Aber wenn du etwas voranbringen willst, brauchts nun mal Fokus und ein klares Commitment. Veränderungen sind ja jederzeit drin. Aber nicht dauernd kurz vor fertig abdrehen, denn dann kommst du in einen selbstfokussierten Strudel [keinen von der leckeren Sorte!].

Rauszögern des Tuns

= Du weißt, dass du jetzt die nächsten Schritte gehen musst.

Ein letzter Grund, kurz vor knapp eine Schleife zu ziehen oder es „erstmal“ in der Schublade liegenzulassen, ist, dass nach dem Veröffentlichen praktische nächste Schritte kommen:

  • Wenn ich ein Buchkonzept fertig habe, steht als nächster Schritt an, es Verlagen schmackhaft zu machen. Wenn da einer „Ja“ sagt, muss ich es schreiben …
  • Wenn ich eine neue Zielgruppe anspreche, muss ich aktiv akquirieren. Wenn ich einen Auftrag bekomme, stehe ich denen gegenüber!

Ich könnte immer ein paar Tränchen verdrücken, wenn ich sehe, dass Leute schon vor zwei Jahren ihre Webtexte mit mir gemacht haben und immer noch ein Baustellenschild oder ihre 90er Jahre Uraltwebsite haben.

Oder wenn sie ihr Blogkonzept fix und fertig gemacht haben, aber nie was passiert. Übrigens ist manchmal die Angst vor der Technik der Übeltäter: Weil man nicht recht weiß, wie es geht oder an wen man sich wenden könnte, bleiben solche Projekte mit quietschenden Reifen stehen.

Als EinzelunternehmerInnen bremsen wir uns damit aus. Wenns gut läuft! Wenns schlecht läuft, sabotieren wir uns.

Wenn du also das nächste Mal kurz vor Schluss merkst, dass du …

  • vorpreschst,
  • umwirfst,
  • verschlimmbesserst,
  • haderst,
  • rumargumentierst
  • oder dabei bist, alles in der Schublade zu versenken,

halte bitte inne, rück dir den Kopf zurecht und dann bring dein Projekt VORAN. Wenn du es alleine nicht kannst, such dir Unterstützung – das Geld, das du in einen Dienstleister steckst, damit es weitergeht, ist besser investiert als wenn du dich selbst noch monatelang bremst, was am Ende noch mehr Geld kostest [auch wenn die eigene Arbeitszeit gefühlt umsonst ist, haha – Kalauer!].

Oft reicht es sogar, sich einen festen Termin zu geben. Oder mit einem anderen Selbstständigen einen Deal zu machen, dass Ihr euch beide um ein eigenes Projekt kümmert und schaut, dass Ihr zeitnah dranbleibt.

Schließlich könnt Ihr sogar jemanden ausgucken, der gar nichts mit der Selbstständigkeit zu tun hat und euch dieser Person gegenüber verpflichten: Ich habe einige Kunden, die wunderbar in die Pötte kommen, wenn sie von sich aus regelmäßig zurückmelden, was sie diese Woche gemacht haben und was sie sich als nächsten Schritt vornehmen.