Ratgeber schreiben

Keine gute Idee: Aufsatz-Struktur bei Ratgebern

Die meisten von uns schreiben Artikel. Ein umfassenderes Schreibprojekt, wie ein Ratgeber oder ein Selbstlernkurs, ist daher ungewohnt. Plötzlich habe ich Hunderte von Seiten vor mir.

In meinen Buchkonzept-Coachings und wenn ich Ratgeber bis zum Manuskript begleitet habe, hatte ich es sehr oft, dass meine Kunden bei der Struktur zu linear denken.

Was meine ich mit „linear“?

Jedes Projekt fängt mit einem aussagekräftigen Plankton-Arbeitstitel an, das gilt auch für komplexere Schreibprojekte, wie Ratgeber und Selbstlernkurse.

Anschließend kommen die weichenstellenden Fragen:

  • der geplante Umfang
  • mein Ziel/meine Motivation
  • die Zielgruppe
  • Was soll der Leser wissen/können/tun?

Das ist die Stelle, an der sich die Frage nach der Struktur stellt: Welche Kapitel brauche ich? Wie bauen die aufeinander auf?

Und hier gehen jetzt viele nach dem gewohnten Schema vor: Einleitung, Mittelteil, Schluss. Das kennen wir aus Schule und Studium, so sind sehr viele Artikel und Vorträge aufgebaut.

Bei einem Ratgeber klappt das aber nicht!

  • Es verkennt die Tatsache, dass die einzelnen Kapitel in der Regel sehr umfangreich sind. Die meisten Bücher haben vier bis sechs Kapitel à 20 bis 30 Seiten.
  • Es macht den Ratgeber bzw. Selbstlernkurs sehr theoretisch, weil ewig ans Thema hingeführt und herumtheoretisiert wird. Das ist langweilig für die Leser und es verführt beim Schreiben dazu, ein Lehrbuch zu schreiben.
  • Es verschenkt wertvollen Platz für die Praxis. Ein Ratgeber erscheint wie ein enormes Vorhaben, oft denkt man „Oh Mann! 150 bis 200 Seiten, hab ich überhaupt genug zu sagen?“ – Ja! Ganz besonders, wenn du deine LeserInnen wirklich an die Hand nimmst, sodass sie mit deinem Buch (oder Kurs) tatsächlich in der Lage sind, in Eigenregie zu aussagekräftigen Ergebnissen und ins Tun kommen. Das beansprucht Platz, ganz besonders, wenn es um persönliche Erkenntnisse und Verhaltensveränderungen geht.

Beim „linearen“ Strukturieren kommt der praktische Teil erst sehr weit hinten – und dann bleibt recht wenig Platz dafür übrig.

Ich stricke mal ein grobes Beispiel. Sagen wir, ich möchte einen Selbstlernkurs schreiben und ziehe das so auf:

Telefonakquise für Selbstständige, die Angst davor haben, sich zu verkaufen

1: Warum so viele Selbstständige eine Scheu davor haben, sich zu verkaufen
2: Telefonakquise – was ist erlaubt, was nicht?
3: Die Besonderheiten am Telefon inkl. Dos & Don‘ts
4: Bedarf ermitteln und die richtige Person im Unternehmen ansprechen
5: Das Gespräch führen
6: Nachhaken

Bitte achte mal nur auf die Gliederung: So würde man bei einem Artikel vorgehen (auch wenn genau dieses Beispiel als Artikel natürlich äußerst oberflächlich würde, selbst wenn er sehr lange ausfällt). Für einen Selbstlernkurs ist diese Aufteilung suboptimal. Da ist zum einen der Umfang – sagen wir, jede Kurslektion hat ca. 15 Seiten: Dann habe ich jetzt Themen drin, die niemals 15 Seiten füllen würden, außer ich blase das Thema theoretisch auf. Und ich habe andere Themen drin, bei denen 15 Seiten nie und nimmer reichen.

