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Sich einlassen üben

Übung-Symbolbild - Bleistift mit Noitzblock auf Holzbank

Es gibt Themen, die polarisieren. Oft sind es aber andere Menschen mit aus unserer Sicht festgefahrenen, falschen oder sogar hirnrissigen Ansichten, die uns wahnsinnig machen.

Kommt dann noch eine bestimmte Art dazu, löst das schnell eine Anti-Reaktion aus, die gar nicht mehr so viel mit dem Thema zu tun hat. Jeder von uns kennt Leute, die

  • die Wahrheit für sich gepachtet haben,
  • missionieren wollen,
  • einen als dumm hinstellen
  • oder ein schlechtes Gewissen machen.

Wir brauchen gar nicht weit zu schauen – bestimmte Hashtags auf Social Media reichen da schon! Besonders gerne genommen:

  • Schulmedizin/alternative Behandlungsmethoden/Heilversprechen
  • Ernährungsempfehlungen – Gesundheit & Gewicht
  • rauchen/nichtrauchen (Tabak, dampfen, Drogen)
  • Bewegung + Sport
  • Kinder-Erziehung
  • Politisches

Es ist eine extrem wichtige Autorenqualität, sich in alle LeserInnen reinzuversetzen. Und dazu gehört in erster Linie die Bereitschaft, sich wirklich einzulassen.

Dieses Einlassen kannst du bei solchen Anpieks-Themen hervorragend üben!

Schritt 1: Such dir ein Thema und schreib deine Haltung auf

Guck dir die Liste da oben an und such dir was aus! Wahrscheinlich hast du in deinem beruflichen oder privaten Umfeld ohnehin ein paar Leute, die eine aus deiner Sicht indiskutable Meinung vertreten.

Schreibs genauso auf, wie du es empfindest. Auch wenn die Formulierung nicht politisch-korrekt ausfällt. Wer viel schreibt, neutralisiert Aussagen gerne oder ist es – besonders bei heiklen Themen – gewöhnt, sie durch Umformulierungen salonfähiger zu machen.

Doch in dieser Übung wollen wir trainieren uns auf „die Gegenseite“ einzulassen. Das ist ganz schön anspruchsvoll, wenn du wirklich ehrlich dabei bist. Keine Sorge: Es sieht niemand außer dir. Also nimm kein Blatt vor den Mund!

Ich konstruiere mal ein paar Beispiele, wie das aussehen könnte:

  • Veganer gehen mir auf den Sack: Nonstop schwadronieren sie über Massentierhaltung, kauen freudlos an ihrer Sojawurst (!) und machen allen ein schlechtes Gewissen.
  • Eltern, die ständig in ihr Smartphone schauen, statt sich um ihre Kinder zu kümmern, sind das Letzte!
  • Homöopathie sind Zuckerkügelchen, die super wirken – auf dem Konto von Heilpraktikern und Herstellern.
  • Jaha, Rauchen ist ungesund. Aber ich rauche nun mal gerne und kann auf die ständigen Vorhaltungen, bösen Blicke oder demonstratives Husten gut verzichten.

Schritt 2: Ent-emotionalisiere die Aussage

Damit es richtig möglich wird, uns einzulassen, müssen wir in einem Zwischenschritt den emotionalen Sprengstoff rausnehmen.

Wir holen mal den neutralen Kern raus, z.B.

  • Veganer reden ständig darüber, dass sie Veganer sind.
  • Mit Kügelchen kann man nichts behandeln, weil keine Wirkstoffe drin sind.

Schritt 3: Finde drei echt gemeinte Argumente für die gegenteilige Überzeugung

Nichts Halbherziges, sondern richtige Argumente. Es geht dabei nicht darum, dass du deinen Standpunkt wechseln sollst. Es geht lediglich darum, dir als Autorin Mühe zu geben, dich in Menschen reinzuversetzen, die anderer Ansicht sind oder anders leben als du.

Das macht das Faszinierende aus, gerade, wenn Themen polarisieren: Es gibt zwei Lager, die vollkommen überzeugt sind.

