Selbstvertrauen/Sabotage

7 x Kontrolle innerhalb der Unsicherheit

Anfang der 90er habe ich das damals relativ neue „Die 7 Wege zur Effektivität“ [bei: Gabal Verlag] von Stephen Covey gelesen. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was drinsteht, aber eine Sache hat sich auf Anhieb bei mir im Kopf verhakt.

Covey sagt:

Bei allem im Leben gibt es einen circle of concern, also Dinge, die uns Sorgen machen, die uns betreffen, über die wir uns aufregen, etc. – Und es gibt einen circle of influence, also unseren direkten Einflussbereich.

Der circle of concern sind Dinge, die wir nicht direkt beeinflussen können: Ich kann mich ärgern über das, was „die da oben“ in Politik oder einer Firmenleitung beschließen oder meiner Meinung nach verhunzen, aber ich kann nichts unmittelbar tun. Ich kann Angst davor haben, was das Virus gerade mit der ganzen Welt macht und wie die aktuellen Einschnitte in Leben und Beruf alles beeinträchtigen, aber ich kann das „Prinzip Krankheit“ nicht ändern.

Ich kann jedoch immer schauen, was in meinem direkten Einflussbereich liegt: Darin stecken viele andere Aspekte, die mich betreffen oder über die ich mir Sorgen mache. Anstatt mich darüber aufzuregen, wie ätzend Leute in Talkshows miteinander umgehen, sich nicht ausreden lassen und angreifen, kann ich mich darum bemühen, dass ich in meinem Umfeld offen zuhöre und von mir aus für den respektvollen, menschlichen Umgang sorge, den ich bei anderen vermisse.

Anstatt mich in einem Oh-Gott-oh-Gott-oh-Gott zu verlieren, weil ich Angst habe, was das Virus in anderen Ländern bereits angerichtet hat, und mich kirre machen zu lassen von den bei uns steigenden Zahlen, kann ich überlegen, was ich in meinem Umfeld tun kann, um vorzusorgen, mich um andere zu kümmern (durch Einkäufe, eine Schulter zum Anlehnen) – oder ich kann mit Geld unterstützen, um Betroffenen beizustehen.

Das Prinzip ist klar, und doch passiert es gerade bei allem, was uns persönlich angreift oder verängstigt, dass wir den eigenen Einflussbereich zu wenig wahrnehmen – oder nicht mehr sehen.

Hier 7 Anregungen, die aktuell vollständig in unserem Einflussbereich sind und uns Kontrolle geben können.

1. Ich kann mich entscheiden, was, wie viel und worüber ich mich informiere

Als allererstes habe ich meinen Eltern gesagt: Lasst bitte nicht ständig den Fernseher laufen! Fast seit Beginn der Corona-Welle gab es überall Ticker, bereits zu Beginn wurden einzelne Todesfälle groß berichtet und das hat sich zu Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung gesteigert, wobei „Berichterstattung“ das falsche Wort ist. Wenn Sender in einer Loop die ewig gleichen Bilder zeigen und die Zahlen fix in der Ecke einblenden, ist es keine Information. Wenn alle um Einschaltquoten buhlen und schockierende Videos von Särgen interessanter sind, als ein sachliches Interview mit einem Experten, ist es keine Berichterstattung.

Auch bei mir habe ich gemerkt, ich muss stärker dosieren, was ich in den einschlägigen Twitter-Hashtags lese. 🙂 Obwohl ich insgesamt zuversichtlich bin, rege ich mich zu sehr auf. Verschwörungstheorien, Stammtischvirologen und Bilder/Videos von Deppen, die nach wie vor in Gruppen rausgehen oder Partys feiern, stressen mich mehr, als ich dachte.

Insofern: Gezielter filtern und weniger Infos zu konsumieren, ist das Gebot der Stunde! Hier kann ich mich, mein Maß und meine Quellen zu 100 % selbst regulieren.

2. Ich kann mir überlegen, wie ich frei gewordene Zeit fülle

Aktiv entscheiden ist gefragt, also nicht unbefriedigendes Treibenlassen. Denn wer Tage und Wochen verdödelt, wird lasch und unzufrieden. Wir geben damit zusätzlich Kontrolle ab. Sobald ich aber bewusst entscheide, was mir gerade gut tut und was für mich Priorität hat, wird ein Schuh draus.

