Stil + Stilmittel

Artikel-Form: Der offene Brief

Eine pfiffige, unglaublich vielseitige Artikel-Form ist der offene Brief: Du kannst damit Alltagserlebnisse in nützliche Texte verwandeln; an Gegenstände schreiben oder ein klares Statement so verpacken, dass deine LeserInnen es noch besser annehmen können. Sogar, wenn du ein heißes Eisen anfasst.

Die Gestaltungsschrauben des offenen Briefes

Bei dieser Artikel-Form verpackst du dein Thema – und den Lesernutzen – in Brief-Form: Es gibt eine Anrede und du adressierst den Empfänger direkt. Das macht es besonders lebendig und außergewöhnlich.

Es gibt drei Variablen, die du bei jedem offenen Brief nutzen kannst:

Schraube 1: Der Adressat

Menschen, die sich auf bestimmte Weise verhalten haben

Im Alltag begegnen uns immer wieder Verhaltensweisen, die sich für Texte eignen: Leute, die im Supermarkt an der Warteschlange telefonieren und alles um sich herum ignorieren; Freunde, die, wenn jemand erkrankt ist, Geschichten auspacken, wer dasselbe hatte und daran gestorben ist; ein unverschämter Typ an der Hotline …

Du kannst mit einem offenen Brief auch eine Verhaltensweise, die dir generell auffällt, an eine bestimmte Personengruppe richten.

z. B. Liebe Handytelefonierer | Hallo, Hotline-Mitarbeiter, der mich vorhin so abgekanzelt hat | An die Mutter des kreischenden Kindes im Supermarkt | Sehr geehrte Rechtsanwälte | Liebe Astrologie-Skeptiker | Sehr geehrte Kochbuch-Autoren | Web-Designer! Wir müssen reden. | Liebe Hektiker | …

Dinge als Adressat

Gegenstände und andere Dinge sind besonders lustig und vielseitig, weil sich daraus schon mal automatisch ein Überraschungseffekt ergibt. Du kannst praktisch alles als Empfänger auswählen und wie du an den angerissenen Beispielen siehst, auch spezifischer formulieren, was du für deine Botschaft brauchst.

z. B. Sehr geehrter Blumenkohl | Haushalt, du gehst mir auf den Keks | Lieber Milchtopf | An meinen unaufgeräumten Schreibtisch | An meine Leber | …

Denkweisen/Gefühle

Eine weitere interessante Spielart ist es, allgemeine Denkweisen aufzugreifen oder Gefühle direkt anzusprechen.

z. B. Liebe Depression | An mein verdammtes Gedankenkarussel | Sehr geehrte Verbohrtheit | Lieber Herzschmerz | An die Verzweiflung | Guten Morgen, Hoffnung | …

Schraube 2: Der Ton

Was ist der Tenor des Briefes: Will ich Dampf ablassen, etwas verarbeiten, unterhalten, etwas an den Pranger stellen, trösten, beistehen, etwas klarstellen, maßregeln, den Rücken stärken …?

Schraube 3: Die Anrede

Hier hast du ebenfalls verschiedene Möglichkeiten:

  • Du | Sie | An oder einfach mit Ausrufezeichen. Beispiele siehst du oben.
  • Der Grad der Förmlichkeit, den du durchziehen willst: Unabhängig vom Du oder Sie kann man einen Brief verschieden formulieren. Du kannst einen sehr persönlichen, freundlichen Brief schreiben. Du kannst einen distanzierten Stil wählen. Oder einen „Kanzleistil“, wie ihn ein Anwalt oder Gericht schreiben würde, was besonders gut wirkt, wenn es dir darum geht, dass der Adressat etwas unterlässt.

Bitte nicht einfach drauflos schreiben!

… sondern immer vorher klar fokussieren, was du vorhast und was dein „Brief“ konkret verfolgt. Hier die Kurzform, damit du zumindest eine konkrete Ausgangsbasis hast.

Schritt 1: Wähle zunächst aus, an welchen Empfänger dein Brief gehen soll.

Noch mal kurz deine Wahlmöglichkeiten. Geht dein Brief an … [draufklicken für größere Ansicht]

Schritt 2: Formuliere dann zunächst dein Anliegen dahinter.

Jetzt schreib dein Anliegen, das du mit dem Brief hast, in einigen wenigen Sätzen auf. Bitte nicht großartig oder hübsch formulieren, sondern frisch von der Leber weg konkretisieren, worum es dir geht. Es zählt die Aussagekraft und dass du selbst merkst, welchen Ton du anschlägst.

Schritt 3: Pack deine Idee in einen aussagekräftigen Plankton-Arbeitstitel

… das ist die vorläufige Überschrift, aus der ganz genau hervorgeht, worauf der Text rausläuft.

Wie du am Beispiel unten siehst, fällt meine Eltern-Überschrift im Arbeitstitel recht oberlehrerhaft aus. So würden das die Betroffenen nicht gut annehmen können. Für MICH als Autorin ist es aber wichtig, dass ich im Arbeitstitel genau erkenne, worauf ich hinauswill – auch vom Ton her.  Später dann, wenn der Entwurf steht, kannst du im Feintuning die Überschrift veröffentlichungsreif ändern.

Dein Ergebnis sieht ungefähr so aus:

Ich schreibe an Eltern, die schon Kleinkindern Smartphones und Tablets geben, damit sie mit Filmchen oder Spielen ruhig gestellt sind.

Mein Anliegen ist, die Augen zu öffnen, wie schädlich es gerade für Kinder unter fünf ist, wenn sie nur noch auf Bildschirme starren + was es dem Kind signalisiert/welche Bindung verloren geht – für beide Seiten.

Plankton-Arbeitstitel: Liebe Eltern, die Ihr Kindern Tablets in den Kinderwagen legt – Ihr macht da ganz schön viel kaputt.

oder:

Ich schreibe an meine Ungeduld.

Mein Anliegen ist, mal ausgewogen auf dieses Gefühl zu schauen, wenn es um Produktivität geht. Da hat es nämlich durchaus Vorteile, aber eben auch einige heftige Nachteile, die man als ungeduldige Person gerne mal gar nicht mitbekommt vor lauter Machen und Tun.

Plankton-Arbeitstitel: Sehr geehrte Ungeduld, wir müssen reden! Du verwechselst Produktivität zu oft mit Aktionismus.

 

Meine Workshop- und Blog-Treuen wissen, dass vor dem Schreiben idealerweise dann noch ein ordentlich vorausgedachtes Konzept kommt. 🙂