Themenwahl

Fürchte das Pseudo-Plankton!

Pseudo-Plankton tarnt sich wie echtes Plankton – es klingt klein, konkret, realistisch, doch auf den zweiten Blick wird klar, dass es ein Wolf im Schafspelz ist.

Das Prinzip des Pseudo-Planktons ist immer gleich: Der vorläufige Arbeitstitel hört sich von der Formulierung her klein und konkret an, doch das eigentliche Thema ist riesig. Drei Formulierungen, die gerne Konkretheit vorgaukeln:

Anteasern – du deutest an

  • Die eine Sache, die du brauchst, um bei Kritik cool zu bleiben
  • Was ich von einem Besuch beim Zahnarzt gelernt habe
  • Möchten Sie auch lernen, Unangenehmes nicht mehr aufzuschieben?

Immer, wenn du zu blumig, reißerisch oder verschleiernd unterwegs bist, hast du eh ein Problem: Denn das ist sowieso keine Plankton-Arbeitstitelüberschrift, weil hinten und vorne die Aussagekraft fehlt. Du weißt ja: Anhand des Arbeitstitels muss eindeutig erkennbar sein, worauf der Text raus will. Der eigentliche Kern – also dein Plankton-Thema samt Aufhänger – muss dastehen.

Schauen wir uns das Anteasern unter der Pseudo-Plankton-Falle an, dann siehst du, dass die Art der Formulierung klein und konkret klingt: Im ersten Beispiel geht’s um „eine Sache“, im zweiten um „eine einzige Erkenntnis“ und im dritten darum, mal eben „was zu lernen“ – doch genau das, worum es gehen wird, ist nicht ausgesprochen! Doch das brauchst du, um die Größe deines Themas einzuschätzen.

Schauen wir uns das mit dem Coolbleiben an, indem wir drei Möglichkeiten vergleichen:

  • Atempause – Die eine Sache, die du brauchst, um bei Kritik cool zu bleiben
  • Einen kühlen Kopf – Die eine Sache, die du brauchst, um bei Kritik cool zu bleiben
  • Selbstbewusstsein – Die eine Sache, die du brauchst, um bei Kritik cool zu bleiben

Schon merkst du, dass das mit der Atempause funktioniert. Das ist klein genug und das kann jeder Leser umsetzen, ganz egal wie es um seine Persönlichkeit bestellt ist. Beim „kühlen Kopf“ wird es schon schwieriger: Da kommts jetzt darauf an, wie du das Thema konzipierst: Einfach nur zu schildern, was kühler Kopf genau heißt und warum es wichtig ist, wäre Plankton. Gleichzeitig „mal eben“ dafür zu sorgen, dass alle deine LeserInnen nach dem Lesen des Textes einen kühlen Kopf bewahren können, wäre unrealistisch.

Und Selbstbewusstsein wäre sowieso viel zu schwammig. Schlagwörter sind immer das Gegenteil von Plankton.

Der Plankton-Arbeitstitel ist immer für dich selbst da. Er hat nichts mit der späteren Überschrift zu tun, darum ist anteasern nie sinnvoll bei der Themenwahl.

Das XX-Format – du zählst eine Anzahl Dinge auf

  • 5 Tipps für die Bewerbung
  • 3 Don’ts, wenn du Kunden überzeugen willst
  • Zwei erstaunlich einfache Strategien, um jedes Projekt pünktlich zu beenden

Beim XX-Artikel koppelst du eine Zahl mit dem Thema. Das ist ein vielseitiges Format mit zahlreichen Vorteilen. Im Hinblick auf das Pseudo-Plankton birgt es jedoch gleich zwei Fallen:

Falle Nr. 1: Die Anzahl gaukelt Plankton vor. Denn Plankton-Arbeitstitel à la „5 Tipps zu“ wirken alleine durch die Anzahl automatisch klein und konkret, egal, was sonst dabeisteht.

