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Inspirieren lassen vs. plagiieren

Auf der Suche nach „Longboardtipps für Anfänger“ finde ich in einem Blog einen Artikel rund um typische Fehler, die Anfänger-Skateboarder machen. Es geht um sehr grundlegende Dinge, etwa „Tricks nicht komplett lernen“, „sich mit anderen vergleichen“ und sowas. Die jeweilige Erklärung ist sehr schön näher aufgedröselt, es ist nützlich, locker und ermutigend geschrieben. Toll!

Da ich neue Fähigkeiten am liebsten per youtube-Tutorial lerne, lande ich kurz drauf auf einem Video, das fünf Dinge listet, die Anfänger-Skateboarder machen. Schon beim zweiten Fehler denke ich … hmmmmm … das kenn ich doch!

Ich suche den Artikel nochmal – pfeilgrad. Da hat einer ein Video, das über 1 Million views hat, mehr oder weniger abgeschrieben, erkennbar nicht nur durch die fünf identischen Fehler in der gleichen Reihenfolge, sondern die wesentlichen Inhalte + Details sind alle drin. Übersetzt, minimal ein bisserl umformuliert.

Ein gutes Beispiel, um nochmal darauf zu kommen, was es heißt, sich von etwas inspirieren zu lassen [und es sich zu eigen zu machen] vs. zu klauen.

Es gibt immer Ähnlichkeiten

Nun ist es natürlich so, dass es bei bestimmten Themenansätzen Ähnlichkeiten geben wird. – Die fünf typischen Anfänger-Fehler, die hier genannt werden, sind halt nunmal typische Anfängerfehler, die nicht nur fürs Skateboarden stimmen. Das für sich ist kein Problem.

  • Ich kann also in einem anderen Text, Video oder Seminar das Prinzip für mich passend finden und damit weiterarbeiten. Das für sich ist kein Klau.
  • Es kann sogar sein, dass mehrere Leute gleichzeitig einen sehr ähnlichen Beitrag ausdenken, völlig unabhängig voneinander. Dann kann es passieren, dass – um bei diesem Beispiel zu bleiben – die gleichen fünf klassischen Anfängerfehler verschiedenen Hirnen entspringen. Doch die Erklärungen dazu wären von Sprache und Inhalt niemals vollkommen identisch, wenn sie wirklich unabhängig voneinander geschrieben werden.

Beim Schreiben – und generell beim Kreieren – gibt es eine bestimmte Bandbreite, eine vorhandene Basis von dem, was schon da ist und es gibt den gesunden Menschenverstand, sodass sich manchmal Aussagen ähneln, obwohl keiner voneinander gewusst, geschweige denn abgeschrieben hat. Wir erleben das oft in der Musik, wenn „Plagiat!“ gerufen wird, weil sich Melodien oder Passagen etwas ähneln.

Mir ist wichtig, dass wir alle einen Anspruch an uns selbst haben, und der sollte sein:

Ich schreibe nicht ab. Da brauchen wir gar nicht rumdefinieren, wann was Klau ist. Jeder weiß schon sehr genau selbst, wenn keine große Eigenleistung da ist und er sich einfach wo bedient.

… gebündelt damit:

Mein persönlicher Standpunkt, mein Erfahrungsschatz, meine Denke sind das, was meine Leser interessiert. Die Leute möchten nicht neutral das x-te mal dasselbe lesen. Sie möchten aber auch keine Kopie haben [dazu kommt, dass gute Texte immer die Persönlichkeit des anderen enthalten]. Deine Inhalte und dein persönlicher Dreh ist viel spannender. Das ist zudem, was dich zeigt und dir eine Fangemeinde bringt, wenn du ehrlich sagst, was du wie meinst + in die Tiefe gehst.

Letzteres betone ich, weil ich es in Workshops immer wieder sehe, dass Leute so viel Gutes zu sagen haben, es aber nicht in den Text bringen. Nicht, weil sie nicht wüssten wie, sondern weil sie es zurückhalten, indem sie an der Oberfläche rumtapsen oder sich vor Formulierungen einen abbrechen, anstatt sich selbst „rauszulassen“.

Sich inspirieren lassen bringt unendlich mehr Möglichkeiten!