Für die einen bedeutet das, etwas zu lernen oder ein Hobby aufleben zu lassen. Andere freuen sich, endlich durchatmen zu können und mehr Zeit mit ihren Kindern oder Haustier zu verbringen. Und wieder andere möchten bewusst nichts tun, außer gemütlich Bücher lesen oder eine neue Kultur des Mittagsschlafs etablieren.

Wichtig finde ich hier, wirklich bei sich zu checken, was gerade angesagt ist. Denn sonst entgleitet da was – dann wird die To-Do-Liste lang, wenn man vor lauter Feuereifer alle möglichen neuen Lernfelder aufmacht oder nur noch Serien „bingewatcht“.

3. Ich kann für mich und andere ein Gegenwicht schaffen

Das Schenken von Lichtblicken oder gemeinsame Unternehmungen – das Kaffeetrinken via Zoom oder die Gesprächsrunde am Telefon – sind zwei Möglichkeiten, die dafür sorgen, dass es nicht nur noch Coronacoronacorona gibt.

Ich habe gemerkt, dass es gut ist, anderen zu sagen: „Hey, lass uns aufpassen, dass wir nicht nur über Fallzahlen und Sorgen reden“, um gezielt den Alltag wieder einziehen zu lassen. Darauf zu achten, dass wieder Normalität in Gespräche kommen darf: Anekdoten erzählen, berichten, was heute auf der Tagesordnung stand, in Erinnerungen schwelgen, Rezepte austauschen, … – also Gesprächsthemen haben, die abgekoppelt vom aktuellen Thema sind. Klar ist es wichtig, über Ängste zu sprechen oder aktuelle Entwicklungen, jedoch mit einem Platzverweis: Der Tag hat 24 Stunden, und es ist wichtig, sich zu erinnern, dass wir selbst entscheiden, wie und was wir als Gleichgewicht in unser Leben und den Alltag einfließen lassen wollen.

4. Ich kann innerhalb meiner Wohnung oder im Haus jede Menge tun

Seit jeher bin ich ein Fan vom Möbelumstellen. Alle paar Jahre verändere ich was in der Wohnung – oder früher, als ich noch angestellt war, in meinem Büro.

Es ist verrückt, wie selbst in kleinen Räumen oder Ecken mit wenig Handgriffen was verändert werden kann. Das kann bedeuten, wirklich mal alles woanders hinzustellen. Ich habe in meiner verhältnismäßig kleinen Wohnung gemerkt, dass es total super ist, manche Möbel in ein anderes Zimmer zu verpflanzen. Ich habe ein Regal, das schon in jedem Zimmer war – immer wieder völlig anders eingesetzt.

Ob ausmisten, umräumen, putzen, Bilder um- oder aufhängen, reparieren – oder sogar größere Aktionen: Es gibt ein unglaubliches Gefühl von Kontrolle, in seinem Bereich etwas tun zu können. Und ganz nebenbei die eigenen vier Wände zu erneuern.

  • Das macht darüber hinaus zufrieden, weil man was geschafft und für sich getan hat.
  • Es gibt eine sinnvolle Beschäftigung für einige Zeit.
  • Es steigert den Wohlfühlfaktor zuhause.
  • Es ist eine Veränderung, die im Äußeren beflügelt. Wie der Friseurbesuch, um den Look komplett zu ändern, wenn eine neue Ära losgehen soll.
  • Und es kann Raum für was Neues schaffen, das du etablieren willst: Vielleicht magst du in deinem Wohnbereich etwas räumlich einen Platz geben. Einen Tisch offiziell zum Roman- oder Tagebuchschreibeplatz machen. Oder den Sessel in einen gemütlichen Leseplatz umwandeln.

Meine Erfahrung mit Ausmisten und Umgestalten: Nicht kleckern, sondern beherzt alles aus einem Regal oder Schrank werfen, anstatt nur ein bissl was zu machen. – Und direkt die Möbel zu verschieben und zu schauen, wie es wirkt, anstatt nur auf Papier zu zeichnen. Das ist dann zwar eine größere Aktion, aber die Veränderungen sind deutlicher – und werden nicht durch ein „wäh, ist zu viel Arbeit“ oder „ist vermutlich nicht praktisch“ ausgebremst.