Dazu kommt der Lesernutzen: Im Selbstlernkurs soll der Käufer ja mit seiner eigenen Angst umgehen lernen, die Scheu vor dem Telefon verlieren und sich selbstbewusst „verkaufen“ können. Wenn ich das als Anspruch habe, brauche ich viel mehr Platz und eine Struktur, die es mir erlaubt, dass der Leser in jeder Lektion etwas über sich erfährt, sich erarbeitet und etwas damit tut.

Darum muss ich wie ein Adler auf mein Thema und die weichenstellenden Antworten schauen. Letztere habe ich hier im Artikel nicht einbezogen, weil ich lediglich das Prinzip mit der Struktur verdeutlichen will. Doch wenn du deinen Arbeitstitel und die weichenstellenden Antworten aussagekräftig überlegt hast, ergibt sich daraus, welche Kapitel du überhaupt brauchst.

Bei diesem Selbstlernkurs könnte die Struktur so ausfallen:

Telefonakquise für Selbstständige, die Angst davor haben, sich zu verkaufen

1: Die Basics – Dein Business auf den Punkt, das wirksame Vorstellen am Telefon, das Erreichen der richtigen Person und warum Körbe ganz normal sind

2: So stellst du am Telefon einen persönlichen Draht her

3: Bedarf ermitteln, vertiefen, wecken – Frage-Formen und was beim Fragen und Antworten wichtig ist

4: Das Gespräch führen – selbstbewusst den Dialog leiten, anstatt reaktiv oder gar bittstellerisch zu sein

5: Dranbleiben! – Vorboten, Nachbereiten von Telefongesprächen und wie du dich wieder in Erinnerung bringst

Bei Ratgebern ist es ganz genauso

Zunächst gibt der Umfang vor, was ich überhaupt an Platz zur Verfügung habe und die Anzahl der Kapitel bestimmt, was ich sinnvollerweise für Kapitel-Themen nehmen kann. Schreib ich nur einen Pocket-Ratgeber mit 100 postkartengroßen Seiten, muss ich meine Kapitel sehr viel kleinteiliger ansetzen.

Ich habe mal einen Ratgeber geschrieben „Nerv nicht! Über den Umgang mit Nervensägen, Rechthabern, Langweilern & Co.

Eine lineare Struktur hätte so aussehen können:

1: Nervige Gespräche wird es immer geben, was also tun?

2: Es sind immer die Emotionen – unser inneres Gefühl und was der andere in uns auslöst – Wir interpretieren und es wird interpretiert

3: Recht haben wollen oder gut miteinander auskommen? – Warum Missverständnisse und der gefühlte Status zu Konflikten führen

4: Verletzungen und wunde Punkte – Es geht uns oft an die Nerven, was uns das Selbstbewusstsein/die Harmonie nimmt

5: So kannst du souveräner im Alltag bleiben – Wie man die Fassung behält, sie wiedergewinnt, schlagfertig antwortet und Grenzen ziehen kann

Sieht nicht schlecht aus, oder? Und doch würde diese Struktur nicht so gut funktionieren, denn erneut ist das Problem, dass der Umfang der Kapitel unklug gewählt ist – manche dieser Kapitelthemen können nie und nimmer Stoff für 20 bis 30 Seiten liefern (außer man bläht sie). Andere sind viel zu voll, sodass die handfesten Tipps, Übungen zum Reflektieren, Methoden zu kurz kommen bzw. zu oberflächlich abgefrühstückt werden.

Hier zeigt sich ein weiteres Problem bei Ratgebern, dass man als ErstautorIn oft nicht sieht: Die Gefahr zu doppeln und zu springen. Packe ich zu viele Aspekte und Blickwinkel in ein Kapitel, muss ich hin und her hüpfen. Oder ich muss mich wiederholen, weil ich etwas Ähnliches zwingend in einem vorhergehenden Kapitel erklären muss.