Sagen wir, ich sehe einen fremden Artikel oder ein Video oder erlebe jemanden in einem Vortrag, der etwas sagt, das ich total gut finde – zum Beispiel das millionenfach angeklickte Skateboard-Video. Dann kann ich das durchaus aufgreifen und:

… mit eigenen Inhalten füllen

Entweder ich nehme mir die Überschrift als Sprungbrett und überlege mir „Oh ja, was sind denn aus meiner Sicht 5 typische Fehler, die Skateboard-Anfänger so machen?“.

Oder: „Was sind meine 5 Fehler, die ich als Skateboard-Anfänger gemacht habe?“

Ich kann die Anzahl verändern. Was ist meiner Ansicht nach der größte Fehler, den Anfänger machen? Oder was sind die 3 typischen Fehler?

Ich kann sogar alle fünf Fehler übernehmen! Wenn ich sage: Ja stimmt, diese fünf Fehler sind absolut typisch, ich bin derselben Meinung. – Solange ich die Fehler dann in eigenen Worten mit eigenen Inhalten, Ansichten und Erfahrungen + in dem mir eigenen Ton präsentiere, wird es ein völlig anderer Text.

… den Ansatz etwas verändern

Ich kann die anderen Variablen des Themas verändern, z. B. indem ich mich frage, was die Fehler sind, die man als Fortgeschrittener macht, oder die ältere Skateboardbeginner machen.

Oder indem ich eine bestimmte Skateboardsparte dazu nehme, z. B. Anfängerfehler beim Downhill-Skaten oder beim Longboard-Dancen.

Oder indem ich einen konkreten Bereich dazunehme, wo die Fehler gemacht werden, z. B. „Fehler, die Anfänger bei der Balance machen“ oder „Fehler, die Anfänger beim Einrichten und Wartung ihres Boards machen“.

Oder: „Die x Dinge, die ich als Skateboard-Anfänger gerne gewusst hätte“.

Ich kann statt Fehler sagen „Versäumnisse“ oder „Details, die gerne übersehen werden“ oder „Nonos“ oder „Dinge, mit denen sich Anfänger die Motivation rauben und dann zu früh hinwerfen“.

… nur einen Teil rausnehmen

Inspirieren heißt auch, auf eine Sache näher einzugehen – und nicht alles aufzugreifen. So kann ich das „mit anderen vergleichen als Anfänger“ nehmen und einen ganzen Artikel schreiben zu: „XX Gründe, warum du dich als Anfänger bloß nicht mit routinierten Skatern vergleichen darfst“ oder „Vergleichen mit Fortgeschrittenen? – So geht’s richtig“ und dann einen Artikel schreiben, in welcher Form Vergleiche mir helfen, mich motivieren als Anfänger und in welcher Hinsicht ich mich sabotiere oder demotiviere.

Ich kann sagen „Tricks nicht komplett lernen und vorpreschen zum nächsten“ ist ein Super-Thema, das total viel hergibt + hier aus meiner Sicht weiter reinzoomen.

… eine Artikelserie draus machen

Ich kann beschließen, dass ich alle fünf Fehler übernehme, aber zu jedem der genannten Fehler einen eigenen Artikel schreibe. Für alle Artikel kann ich, wenn ich will, sogar einen ähnlichen Aufbau wählen, dann schreiben sie sich noch schneller und die Serie ist insgesamt runder.

Dabei kann ich die Fehler und ihre Folgen näher aufdröseln.

Oder ich will jeweils meine Empfehlungen ergänzen, wie es sinnvoller ist/mir als Anfänger beim Dranbleiben hilft.

… auf den Kopf stellen

Ich kann statt der Fehler sagen „x Dinge, die Anfänger instinktiv richtig machen“ oder „x Vorgehensweisen, bei denen Profis die Nase rümpfen, die aber als Anfänger gerade gut sind“.

Oder ich sage „Diese Dinge solltest du machen, um dir als Anfänger den Rücken zu stärken und die Motivation hochzuhalten, denn erst ist Durchhaltevermögen gefragt, bevor du das Skaten richtig genießen kannst“.

Du siehst: Die Möglichkeiten sind endlos!

Aus dem Ursprungsvideo lassen sich problemlos ein Dutzend richtig guter Blogartikel machen.

Es ist völlig okay, sich von anderen Themen + Beiträgen inspirieren zu lassen, solange du es als reichhaltiges Sprungbrett nutzt, um was Eigenes draus zu machen.