Schreibfluss

„Ich bin blockiert!“

Der Begriff „Schreibblockade“ ist mir nicht sonderlich sympathisch, denn zum einen betoniert man für sich, dass nichts geht – ICH bin blockiert. Zum anderen reagiert man oft darauf, indem man es entweder bleiben lässt, auf sich schimpft oder versucht, sich irgendwie zum Schreiben zu motivieren.

Der eigentlich gute Tipp, nach einer Pause wieder dranzugehen, ist nicht immer die beste Wahl! So manches Schreibprojekt wird auf diese Weise geschoben und geschoben und geschoben … so macht sich neben dem Rumeiern zusätzlich eine Unlust breit.

Geht das Schreiben total zäh oder steckt regelrecht fest, braucht es eine Diagnose: WAS blockiert denn da?

Das hilft nicht nur für das aktuelle Projekt, sondern nützt dir dabei, deine Autorenqualitäten zu schärfen: Je besser du dich kennst, desto klarer weißt du, wo es hakt, wenn es hakt.

Ich beispielsweise kann bei mir sofort unterscheiden, ob ich gerade einfach nur schreibunlustig bin oder ob es hakt, weil ich noch keine funktionierende Struktur gefunden habe. Kreise also immer so genau wie möglich ein, was dem Schreiben gerade entgegensteht. Die Gründe unterscheiden sich je nach Text und Tagesform oder äußere Faktoren, die sich störend auswirken.

Wenn du den Grund für das Festgefahrensein kennst, kannst du punktgenau ansetzen und vergeudest keine Zeit mit Jammern 😉 oder Strategien, die dir in diesem Moment gar nichts bringen.

Hier fünf häufige Gründe dafür, dass es stockt:

1. Nicht wissen, wie anpacken

Du kannst dein Thema noch nicht greifen, hast die Zielgruppe nicht klar definiert, keine rechte Ahnung, worauf du mit dem Text hinauswillst. Wir sind Fachleute auf unserem Gebiet, darum haben wir einen prallgefüllten Expertenkopf, da steckt enorm viel drin. Gehen wir nicht zielgerichtet in einen Text, kommen wir in allem, was wir sagen könnten, so richtig ins Schwimmen.

Wer nicht weiß, woran er seinen Text aufhängen möchte, was genau die Botschaft ist und wie anfangen, der kann sich noch so toll zureden und Hunderte von kreativen Pausen machen: Der Nebel lichtet sich nur durch die Konzeptionsphase.

Ich weiß wirklich nicht, warum so viele Leute diese Phase überspringen. Sogar in Workshops sagen mir manchmal Teilnehmer „jaja, ich sollte mit zwar vorher Gedanken machen, habe aber doch jetzt lieber drauflos geschrieben“. Ich kann dir sagen, wohin das führt: In den Wald.

Liest du schon länger hier mit oder hast bereits mit mir zusammen geschrieben, kennst du die bewährte Vorgehensweise. Selbst wenn du partout nicht konzipieren möchtest, hilft dir ein Plankton-Arbeitstitel ganz enorm, denn mit dem legst du konkret + aussagekräftig fest, worauf du hinauswillst. Alleine dadurch kannst du dein Thema für den aktuellen Text klar greifen.

Hier findest du alle Blogartikel über Plankton-Arbeitstitel mit zahlreichen Beispielen, was eine hilfreiche vorläufige Überschrift ausmacht.

2. Die erdachte Struktur stimmt nicht

Selbst Profis passiert es, dass sie wunderbar anfangen. Sie haben sich überlegt, wie sie den Text angehen, sie haben sich Gedanken gemacht, sie haben den Text durchstrukturiert – theoretisch ist alles super. Wenn es jetzt nicht fließen will, obwohl „eigentlich“ alles stimmt, liegt es fast immer daran, dass die Struktur nicht funktioniert.

Lustigerweise weiß man das manchmal, bevor man es weiß. Obwohl du vielleicht noch gar nicht an dem Punkt angelangt bist, wo wirklich nichts mehr geht, stellt sich ein Zögern ein. Manchmal verspürst du eine Unlust, die du dir nicht erklären kannst: Du willst den Text nicht weiterschreiben oder machst immer mal Anläufe, die ins Leere gehen. Bei umfassenderen Texten, Selbstlernkursen oder Buchkapiteln ist es besonders schwer, das zu erkennen, erst recht, wenn du schon ziemlich weit bist.

Sei immer bereit, die Struktur zu überprüfen und gegebenenfalls umzustoßen. Bitte nicht verwechseln mit „ständig alles nochmal umwerfen“ [was manche gewohnheitsmäßig tun]. Doch wenn du merkst: Oha, ich hänge in diesem Text total fest, da will gar nichts mehr vorangehen, dann klopf den ersten Punkt ab: Kann ich mein Thema wirklich greifen, weiß ich, für wen ich schreibe + worauf ich hinauswill? Und wenn das klipp und klar dasteht, dann guck deinen Textaufbau an.

  • Manchmal ist ein Umsortieren genug. Manchmal ist es sogar besser, Tabula Rasa zu machen: Zerknüllen, was bisher da ist (auch wenn du schon mehr Arbeit reingesteckt hast) und komplett neu beginnen.
  • Oh und das andere Extrem gibts ebenfalls: Ins Leere geschrieben zu haben, anstatt vorab das „Skelett“ des Textes festgelegt zu haben. Ein Beispiel, wie dir Arbeitstitel-Zwischenüberschriften dabei helfen. 