Dabei geht es nicht um Fundiertheit oder allgemeine Argumente, sondern Ziel der Übung ist, dass du wirklich nachvollziehst, warum andere dieser Meinung sind oder sich so verhalten.

z. B.

Warum reden Veganer  darüber, dass sie Veganer sind?

  • Ihnen liegt das Wohl der Tiere so sehr am Herzen, dass sie es weitertragen und möglichst viele Leute aufklären wollen, was für ein Leben Tiere haben, wenn sie oder ihre Produkte konsumiert werden.
  • Sie wollen einfach nur vorbauen/begründen, warum sie bestimmte Sachen nicht essen/im Restaurant anders bestellen oder Selbstgemachtes mitbringen.
  • Es tut ihnen körperlich gut und etwas, von dem man überzeugt ist, dass es besser für einen ist, weil man sich ganz anders fühlt, trägt man offensiver nach außen, weil man es weitersagen will – u. a. damit andere es für sich probieren können.

Warum ist Homöopathie für viele Leute das einzig Wahre/schwören sie sogar drauf, obwohl keine Wirkstoffe nachweisbar sind?

  • Vermutlich haben sie eigene Erfahrungen gemacht, dass ihnen Globuli bei einer Sache sehr gut helfen/sie auf Medikamente verzichten konnten.
  • Sie haben Sorge, dass ihnen Chemie und Schulmedizin schaden könnte und ziehen daher immer eine natürliche Alternative vor.
  • Wenn ihnen ein Arzt oder Heilpraktiker Naturheilmittel verschreibt, ist das oft individuell zusammengestellt (ausgependelt oder dieser Muskeltest) und auch wenn ich das genauso bescheuert finde, ist mir klar, dass das Teil der Behandlung ist + die Zuversicht gibt, dass es hilft. Was natürlich was bewirkt, unabhängig von der Wirkstoff-Frage.

 

Die Beispiele sehen recht einfach aus, aber glaub mir: Wenn du ein Thema wählst, bei dem du einer festbetonierten Ansicht bist, oder dein Blutdruck steigt, weil Menschen eine bestimmte Haltung oder Verhalten zeigen, wird es schwieriger.

Es geht nicht darum, pseudomäßig ein bisserl zu relativieren. Es geht darum, eigene ARGUMENTE hinzuschreiben, die du wirklich nachvollziehen kannst. Es kann durchaus sein, dass du das eine oder andere gute Argument zwar mitträgst, es aber nur höchst widerwillig aussprechen magst.

Genau das ist Einlassen!

Wichtig ist, dass das Wahrnehmen einer anderen Seite nicht bedeutet, dass du deine Meinung aufgibst oder anderen recht gibst. Oft gehen wir nämlich genau deshalb keinen Zentimeter auf den anderen zu, sondern beharren darauf, unsere Ansichten zu verteidigen.

Tatsächlich gibt es nie nur Schwarz/Weiß, sondern viele Grautöne. Auch wenn wir Dinge schwerer gewichten oder etwas für uns ein absolutes No-Go oder eine ultimative Überzeugung darstellt, gibt es immer weitere Aspekte und andere Meinungen.

Sich einzulassen, bedeutet ...
…, dass wir die Perspektive des anderen einnehmen können. Dass wir uns bemühen, nachzuvollziehen, wie der andere denkt, was ihn bewegt.

Hörtipp:

Ich habe kürzlich zwei spannende Podcasts entdeckt, die ebenfalls mit dem Einlassen zu tun haben: Besonders „180 Grad – Geschichten gegen den Hass (vom NDR)“ hat mich begeistert. Ein sehr gut gemachter Podcast mit interessanten, sehr offen geäußerten gegenteiligen Ansichten. – „180 Grad“ gibt’s übrigens auch als Buch!

Ein recht neuer Podcast ist „Radical Empathy“ (von Jubilee) – Der ist auf Englisch und lässt Menschen zu Wort kommen und ihren Standpunkt sachlich erklären. Der Interviewer fragt interessiert nach. Es wird nicht diskutiert oder rumargumentiert. In der ersten Folge kommt eine Flateartherin zu Wort.

Beide gibt es auf den üblichen Podcast-Plattformen.