Selbstvertrauen/Sabotage

Wenn beim Schreiben nix mehr geht – Stress, Verzweiflung, Blackout

Wenn ich „Stress“ sage, meine ich heute nicht das umgangssprachliche Gestresstsein, weil einem gerade nichts einfällt oder eine Deadline ansteht. Vielmehr geht es um die richtig beschissenen Gefühle, die manchen von euch massiv zusetzen – oder sogar lähmen.

Die Momente, die einen in altbekannte Strudel reißen und unerbittlich weiter nach unten ziehen.

Du bist nicht allein!

Gerade diejenigen, die so richtig unter Stress kommen oder sogar Angst haben, hacken gerne ziemlich auf sich rum:

  • „Ich bin zu blöd!“
  • „Andere verstehen das ja auch!“
  • „xy hatte recht: Ich kann das einfach nicht!“

Nein. Du bist nicht alleine. Es geht – weltweit – extrem vielen Menschen so, dass sie phasenweise voller Sorge, Unruhe und Ängsten sind. Manche werden ständig davon begleitet.

Ich konzentriere mich auf den Aspekt, etwas Neues zu lernen. Denn hier kommen wir an die eigene Zuversicht und Erfahrungen von früher.

Ein gestresstes Hirn kann nicht klar denken

Mit Mitte 20 hatte ich eine Weile starke Stress-Symptome: Herzklopfen und -aussetzer. An einem Freitagabend kamen plötzlich Schmerzen und ein komisches Ziehen im linken Arm dazu. Logisch betrachtet, war die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt bei mir nicht sonderlich hoch. Und doch hat es mich so beunruhigt, dass ich mich reingesteigert habe. Nach einigen Stunden wollte ich mal sicherheitshalber einen Notdienst anrufen. Und da passierte was Merkwürdiges: Ich habe mir das Telefonbuch geschnappt, aber dann angefangen, bestimmt eine Minute lang völlig ziellos drin rumzublättern. Mein Körper wusste, was er tun wollte, aber mein Hirn war nicht mit dabei. Der Stress hatte es außer Gefecht gesetzt.

Die meisten Menschen erleben irgendwann in ihrem Leben so eine Ausnahmesituation und erfahren am eigenen Leib, wie es ist, wenn große Angst oder sogar eine Panikattacke das Ruder übernimmt. Oft steht man richtiggehend neben sich – manchmal weiß man sogar gleichzeitig, dass es logisch betrachtet gar keinen Grund dafür gibt. Und doch überwältigen einen die Gefühle.

Für manche ist das aber keine Ausnahmesituation, sondern es begleitet sie immer. Mal mehr, mal weniger stark. Gerade, wenn es etwas Neues zu lernen gibt, steigen dann die Selbstzweifel von Null auf Hundert. Ich habe eine Bekannte, die bei allem abwinkt, was sie noch nie gemacht hat. Das macht ihre Welt verdammt klein und konserviert ihre innere Überzeugung, dass sie „es“ nicht kann. Vor allem aber nimmt sie sich die Glücksgefühle, die man nur dann bekommt, wenn man sich etwas Neues erobert. Wenn man aus eigenem Antrieb etwas neu kennen und können lernt, was man vorher nicht, dann eine Weile nicht so gut kann – und mit der Zeit schrittweise besser wird. So lerne ich mich kennen, erweitere mein Repertoire und steigere meine Zuversicht. Ich entdecke Seiten an mir, die ich bisher nicht kannte. In meinen Workshops hatte ich einige, die ein totales Schreibtalent hatten – so ein Talent oder einfach nur die Erfahrung, dass mir etwas gut gefällt, erkennt man nur durchs Tun.

Andere machen den ersten Schritt, aber sabotieren sich von Anfang an damit, dass sie sich die Sache unnötig schwer machen.

Wenn ich mir über die letzten zehn Jahre die Leute vor Augen rufe, die sich in einem Workshop extrem schwer getan haben oder sogar mittendrin abgetaucht sind, dann finde ich folgende Gemeinsamkeiten:

  • „Ich muss es irgendwie alleine schaffen.“ Es ist kurios, doch gerade die, bei denen die Hürde besonders groß ist, glauben, sie dürften keine Fragen stellen und lehnen Hilfestellung von vornherein ab. Doch Hilfe und Feedback sind nichts, das Leute bekommen, die „zu blöd“ sind, sondern du gehst ja gerade in ein Training, weil du es von jemandem gezeigt + vermittelt bekommen möchtest. Jeder andere in der Gruppe lässt sich helfen.
  • Sich selbst kleinreden, um sich drehen. Anstatt sich auf die Sache zu konzentrieren, sind sie auf ihre vermeintlichen Fehler fokussiert. Sie blenden das, was richtig ist, komplett aus oder gewichten es weniger, als das, was noch nicht sitzt. Wenn sie etwas sehr gut können, relativieren sie es oder werten positives Feedback als Höflichkeit („Das sagt er/sie nur so.“).
  • Die Einstellung, dass etwas im ersten Anlauf perfekt sein muss, obwohl das gar nicht geht. Wann immer wir etwas Neues lernen, sind wir am Anfang nicht gut darin, und das eine ganze Weile! Weil das Lernen ein Prozess ist. Manches geht auf Anhieb ganz gut, anderes noch nicht so gut, oder wir verstehen das Prinzip, können es aber noch nicht umsetzen … sind wir gelassen, können wir differenzieren. Wer aber im Panikmodus ist, erlebt sich als schlecht, unbegabt oder sogar unfähig.
  • Es gar nicht erst probieren. Hin und wieder hatte ich (nicht nur beim Schreiben) Kunden, die mit einem Problem kamen, aber sobald sie irgendwas anders machen sollten als bisher, haben sie sich gesperrt. Da wird dann gerne eine 180-Grad-Drehung gemacht: Das, was sie vorher als hinderlich geschildert haben, ist plötzlich super. Tatsächlich ist das eine höchst hinderliche Vermeidungshaltung.
  • „Ich hab es gleich gewusst!“ Eine ältere Bekannte von mir redet sich immer schon ein, dass sie Computer nicht versteht. Wenn in ihrer Firma die Software gewechselt wird, hat sie wochenlang Panik und redet sich nonstop ein, dass sie das nicht können wird.

