formulieren

Meine kleine Geschichte vom „Gendern“

Das ist ein Text, von dem ich vor einigen Jahren nicht geglaubt hätte,

  • dass ich ihn schreibe
  • und dass ich eine eigene Evolution hinter mir habe.

Ich bin relativ früh mit Gendern in Berührung gekommen, leider allerdings von der Sorte, die einen die Augen rollen lässt:

In den Achtzigern, als ich Teenager war, wurden die Azubis plötzlich zur „-frau“ –  Reisebürokauffrau, Hotelkauffrau … das klang superfremd und falsch. Wie es nun mal so ist, wenn etwas absolut ungewohnt ist. Bislang war nur der -kaufmann gebräuchlich. Was anderes gabs nicht.

Noch abstruser wurde es bei der Polizei. Meine Chefin hatte den Dienstgrad „Amtmann“. Das wurde plötzlich geändert auf, haltet euch fest, Amtmännin! Später wurde es zur Amtfrau, was sich ebenso seltsam im Ohr verklemmt hat.

Ende der 80er Jahre hatte ich einen Nebenjob bei zwei Anwältinnen, wo es sprachlich richtig übertrieben zuging. Da wurde der Locher zur Locherin und die Brother- zur Sister-Schreibmaschine. Möglicherweise war mitunter ein kleines Augenzwinkern dabei, doch die Ausdrucksweise dort setzte ganz bewusst einen starken Gegenpol zu dem, was üblich war. Und da ging es mir wie einigen anderen auch: Ich fand viele Jahre diese Gendersprache einen überflüssigen Krampf.

Ich hatte die männliche Form so intus, weil ich damit aufgewachsen war und wirklich nichts dabei fand, dass ich sie ganz selbstverständlich standardmäßig auf mich selbst angewandt habe: Ich war der Coach, der Trainer, der Berater. Lustigerweise haben mich die Männer um mich rum immer korrigiert: „Du bist Trainerin!“

Schließlich rückte die gendergerechte Sprache mehr ins allgemeine Bewusstsein. Was für mich zur Folge hatte, dass ich immer wieder wegen Blogbeiträgen gemaßregelt wurde. Und ich meine gemaßregelt!

Wildfremde Frauen, die bei mir mitlasen, schickten mir ellenlange, belehrende E-Mails – leider von der Sorte „anschnauzen“. Nun helfen Maßregeleien nicht unbedingt bei der Einsicht, sondern dieses Extrem-Engagement mit Ansbeinpinkelei schadet eher. Kein Wunder, dass solche Reaktionen zu kollektivem Augenrollen führen. Und, wie in meinem Fall, eher zu Trotz.

Bis ich es leid war, mich anpöbeln zu lassen.

Dann bin ich eingeknickt und habe immer öfter von UnternehmerInnen und „als AutorIn“ gesprochen. Die erste Zeit jedoch nicht, weil ich es für gut hielt, sondern weil ich mir die Maßregelmails ersparen wollte.

Sprache macht Gewohnheiten

In den letzten Jahren habe ich eine persönliche Wandlung vollzogen … wie immer ist das natürlich ein Prozess. Es verändert und entwickelt sich immer wieder etwas.

Schon seit geraumer Zeit ist es für mich selbstverständlich, von mir in der weiblichen Form zu reden. Und wenn ich schreibe „ich bin Trainer“, dann fällt es mir sofort auf. Das heißt nicht, dass ich es immer verändere, aber es zeigt, dass das Gewohnte einige Zeit braucht, bis es sich „richtig“ anfühlen kann. Alles, was wir anders kennen, hört oder schreibt sich zunächst seltsam.

Ich weiß noch gut, wie hart die ersten Monate mit der neuen Rechtschreibung waren. Alles sah falsch aus. Aus Protest habe ich noch zwei Jahre lang „Tip“ geschrieben, weil ich es mit zwei P nicht ertragen konnte. 🙂

Mittlerweile finde ich es völlig richtig, die Sprache mehr auszugleichen. Weil ich überhaupt aufmerksam geworden bin – im Laufe der letzten drei Jahrzehnte (!) –, wie männlich geprägt unsere Sprache war und wie viel ausgewogener sie heutzutage ist.

Zum Glück gibt es nun auch weniger Front von beiden Seiten. Und viel weniger Gemaßregle – dazu kommt gleich ein toller Webtipp!

Die Lesbarkeit

Natürlich haben meine Kunden immer wieder Texte, wo sie hängen – oder wo ich einfach sage: Das geht so nicht. Wenn du das so sperrig schreibst, kann und mag es niemand mehr lesen.

Das liegt daran, dass unsere Denke bei so „Neuerungen“ anfangs zu starr ist. Das Formulieren ist noch nicht versiert und flüssig. Wir denken im Gewohnten und pressen das Neue mit rein.

Das führt dazu, dass sich Texte oft kaum mehr lesen lassen, wenn ständig von „Unternehmern und Unternehmerinnen“, „seine/ihre“ und passenden Endungen die Rede ist.

  • Häufungen sind immer schlecht. Sie stören das Lesen und überlagern das, was du eigentlich sagen willst. Wenn du in deinem Text andauernd „männlich Anrede und weibliche Anrede“ hintereinander nutzt, ist es zu viel des Guten.
  • Kapriolen im Satzbau Je nach Formulierung werden Sätze zu unlesbaren Ungetümen, denn es ist ja nicht damit getan, die weibliche Form zu ergänzen, sondern es kommen diverse „ihre/seine“-Konstrukte und verschiedene Endungen dazu.
  • Meistens ist es viel einfacher, sich von der direkten männlichen und weiblichen Form gedanklich zu lösen und völlig anders zu formulieren. Daraus entsteht ein viel flüssiger, interessanterer Text.

Ich fange hier absichtlich gar nicht mit eigenen Beispielen an. Denn es gibt eine relativ neue Website, die ich ganz großartig finde – und die alles viel besser sagt, als ich es sagen kann.

genderleicht.de ist ein Projekt des Journalistinnenbunds. Dort gibt es für Medienschaffende richtig entspannte, sehr gute Tipps rund um gendergerechte Sprache.

Es ist sehr interessant, dort zu stöbern, und bereichern tut es auch. Besonders toll finde ich das „Textlabor“, wo Fragen aus der Praxis supergut beantwortet werden – mit Tipps zu alternativen Formulierungen.

Sprache entwickelt. Und wenn wir sie lassen [was ich jahrelang aus Trotz nicht getan habe], dann entwickelt sie uns weiter.