Ich habe das „Nerv nicht!“ absichtlich als zweites Beispiel gewählt, weil du gleich siehst, dass ich völlig anders rangegangen bin als im Telefon-Selbstlernkurs eben: Ich habe mir als Struktur überlegt „Welche Arten von nervigen Gegenübern gibt es?“ So konnte ich die grundlegende Theorie ins erste Kapitel packen und springe klar sortiert in die Themen der folgenden Kapitel, um zu zeigen, wie man am besten damit umgeht. Auf diese Weise ist das Buch total praktisch, ich kann die Leser und ihre eigene Rolle klar ausrichten und ich habe genug Platz für die einzelnen Nerv-Situationen.

Das ist das endgültige Inhaltsverzeichnis des Buches:

Nerv nicht!
Über den Umgang mit Nervensägen, Rechthabern, Langweilern & Co.

1: Nervige Gespräche wird es immer geben, was also tun?
Was nervt Sie überhaupt – und warum eigentlich?
Hand aufs Herz: Wo nerven Sie denn selbst?
Beziehungen
Die 5 wichtigsten Tipps zum souveränen Umgang mit anderen
Hand aufs Herz: Wie stark sind Ihre Nerven?

2: Sie werden zugetextet
Der andere redet ohne Punkt und Komma
Der andere redet nur von sich
Sprechdurchfall: Da kommentiert einer alles
Laaangweilig! Wer will das wissen?
Uninteressant! Geschichten fremder Leute
Hand aufs Herz: Sind Sie am Ende selbst ein Zutexter?

3: Sie möchten nicht darüber reden
Ein Gespräch abblocken, ohne unhöflich zu sein
Unerwünschter Rat
Sie haben ein Problem, über das Sie nicht reden wollen
Das ist zu persönlich
Dabei sind Sie mit anderen immer wieder im Clinch
Hand aufs Herz: Respektieren Sie es selbst?

4: Kein Drama, aber ganz schön nervig
Ticks oder Nebengeräusche
Der Angeber
Der Bestätigungssüchtige
Der Wiederholer
Der Triumphierer
Der Gutmensch
Der Obszönling
In jeder Lebenslage souverän agieren

5: Mehr als nervig: Gespräche, die gar nicht guttun
Hand aufs Herz: Was greift Sie an?
Der Runterzieher
Der Beratungsresistente
Der Lästerer
Der emotionale Erpresser
Der Choleriker
Ein ernstes Wort

6: Wenn der Blutdruck steigt
Hand aufs Herz: Regen Sie sich schnell auf?
Der Klugscheißer
Der Lügner
Der Stänkerer
Der Hobby-Psychologe
Der Ständig-ins-Wort-Faller
Der Das-letzte-Wort-Haber
Ruhig Blut! – Notfallplan für akuten Gesprächs-Bluthochdruck

 

Die meisten „Frischlinge“ 😉 beim Selbstlernkurs- bzw. Ratgeberschreiben machen übrigens den Fehler ganz vorne:

  • Sie überlegen sich einen hübsch klingenden Titel, anstatt zunächst mit einem aussagekräftigen Plankton-Arbeitstitel zu arbeiten, der klipp und klar ausrichtet, worum es genau im Ratgeber/Selbstlernkurs gehen wird.
  • Sie überspringen die weichenstellenden Fragen, beantworten sie zu schwammig oder bringen zu viele Aspekte mit rein, die gar nicht zusammenpassen (etwa völlig unterschiedliche Zielgruppen).
  • Sie machen sich nicht genug Gedanken über die Struktur und die Aufgabe der einzelnen Kapitel.
  • Sie arbeiten die Kerninhalte pro Kapitel nicht aus, sondern denken sich direkt ein fertiges Inhaltsverzeichnis aus.
  • Oder, am allerschlimmsten bei komplexen Projekten: Sie machen sich überhaupt keine Gedanken, sondern schreiben drauflos und schauen, was sich so ergibt. Damit kann man bei kurzen Artikeln durchkommen, aber bei einem umfangreichen Projekt führt das richtig schnell in den Wald.

Wie immer: Das Fundament  muss stimmen. Dann flutscht der Rest.