Und damit sind wir bei einem wichtigen Knackpunkt:

Das Problem ist nicht „Ich kanns nicht!“, sondern „Ich bin gerade jetzt nicht in der Lage, zu denken“

Meine Bekannte ist, wie man umgangssprachlich so schön sagt, nicht blöd. Natürlich hat sie sich jedes Mal in ein neues Computerprogramm eingelernt – und es am Ende sogar recht schnell verstanden. Den Stress, die damit verbundenen Selbstgespräche und negativen Gefühle, muss sie trotzdem jedes Mal durchstehen. Dabei sind sie hausgemacht.

Es ist also keine Frage des nicht Könnens. Wann immer wir uns an etwas wagen, das wir so noch nicht gemacht haben, betreten wir buchstäbliches Neuland: Wir tun was, das wir noch nie gemacht haben. Unser Hirn wird völlig neu gefordert.

Es ist also absurd, wenn wir etwas zum ersten Mal machen, von uns zu fordern, dass es auf Anhieb gehen muss. Steigt jetzt aber Stress hoch, wirds schwierig. Denn der hebelt unser klares Denken aus. Das geht bei manchen so weit, wie bei mir mit dem Telefonbuch: Sie lesen etwas, sie geben sich Mühe, aber sie verstehen tatsächlich gar nichts mehr. Aber nicht, weil sie es nicht verstehen könnten, sondern weil jetzt in diesem Moment der innere Strudel regiert und das Denken unmöglich macht.

Jetzt kommt es drauf an, wie gut du dich selbst kennst. Ich habe unter meinen Kunden und Bekannten, denen es so geht, beides erlebt: Diejenigen, die gelernt haben, ihren Stress in diesen Situationen zu managen. Die das gut von sich können und wissen, wie sie eine Handbremse reinhauen können. Manche haben sich schon intensiver mit Stress befasst und greifen auf irgendeine Technik oder Übung zurück. Andere heulen eine Runde und dann gehts wieder. Und wieder andere müssen grad mal alles unterbrechen und sich das Hirn durchlüften.

Danach können sie sich wieder dransetzen und es probieren. Dann geht auch das „Mach mal so, wie du denkst“ und „Sag mal nicht einfach ‚ich kanns nicht‘, sondern fass mal konkret in Worte, was du verstehst oder wo du hängst“.

Wenn du dich runterbringst und das Hirn sachlich forderst, machst du dich wieder denkfähig.

verständlich, aber nicht hilfreich: vermeiden

Es ist ganz natürlich, dass wir Dinge, die wir uns nicht zutrauen, meiden. Unter denjenigen, die sich jetzt wiedererkennen, gibt es sicher viele, die das Schreiben darum komplett bleiben lassen oder einen Workshop erst gar nicht machen, weil sie die Gefühle, die damit einhergehen, gar nicht erst riskieren wollen. Oder es anfangen, aber vorschnell das Handtuch werfen.

Mach das bitte nicht! Etwas nicht auf Anhieb zu können, ist völlig normal. Fragen zu stellen, ist völlig normal. – Ja, wenn du in solchen Situationen sehr unter Stress kommst und gar nicht mehr denken kannst, das ist ein Scheißgefühl. Doch dieses Gefühl hat nichts damit zu tun, dass du es nicht verstehen kannst oder besser lassen solltest.

Es geht in diesen Momenten darum, den Stress runterzuregulieren, damit das Hirn klar denken kann.

Noch besser ist es, sich erst gar nicht so stark reinzusteigern. Also nicht, wie die Bekannte mit den Computer, sich wochenlang vorher schon einreden, dass es ganz furchtbar wird und du dich anstellen wirst. Und wenn du etwas neu lernst – oder in einen Workshop gehst, dann konzentrier dich auf die Sache: Stell Fragen, lass dir helfen, fass in Worte, was du nicht verstehst. Denn das innere Hochpeitschen baut sich auf. Es ist also eine gute Idee, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen.

Ich hatte schon TeilnehmerInnen, die mir gleich zu Beginn gesagt haben: Ich bin nervös wie die Sau, und ich neige dazu, mich total unter Druck zu setzen. – Das ist super, denn damit ist bereits sachlich ausgesprochen, was Stress machen könnte. Das ist ein erstes Ventil und es ebnet den Weg, dass es gar nicht erst zum Reinsteigern oder Abtauchen kommt.