Das ist übrigens eine weitere Gelegenheit, andere einzubeziehen: Einen Freund per Videokonferenz um Rat zu fragen (mit dem Tablet oder Smartphone gemeinsam „live“ die Möbel umstellen; die Schwiegermama fragen, ob sie für die Lese-Ecke farbige Kissen nähen würde, die dann per Post eintrudeln oder später persönlich übergeben, wenn sich die Lage beruhigt hat); Vorher-Nachher-Fotos zur Inspiration im Internet posten mit einem Aufruf: Machs nach!

PS: Verfeinern mit neuem Farbanstrich, Accessoires, etc. lässt sich dank Internet auch. Oder es gibt eine Liste für später, um der Aktion ein Sahnehäubchen aufzusetzen. Womit wir direkt beim nächsten Punkt sind:

5. Ich kann planen, was erledigen, vorbereiten

Bei den Lichtblicken ging es bereits darum, mit anderen gemeinsam Pläne zu schmieden für die Zeit, wenn wieder Normalität eintritt.

Wenn es um Kontrolle in der aktuellen Phase geht, meine ich das richtige Planen:

  • Also handfest was weiterdenken, z. B. aufgrund der Standortbestimmung deines Unternehmens konkrete Entscheidungen treffen und nächste Schritte festlegen oder eine gemeinsame Wandertour oder Reise für später mit einem Freund austüfteln, schon mit Route, Unterkünften, etc. Oder die schon länger herumschwirrende Weiterbildung recherchieren, mit Anbietern und weiteren Parametern. Also richtig schon was vorbereiten, was später gebraucht wird.
  • Ich kann Dinge erledigen, die ich schon länger vor mir herschiebe. Das können Kleinigkeiten sein, wie Reparaturen, das Ändern von Passwörtern, das Kündigen von Zeitschriften-Abos und Newslettern, die man immer wieder mitzieht, obwohl man sie gar nicht mehr möchte. Oder natürlich das Gegenteil: Neue gute Quellen erschließen, sich wo anmelden. Es kann das Weiterdenken oder Anfangen für größere Projekte sein: Endlich das Blog auf die Beine stellen. Endlich das Buch oder den Selbstlernkurs in die Hand nehmen.

Das ist nicht nur etwas, das ich momentan kontrollieren kann, es gibt zudem das zufriedene Gefühl, dass etwas vorangeht – gerade in Zeiten der Lähmung und des vermeintlichen Stillstands des Bisherigen, ist das ein gutes Gefühl. Mal abgesehen davon, dass du davon profitierst, sobald sich eine gewisse Normalität einstellt.

6. Ich kann meinen Stress senken und Zuversicht steigern

Obwohl ich mit meinen Hoops und Stäben täglich was tue, das mir Freude macht, mein Hirn fordert und mich bewegt, habe ich gemerkt, dass das nicht reicht. Logisch betrachtet, gehe ich mit der allgemeinen Phase bisher recht entspannt um, dennoch habe ich gemerkt, dass ich körperlich gestresster bin, als ich dachte.

Joggen mag ich nicht. Also habe ich vor einer Woche mein Springseil mit rausgenommen und gemerkt: Genau das brauche ich! Jetzt schaue ich, dass ich möglichst täglich seilspringe – schon 15 Minuten reichen. Die Tatsache, dass ich meinen Körper damit stärker fordere und mich ins Schnaufen bringe, macht einen erstaunlichen Unterschied. An Tagen, wo ich zu müde war oder mir das Wetter doch zu arschkalt, habe ich gemerkt, dass ich mich anders fühle. – Nun ist Seilspringen natürlich nur ein Beispiel. Ein paar Minuten ausgelassen hüpfen, wild tanzen (und dabei die Sau rauslassen) – oder eben laufen: Es gibt endlos viele Möglichkeiten, sich für kurze Zeit intensiv auszupowern. Bereits einige Minuten bringen was! Es muss keineswegs in eine ausgiebige Sporteinheit ausarten, außer natürlich man möchte das.

Und wer sich nicht recht auspowern kann, der kann sich einfach etwas mehr fordern als sonst: Ausgiebiger spazierengehen, zwischendurch einen angemessenen Zahn zulegen. Man muss nicht schnaufen wie ein Braugaul, damit das einen Effekt hat.