3. Du weißt nicht genug über dein Thema

Manche suchen sich zu komplexe Themen aus oder wollen über etwas schreiben, wovon sie gar keine rechte Ahnung haben. Andere schreiben über Fachfremdes, zum Beispiel, weil sie für Kunden aller Branchen texten.

Wenn du die Wahl hast: Schreib immer nur über Dinge, zu denen du Bescheid weißt! Das ist für uns schreibende EinzelunternehmerInnen ganz besonders wichtig und schließt natürlich ein, wie du das gewählte Thema aufziehst (womit wir wieder beim Arbeitstitel sind). Immerhin schreiben wir für unser Business: Wir wollen zeigen, was wir fachlich auf dem Kasten haben, wie wir so „drauf sind“ und an die Dinge herangehen.

Das Ziel: Texte sollen Kunden binden und neue Aufträge gewinnen. Vielleicht möchtest du dich in deinem Fach mit deinem Namen etablieren. Dann müssen die Texte natürlich  „abliefern“.

Das eigene Wissen, die eigene Meinung und Erfahrung zu nutzen, geht nicht nur schneller, du ersparst dir großartige Recherche. Klar kannst du dir hin und wieder gezielt ein fremdes Thema erschließen.

Schreibst du für einen Kunden und merkst, dass du das Thema nicht wirklich checkst – oder über die nüchternen Fakten hinaus keinen Anhaltspunkt zu Bedeutung, Zusammenhängen oder Nutzen hast, dann hol dir die Informationen per Telefon oder vor Ort. Unabhängig davon, ob es bereits ein ausführliches Vorgespräch gab. Manchmal erscheint einem zunächst alles klar zu sein, doch sobald es ans Schreiben geht, kommen die Fragezeichen.

Stell konkrete Fragen! Wiederhole, was du verstanden hast! Nimm nicht nur passiv Informationen auf, das bringt dich dem Thema zu wenig näher. Übrigens ist es oft total hilfreich, als AutorIn eben nicht total im Fachbereich kundig zu sein, weil wir als Laien andere Fragen stellen. Das lockt ganz andere Informationen heraus, als wenn Experte mit Experte spricht.

Themenunsicherheit rächt sich mehrfach: Du brauchst viel länger, musst deine Texte doppelt und dreifach checken und/oder lebst mit der Angst vor dem Veröffentlichen.

4. Du hast eine Abneigung gegen einen Aspekt

Manchmal passt einem etwas nicht, zum Beispiel:

  • Eine vorgegebene Überschrift ist dir zu reißerisch oder bringt dich zum Gähnen.
  • Du magst den Auftraggeber nicht.
  • Der Schreibstil taugt dir nicht – das kann eine Vorgabe sein, zum Beispiel ein trockener, zu theoretischer Ansatz oder du hast auf eine bestimmte Weise angefangen, aber kannst dich nicht damit anfreunden.
  • Du möchtest mit einem Text Marketing für eine Leistung machen, aber insgeheim willst du diese Leistung gar nicht pushen.

Je nachdem, worin die Abneigung besteht, heißt es nun handeln – und das wiederum erfordert eine nächste Frage: Was müsste sein, damit ich den Text schreiben will?

Das Schöne ist, dass wir bei eigenen Texten immer zu 100 % bestimmen können. Du kannst ein Vorhaben umkrempeln oder sterben lassen. Und wenn du für jemand anderen schreibst, kannst du einen Alternativvorschlag machen oder im Extremfall einen Auftrag absagen. Wenn das nicht geht, heißt es, den Auftrag professionell zu Ende zu bringen – aber daraus für das nächste Mal zu lernen: DAS mach ich nicht nochmal!

5. Sich zu viel Druck machen

Wer kann schon locker und mit Freude schreiben, wenn einem der heiße Atem eines anderen in den Nacken bläst, der die Augenbrauen skeptisch hochzieht und fordernd mit den Fingern auf der Tischplatte trommelt? So gehen manche AutorInnen mit sich selbst um: Bist du noch nicht fertig?!! Dieser Satz ist nicht gut genug! Das will eh keiner lesen! Das ist doch alles Mist!

Es gibt einige Dinge, die ich dir wieder und wieder und wieder und wieder ans Herz lege. Eins davon ist das Runterhacken des ersten Entwurfs. 

Ein Plädoyer fürs Quick & Dirty

Der erste Entwurf ist dazu da, den Text aufs Papier zu bringen – gerne ungelenk und mit „Plaudertonpassagen“. Das flutscht! Da wird nicht schon an Sätzen rumformuliert oder immer wieder was neu bedacht und abgeändert.

Wer das tut, kann mit seinem Text arbeiten. Wer versucht, den perfekten, druckreifen Text auf Anhieb zu schreiben, braucht nicht nur Ewigkeiten, sondern fördert Blockaden, denn da kommt nichts oder nur bruchstückhaft was aus dem Kopf. Du bremst den Schreibfluss buchstäblich permanent beim Schreiben aus.

Natürlich: Dieses Runterschreiben geht nur, wenn ich – zumindest ein Stück weit – den Text vorausgedacht habe. Mit einer schwammigen Idee vor einem leeren Bildschirm, kann es nicht von oben bis unten flutschen.

Schreibunlust ist selten einfach nur Unlust

Du siehst, dass es mit den üblichen Anti-Schreibblockade-Tipps oft nicht getan ist. Je nachdem, was hakt, kannst du ohne großes Motivationsgedöns das Schreiben wieder in Fluss bringen – indem du ganz praktisch da ansetzt, wo es hakt.