Falle Nr. 2: Durch das Format ist so ein Artikel immer machbar, das heißt, er ist realistisch im geplanten Umfang umzusetzen, doch wenn das Kernthema kein Plankton ist, werden die Tipps viel zu willkürlich ausgewählt beziehungsweise sind überhaupt nicht für deine Leserschaft pauschal relevant.

Nehmen wir das „5 Don’ts bei der Bewerbung“: Hört sich gut an, oder? Doch Bewerben ist ziemlich komplex:

  • Geht es um die schriftliche Bewerbung? Und wenn ja, um die Form (normale Papierbewerbung, Online-Stellenmärkte, -Formulare oder E-Mail), was alles rein muss, um Normen, um Eigenpräsentation, um Wirkung oder etwa um Einzelaspekte, wie das Anschreiben, den Lebenslauf, das Foto, die dritte Seite, welche Anlagen man braucht …?
  • Oder geht es vielleicht schon davor los: Worauf man sich bewirbt? Wie man sich realistisch selbst einschätzt? Worüber sich man als Bewerber klar sein sollte – über sich, seine Qualifikation, und und und?
  • Geht es um Rahmenbedingungen, Gehälter, Entscheidungen?
  • Geht es darum, wie man am besten Kontakt aufnimmt, wie man Ansprechpartner rausfindet, was wichtig bei der telefonischen Bewerbung oder dem Nachhaken ist?
  • Geht es um das Interview? Welche Fragen man erwarten kann, was nicht zulässig ist, welche Fragen man selbst stellen sollte, …?
  • Geht es um Assessment Center oder Probetage und wie man sie am besten für sich nutzt?
  • Geht es um Wartezeiten, darum, wie man sich verhält, wenn man Zusagen von einer Firma bekommt, die man nicht bevorzugt …?

Ich habe hier einige zentrale Aspekte nur grob angerissen. Jeder einzelne davon ist riesig!

Wenn du einfach so fünf Tipps aus diesem immens komplexen Thema wählst, werden die Tipps total willkürlich – du bleibst außerdem an der Oberfläche.

Das merkst du sofort, wenn du dich nicht von der Anzahl beeindrucken lässt, sondern auf das Thema schaust, das damit gekoppelt ist:

  • 5 Don’ts bei der Bewerbung ist kein Plankton. Das siehst du sofort!
  • 3 Don’ts, wenn du Kunden überzeugen willst – Wovon denn?
  • Zwei erstaunlich einfache Strategien, um jedes Projekt pünktlich zu beenden klappt, sofern es wirklich erstaunlich einfache Strategien sind, die bei jedem Projekt den versprochenen Effekt haben.

„Wie Sie/So geht das“ – du gibst ein Versprechen

  • Wie Sie perfekt aus dem Stegreif reden
  • Selbstständig? – So geht die Einnahme-Überschuss-Rechnung
  • So nutzt du deinen Computer besser.

Die Aussage „So geht das“ klingt immer machbar, wie eine klare, flotte Anleitung. Doch wir haben dasselbe Problem wie beim Anteasern und dem XX-Format: Wenn wir uns vom „So gehts“ einlullen lassen, landen wir im Wald.

Schauen wir also erneut nur auf das Thema, was erreicht werden soll: „Perfekt aus dem Stegreif reden“ ist absurd komplex. AUSSER deine Zielgruppe sind Leute, die bereits sehr gut reden und keine Scheu vor Publikum haben. Dann geht sowas. Für die breite Masse wäre das Thema viel zu sehr mit Fragezeichen, Befürchtungen, Nervosität, … besetzt.

Gerade bei Anleitungen à la „So geht das“ (was manchmal in Form des XX-Formats passiert, z. B. „Drei Schritte zu“) streut uns das Pseudo-Plankton gern Sand in die Augen. Hier gilt es, sowohl auf das Kernthema achten, als auch zu überlegen: Ist es wirklich realistisch, hier eine kleine Anleitung zu versprechen, die für die Mehrheit meiner LeserInnen übertrag- und machbar ist?