Eine zusätzliche Möglichkeit für weniger Stress und mehr Zuversicht sind Körperübungen. Ich habe kürzlich ein ganz tolles, nettes Büchlein entdeckt, das ich an jemanden verschenkt habe, der ständig stresselt und sich nonstop Sorgen macht. Das Buch enthält simple, kurze Übungen zwischendurch [keine Sport- oder Entspannungsübungen], es macht sich zunutze, dass unsere Körperhaltung sich auf unsere Körperchemie auswirkt.


Kopf hoch! – das kleine Überlebensbuch
Soforthilfe bei Stress, Ärger und anderen Durchhängern

Kösel Verlag

 

Es ist spielerisch und freundlich illustriert und hat wenige Seiten. Das ist gut, weil man sich nicht erst ein ganzes Buch reinziehen muss.

Im Internet gibt es ebenfalls viele Videos, z. B. zu Powerposes von Amy Cuddy – hier eine superkurze Info mit der Wonderwoman-Haltung, die Ihr vielleicht schon kennt:

Nach nur zwei Minuten in einer zuversichtlichen „großen“ Körperhaltung (es gibt längere Videos von ihr, wo sie näher drauf eingeht) steigt der Testosteron-Level deutlich und das Stresshormon Cortisol sinkt signifikant.

Für kleine, regelmäßige Erfolgserlebnisse kannst du zudem sorgen, indem du was Neues lernst. Dazu hatte ich kürzlich schon ein Video gemacht:

7. Ich kann meine vorübergehend kleine Welt sukzessive größer machen

In allen bereits aufgezählten Punkten steckt drin, die Welt größer zu machen. Doch ich meine mit dem siebten Punkt noch etwas anderes, und zwar:

  • Neue Kontakte schließen. Über das Internet nicht nur mit Freunden und Familie kommunizieren, sondern mal intensiver in einen Dialog einsteigen oder jemanden, den man bisher nur schriftlich kennt, persönlicher ansprechen. Nachbarn kommen sich gerade näher: reden mit Abstand miteinander, helfen sich beim Einkaufen, … Warum nicht selbst initiieren, Hilfe in Anspruch nehmen oder Tauschgeschäfte machen?
  • Meinen Horizont erweitern. Mal gezielt Artikel lesen, Videos anschauen oder in Webinare & Co. reinschnuppern, wo es um was geht, das ich noch nicht kenne. Das können neue mögliche Interessen oder Hobbies sein, der Kontakt zu Leuten, die eine andere Sichtweise vertreten. Man muss sich nicht gleich was ans Bein binden, lediglich offen sein für das, was es sonst noch so gibt in der Welt. Das kann dazu führen, dass man was Großartiges für sich entdeckt – oder einfach den Wissensstand ergänzt beziehungsweise sich mit Leuten austauscht, die andere Erfahrungen haben.

Ausschau zu halten, was deine Welt jetzt größer macht, sät einen Samen, der mit der Zeit aufgeht, sich langfristig entwickelt und neue Dinge anstößt.

Das gilt ganz besonders, wenn dein Business tatsächlich ins Trudeln gerät oder du merkst, dass du dich zwar über die Durststrecke retten kannst, aber künftig auf keinen Fall wieder in so eine Lage kommen möchtest. Sich einfach mal umschauen, was es sonst noch so gibt, auch wenn es sich um Sachen handelt, wo du bisher sofort abgewunken hast, bringt neuen Input.

Selbstwirksamkeit!

Das Wort „selbstwirksam“ gefällt mir wahnsinnig gut. Salopp ausgedrückt: Ich denke oder tue etwas – und kann dadurch Dinge aktiv verändern, steuern, meistern.

Das geht aber nur, wenn ich meinen direkten Einflussbereich überhaupt wahrnehme und dann aktiv werde. Plus: Bereits das Wahrnehmen ist eine gute Sache. Man muss nicht gleich was tun! Es kommt bereits Kontrolle zurück, wenn ich merke: Hey, in der und der und der Hinsicht kann ich sehr wohl etwas für mich und andere tun. Selbst, wenn ich es noch nicht getan habe, werde ich mir meiner Selbstwirksamkeit bewusst – und kann in diese Richtung weiterdenken. Das schärft die Aufmerksamkeit, was ich in einer bestimmten Situation tatsächlich tun könnte und das wiederum sorgt dafür, dass ich immer mehr sehe, worauf + wie ich Einfluss nehmen kann.

Eben rutscht mir aus einer Hirnwindung, dass Stephen Covey dazu noch gesagt hat: Je mehr wir unseren circle of influence nutzen, desto größer wird er.